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Venture 61 - Runter kommen sie alle...

--- Venture, Brücke

Zufrieden beobachtete Hisaki die Fortschritte Veronicas. Nachdem der Japaner seine, bzw. eigentlich McCarthys, Verwaltungsarbeit erledigt hatte, tat er immer noch beschäftigt, um die junge Frau nicht zu verunsichern.

Stattdessen beobachtete er auf seinem PADD die Anzeigen des Navigationspults, bzw. die Navigationsdaten. Die Freude über die Beförderung und der neu entfachte Ehrgeiz Veronicas waren wie ein Jungbrunnen für Kuzhumo gewesen.

Er wusste wieder warum er hier war, Warum er sich seiner Familie entsagte. Es waren Menschen wie sie, jung, voller Ehrgeiz, die aber gleichzeitig diesen hinten anstellten, nur um das Richtige zu tun.

Langsam wurde er aber des PADDs überdrüssig und stand auf. Auch wenn er es gerne verleugnete und auf der Venture das Gerücht umherging sein Körper würde nicht altern (wobei die gehässigeren Zungen hinzufügten, dass sein Körper bei 150 Jahren stehen geblieben wäre), merkte er es doch ab und zu in den Knochen.

Wenn er lange saß und sich nicht viel bewegte, merkte er das. Zwar war er für sein Alter überdurchschnittlich fit, zumindest behauptete Dr. Kincaid dies, aber das hieß nur, dass das Alter langsamer kam. Aber es kam.

Mit gemäßigten Schritten ging er hinüber zum Navigationspult und blickte Jesanta über die Schulter. Sie war ebenfalls ein Lieutenant Jr., aber auch auf der Karriereleiter stecken geblieben.

Auch sie hatte Kuzhumo befragt, was ihr vorschwebe, wo sie sich gerne sehen würde. Tatsächlich wollte sie unbedingt auf der Brücke Dienst tun, so dass der Erste Offizier ihre erste Schicht an der Kommunikation ableisten ließ.

Jesanta war in die Anleitungen ihrer Konsole vertieft, so dass der Japaner weiter zu Veronica schlenderte.

"Miss Aillard, wann denken Sie, das Sie...", setzte er an, als ein erstickter Aufschrei ihn jäh unterbrach. Blitzschnell wandte Hisaki sich zu Jesanta um, die verzweifelt auf ein paar Tasten ihrer Konsole drückte.

"Mr Hisaki, hier ist ein Notruf, aber ich bekomme kein sauberes Signal, was soll ich machen?", fragte die blonde Frau der Verzweiflung nahe. Der Angesprochene überlegte keine Sekunde, als er schon seine Befehle gab.

"Miss Aillard, schnell an die Kommunikation, was Sie kriegen legen Sie sofort auf den Schirm. Miss Jesanta, an die Navigation, bringen Sie uns aus dem Nebel, damit wir ein besseres Signal bekommen. Hisaki an McCarthy, kommen Sie bitte sofort auf die Brücke."

Die beiden Frauen gaben ihr Bestes und schnell formierte sich ein verzerrtes Bild eines Bajoraners auf den Hauptbildschirm. Mit einem Seitenblick zu Veronica sah er ihr angestrengtes Gesicht, während sie versuchte ein besseres Signal einzufangen.

"... hier... bajora... achter... r... stürz... en... a...", angestrengt versuchte Kuzhumo aus den Interferenzen deutlicheres zu verstehen, aber die Verbindung brach abrupt ab.

Der Erste Offizier hob eine Augenbraue und beugte sich über die Kommunikation und las die Ergebnisse der frisch beförderten Offizierin. Zischend öffnete sich eine Turbolifttür im Hintergrund. Hisaki erkannte schon am Schritt, bevor der knappe Befehl "Lagebericht" erklang, dass der Captain angekommen war.

Lächelnd legte er eine Hand auf die Schulter Veronicas, als er McCarthy ansprach, "Wir haben einen Notruf eines bajoranischen Frachters aufgefangen. Miss Aillard ist es trotz des schlechten Signals gelungen, den Ursprungsort zu bestimmen. Ein bisher unerforschter Planet nahe der romulanischen Besatzungszone, einen halben Tag mit Warp 8 von hier entfernt. Ihre Befehle?"

"Lieutenant.

Charles ließ den Rang einen Moment im Raum stehen, nickte Veronica dabei kurz zu. Später würde er sich die Zeit nehmen, ihr zu der Beförderung zu gratulieren, aber vorerst galt es ein Schiff zu retten.

"Spielen Sie die Aufzeichnung bitte nochmals ab"

Aillard tippte flink auf dem Terminal und keine Sekunde später ertönte der verzerrte Notruf erneut über die Lautsprecher. Man konnte deutlich die Angst in der Stimme des Fremden spüren, bis die Übertragung abrupt abriss und die Aufzeichnung damit endete.

"Jesanta, bringen Sie uns zurück in den Nebel. Hisaki, wir müssen unsere Besatzung vervollständigen, die Transporterräume sollen sich bereit halten."

Einen Moment räusperte er sich und knöpfte seine Uniformjacke zu. Er hatte gerade Duschen wollen, als er automatisch über den Notruf informiert worden war.

"McCarthy an die Crewmitglieder der Venture auf der Atlantis: Wir werden in genau fünf Minuten den Nebel verlassen. Bereiten Sie sich darauf vor, wieder an Bord gebeamt zu werden. Venture, Ende."

Nachdem der Kanal geschlossen war, begab er sich zu dem Kommandosessel und kontrollierte ihre Position. Soeben waren sie wieder in den Nebel eingetaucht, der ihnen in den letzten Tagen Schutz gewährt hatte.

Doch die Venture war nicht dafür da, sich zu verkriechen.

Nein, sie war ein Instrument um zu helfen.

--- Transporterraum

Jean hatte dem Psychologen zum Abschied einen leichten Kuss auf die

Wange gehaucht und hatte dann das Holodeck verlassen. Für einen Moment

hatte die Trill ernsthaft darüber nachgedacht einfach nicht auf den Ruf

von Captain O'Connor zu reagieren und auf der Venture zu bleiben. David

war ein angenehmer Zeitgenosse und es gab genau genommen nichts, was sie

auf der Atlantis hielt und das kleine Abenteuer, das sie bestritten

machte sichtlich Spaß.

Doch schließlich hatte sie sich doch für die Atlantis entschieden -

größerer Computerkern - auf Dauer wohl mehr Abenteuer.

Und so hatte sie sich von David verabschiedet und war nun wieder auf dem

Weg zurück zur Atlantis.

Das vertraute Prickeln des Transporterstrahls erfasste den Körper der

jungen Frau und schon löste sich die Welt der Venture vor ihren Augen

auf. Stattdessen erschien wenige Augeblicke später der Transporterraum

der Atlantis vor ihren Augen.

--- Holodeck 1, Kaimauer

Jean hatte gerade das Holodeck verlassen. David würde sich in ein oder zwei

Tagen wieder bei ihr melden... Der Abend war wirklich nett... Einmal

ließ der Psychologe noch seinen Blick über die Schlacht schweifen bevor

er das Programm speicherte und beendete.

--- vor dem Holodeck

Es war erst 18.30 Uhr und in der Bar sollte eine Feier stattfinden, doch

war David wohl eher für einen gemütlichen Abend auf seiner Couch.

Vielleicht würde er wieder einige Personalakten studieren. Arbeit gab es

bisher kaum für ihn, was mit Sicherheit daran lag, dass er auf diesem

Schiff erst wenige Kontakte geknüpft hatte; doch war es sicher hilfreich

wenn er zumindest eine Ahnung hätte, wer zu ihm kommen könnte. Die

medizinischer Akte des Sicherheitschefs las sich wie eine Lektüre über

alle bisher bekannten Krankheiten mit Ausnahme von sexuell übertragbaren...

--- Davids Quartier

In seinem Quartier angekommen legte David sein Oberteil ab. Es roch

alles noch nach Meersalz und Feuer, was ihn wieder daran erinnerte, dass

seine Kleidung auf dem Holodeck auch nur holographischer Natur war.  Er

ging an sein geliebtes Panoramafenster, lehnte sich nach vorne und

stützte sich mit den Händen am Rahmen ab. Sein Blick fiel direkt auf die

Atlantis, welche nur wenige hundert Meter entfernt im Nebel schwebte.

Sie war so nahe, dass man in den Fenstern ab und zu Silhouetten von der

Besatzung, oder das kurze Zünden der Manövriertriebwerke am Rumpf zur

Stabilisierung erkennen konnte. Es war ein unbeschreiblich schöner

Anblick. Plötzlich hörte David, wie sich die Verankerungen der beiden

Schiffe lösten. Die Venture bewegte sich zügig von der Atlantis weg.

Nach nur wenigen Sekunden verließ das Schiff den Nebel und stoppte

wieder. Zumindest glaubte David das, da er nun 'nur' noch die Sterne

erkannte und keine Geschwindigkeit einschätzen konnte

Der junge Terraner begab sich zu eine seiner Kommoden und holte seine

Hanteln heraus. Wenn er schon stank, dann auch richtig! Seit er hier auf

der Venture angekommen war und zuviel Langeweile hatte trainierte er

alle zwei Tage intensiv im Fitnessraum, doch wollte er gerade ein wenig

für sich sein.

--- Brücke, vier Minuten später

"Soeben haben wir das letzte Besatzungsmitglied an Bord gebeamt", meldete Hisaki von einer Konsole im Hintergrund, "Wir sind bereit."

Anerkennend nickte der Captain seinem Ersten Offizier und Freund zu, bevor er sich erneut an Veronica wandte: "Miss Aillard, übermitteln Sie der Atlantis unseren Dank für ihre Gesellschaft. Und viel Glück."

Die Götter wussten, dass O'Connor es brauchen würde.

Während der Funkspruch abgesetzt wurde, tauchte sein Schiff aus den Schwaden des Nebels auf, wie ein Geist in der Morgendämmerung.

"Beschleunigen!"

--- Brücke, elf Stunden später

"Captain, wir orten den Frachter auf dem südlichen Kontinent. Keine Zivilisation erkennbar. Von dem Frachter gehen keine Energiesignaturen aus, aber der Rumpf scheint intakt zu sein"

Hisaki unterbrach seinen Bericht einen Moment, fügte dann mit einem Lächeln hinzu "Ich registriere Lebenszeichen. 37 Personen: In der Nähe des Frachters!"

Bei den Worten war McCarthy aus dem Sessel aufgestanden.

Der Pilot des Frachters musste ein wahrer Teufelskerl sein, so einen klobigen Klotz Metall in einem Stück zu landen!

"Brengh, bringen Sie uns in eine stabile Umlaufbahn"

Der Caldonier saß mittlerweile an der Steuerkonsole. Eigentlich wäre es Cheyennes Schicht gewesen, aber die Frau war noch immer auf der Krankenstation.

Die Venture näherte sich langsam dem Planeten. Aus dem Orbit würden Sie den Transporter einsetzen können. Vielleicht bekamen sie ja sogar den Frachter wieder flott...

"Die Sensoren registrieren ein elektromagnetisches Feld...Captain, es umgibt den ganzen Planeten und es wird stärker!"

Hisakis Stimme klang nun schlagartig alarmiert.

"Analyse!", wies Charles den Japaner knapp an, während die Deckenbeleuchtung unheilvoll anfing zu flackern und erste Warnleuchten auf seiner eigenen Konsole anfingen wie wild zu blinken.

"Das Feld entzieht der Venture einen immer größer werdenden Teil der Energie. Wir haben dadurch partielle Systemausfälle auf dem ganzen Schiff: Sensoren, Waffen, Antrieb, selbst die Hand-Tricorder funktionieren nicht mehr oder nicht mehr einwandfrei..."

Die Stimme des Japaners erstarb für einen Moment.

Dann fügte er bedeutungsschwer hinzu: "Der Impulsantrieb ist soeben ausgefallen, die Manövrierdüsen sind über manuelle Steuerung noch bedingt funktionsfähig. Und wir bewegen uns noch immer auf den Planeten zu"

McCarthy wusste, was das bedeutete: Ohne Antrieb würden sie den stabilen Orbit verfehlen. Und dann unweigerlich auf den Planeten stürzen - wie der Frachter.

"Miss Aillard, können wir noch einen internen Kanal öffnen?"

Die frischgebackene Lieutenant schien noch immer damit beschäftigt, die plötzlich eskalierte Situation zu verdauen, aber die Professionalität setzte sich durch und nach zwanzig Sekunden des stummen Tippens bestätigte sie schließlich.

McCarthy nickte dankbar.

"Captain an die gesamte Mannschaft. Bereiten Sie sich darauf vor, dass das Schiff in circa drei Minuten auf den Planeten unter uns stürzen wird. Brücke, Ende"

Nachdem die Nachricht abgesetzt war, hieß es warten.

Charles schloss die Augen. Er konnte wenig tun. Außer die Ruhe bewahren. Wenn jemand einen bajoranischen Frachter auf dem Planeten landen konnte, würde Brengh das auch schaffen!

Als er die Augen wieder öffnete, waren die drei Minuten fast vergangen. Der riesige Caldonier hatte das Schiff mit Hilfe der Manövrierdüsen mittlerweile etwas drehen können, sodass sie in der Atmosphäre gleiten können würden.

Ein leichtes Rütteln durchströmte das Schiff.

Die Atmosphäre.

Die Außenhaut der Venture fing wegen der Reibung mit der Luft an zu glühen, als das Schiff sich unaufhaltsam senkte und der Oberfläche entgegen schoss...

--- Turbolift

Der Chefingenieur der Venture hatte sich gerade auf dem Weg zur Brücke befunden, um bei eventuellen Bergungsmaßnahmen des Frachters von der Planetenoberfläche direkt an der technischen Konsole informationstechnisch als Hilfe zur Stelle zu sein, als er die Energieschwankungen bemerkte und die Nachricht des Captains über Interkom hörte.

Ein derber Fluch hatte daraufhin durch die kleine Liftkabine geschallt, kurz bevor sich die Türen geöffnet und den Blick auf die Brücke freigegeben hatten.

--- Brücke

Nach einem kurzen aber entsetzten Blick auf den Hauptbildschirm sprintete Yhea zu der technischen Konsole und aktivierte sie. Die Warnlampen des roten Alarms spiegelten sich in seinen aufgerissenen Augen, während er darauf wartete, dass ihn der Computer mit einem groben Bericht über den Zustand des Schiffes versorgte.

Wie in Zeitlupe erschien dieser nach einigen Sekunden, die ihm beinahe wie Stunden vorkamen auf der Konsole, der jedoch durch die weiter anhaltenden Energieschwankungen mehr schlecht als recht zu lesen war. Anscheinend rührte der anhaltende Energieverlust von einem Dämpfungsfeld in der Atmosphäre her, doch darüber gaben die Sensoren leider nur leidlich Auskunft. Außerdem hatte Yhea andere Dinge zu tun, als sich über etwaige Naturphänomene Gedanken zu machen, schließlich musste er versuchen, die Systeme wieder zum Laufen zu bekommen und damit die Venture wieder in einen stabilen Zustand zu bringen.

Ein lauter Fluch von Brengh ließ ihn kurz nach vorne schauen. Angestrengt kämpfte der Caldonier damit, die Venture nicht zu unkontrolliert abstürzen zu lassen, doch den Bewegungen und auch den Bildern auf dem Hauptbildschirm nach war das wohl kein ganz so einfaches Unterfangen. Kurz fragte sich der Romulaner, wieso es die Föderation unterlassen hatte, dieses Schiff landetauglich zu konstruieren, schließlich sollte es ja nicht all zu schwer sein, ein paar atmosphärengeeignete Triebwerke und Stabilisatoren einzubauen.

Ein lautes Piepsen von der Konsole ließ seine Aufmerksamkeit wieder voll auf ihr eigentliches und vor allem aktuelles Problem zurückkehren. Nach ein paar kurzen Befehlseingaben wandte er sich an McCarthy.

"Captain, die Außenhüllentemperatur steigt ziemlich schnell an; vermutlich durch einen zu steilen Eintrittswinkel und überhöhte Geschwindigkeit. Ich habe versucht, den Schilden und Integritätsfeldern mehr Energie zuzuführen, jedoch wird sie uns schneller abgezogen, als wir sie verteilen können. Ich weiß nicht, ob wir in einem solchen Zustand den Aufschlag in einem Stück überstehen werden."

--- Quartier 43, vorher

Celia trat aus dem Badezimmer, bereits vollständig angekleidet, und rubbelte sich die schulterlangen, blauschwarz glänzenden Haare mit einem Handtuch trocken. Selbstverständlich hätte sie sie auch fönen können, allerdings hatten sie dann meist die Tendenz, sich elektrostatisch aufzuladen.

Es kam nicht gerade gut, wenn man jemandem die Hand gab, um ihn zu begrüßen, wenn derjenige dann sofort einen elektrischen Schlag bekam. Also bevorzugte die Indianerin die herkömmliche Methode, auch wenn diese deutlich länger dauerte.

Sie legte sich das Handtuch um die Schultern und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Dann bereitete sie sich in aller Seelenruhe ihr Frühstück zu, das wie meistens aus Müsli und einer Tasse heißen Kakaos bestand. Die Lakota liebte Kakao - Schokolade allgemein war etwas, dem sie nicht widerstehen konnte.

Celia setzte sich an den niedrigen Tisch, der bei anderen Menschen wohl eher nicht diese Bezeichnung erhalten hätte. Irgendwie sah er aus, als hätte jemand ihm seine Beine abgesägt. Nicht, weil er etwa schief gestanden hätte, nein, er stand vollständig gerade. Aber die Indianerin bevorzugte es, auf dem Boden zu sitzen anstatt auf einem Stuhl. Daher musste der Tisch eben niedrig sein.

Im Quartier hätte man sowieso den Eindruck gewinnen können, man befände sich in einem Dschungel. Oder zumindest im Arboretum. Naturverbunden, wie Celia nun einmal war, hatte sie sich die Natur an Bord geholt - in Form von allen möglichen Pflanzen, teils terranischen Ursprungs, teils von den Planeten stammend, die die Venture in den letzten Jahren angeflogen hatte.

Während die Wissenschaftlerin ihr Frühstück genoss, dachte sie noch ein wenig über die Vorkommnisse des vergangenen Tages nach. Diese merkwürdige Situation mit der zusammenbrechenden Ärztin in der Bar hatte sie reichlich nachdenklich gemacht. Dann die Analysen eines vollkommen normalen Getränkes und das darauf folgende Gespräch mit Trustman, als sie wieder in der Bar angelangt war.

Aber warum machte sie sich überhaupt Gedanken? Immerhin hatte ihr Dr. Campbell von der Atlantis ja versichert, dass es Dr. Kincaid schon wieder gut ging. Und einer Ärztin sollte man ja wohl vertrauen können, vor allem einer, die einen solchen guten Ruf hatte wie die Schottin...

Dennoch nahm sich die Lakota vor, sich einmal zu Dr. Kincaid zu setzen und sich mit ihr zu unterhalten, wenn sich die Gelegenheit ergeben sollte...

Einige Zeit später machte sie sich auf den Weg ins Labor. Sie hatte sich für heute noch ein paar Versuche vorgenommen. Nur um sicherzugehen, dass die Geräte auch wieder zuverlässig funktionierten. Celia war übergründlich. Lieber kontrollierte sie einmal zu viel als zu wenig.

--- Labor, etwas später

Die Türen des Labors begannen, sich zischend hinter der eintretenden Indianerin zu schließen. Aber sie blieben plötzlich stehen, als hätten sie vergessen, was ihre Aufgabe sei. Oder als würde ein unsichtbares Hindernis sie geöffnet erhalten.

Ungehalten wandte die Lakota sich um und blickte mit gerunzelter Stirn auf den Spalt. Was war das nun schon wieder.

Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung war, sah sich aber nicht um. Möglicherweise Dunlaith. Oder Forge. Wobei sie bei letzterer Annahme eher skeptisch war. Es war die Frage, ob er schon so früh in der wissenschaftlichen Sektion auftauchen würde. Nicht, nachdem gestern eine Party in der Bar stattgefunden hatte.

Wer wusste schon, wo sonst noch.

"Wissen Sie, was das hier zu bedeuten hat?", fragte Celia in den Raum, als plötzlich der Interkom ansprach.

"Captain an die gesamte Mannschaft. Bereiten Sie sich darauf vor, dass das Schiff in circa drei Minuten auf den Planeten unter uns stürzen wird. Brücke, Ende"

Wie eingefroren starrte Celia auf den Lautsprecher, als habe sie sich verhört. "Abstürzen?", formulierte ihr Mund tonlos.

Die Venture? Abstürzen?

Das konnte nur ein schlechter Traum sein. Celia zwinkerte, als wolle sie den Traum vertreiben. Allein, er ließ sich nicht vertreiben.

Celia bemerkte plötzlich, wie das Schiff zu vibrieren begann. Zunächst war es nur ein leichtes Kitzeln unter den dünnen Sohlen ihrer Schuhe, das die Sinne der Indianerin, ans Barfußgehen gewöhnt, sofort wahrnahmen.

Innerhalb kurzer Zeit steigerte sich das leichte Kitzeln zu einem deutlich spürbaren Rütteln.

Sie wandte sich um. Tatsächlich. Forge stand am anderen Ende des Raumes, offensichtlich war er bereits vor ihr im Labor gewesen. Er sah etwas übernächtigt aus, fand Hunter.

"Das ist doch wohl hoffentlich nur eine Übung?!", fragte die Wissenschaftlerin, obwohl sie die Antwort zu wissen fürchtete...

"Ich befürchte nicht...", presste Jan heraus, schnappte die fast erstarrte Celia und zog sie mit sich unter einen der fest montierten Tische. Nach dieser ersten Fluchtreaktion umklammerte er seine Chefin, als ihm auffiel, dass ein Absturz lebensbedrohlich sein könnte.

Er war kein sonderlich tapferer Mensch und hatte eigentlich wesentlich Besseres zu tun, als mit einem Schiff abzustürzen. So wie die Party letzte Nacht. Oder ein, leider abgesagtes, Frühstück mit Jordan.

Als das Schiff langsam ins Wackeln kam, merkte man, dass die Frist bis zum Aufschlag fast verstrichen war. Mit einem Mal kamen ihm zwei Gedanken durch den Kopf.

Der Eine war, dass er im Universum das wahrscheinlich kleinste Licht war. Er war kein Kirk oder, nach einigen, oder eher vielen, weiteren Abstufungen, McCarthy. Er war Jan Forge und hatte gerne Geschlechtsverkehr. Das wars.

Der Andere war: 'Was solls?'

"Miss Hunter... ich würde es mir in der Anderswelt nie verzeihen, wenn ich es nicht tun würde... ich hoffe Sie können es...", Jan seufzte und schaute der verwirrten Frau tief in die Augen, "Sie sind eine der begehrenswertesten Frauen, die ich kenne und ich wünschte, wir hätten uns besser kennen gelernt oder zumindest eine der vielen Chancen dazu genutzt. Ich habe Sie immer bewundert und bitte verzeihen Sie mir..."

Mit diesen Worten küsste er die überraschte Lakota mit voller Leidenschaft.

Kurz danach wurde alles schwarz.

--- Quartier 71

S'Tom befand sich in seinem Quartier, in seinem Bett genauer gesagt. Nach der wenig ereignisreichen Schicht im Maschinenraum hatte er sich drei Stunden vor der voraussichtlichen Ankunft am neuen Reiseziel hierhin begeben, um seine von den Reparaturarbeiten nach der letzten Mission noch immer etwas beeinträchtigten Energiereserven durch Schlaf zu regenerieren.

Plötzlich erwachte der ehemalige Borg. Er hatte vorgehabt, seinem internen Chronometer nach, noch mindestens zwei Stunden zu ruhen. Aber irgendetwas stimmte nicht. Es dauerte Millisekunden, bis er realisierte, was genau. Seine rechte Hand - sein Gehirn empfing keinerlei Signale von ihr. Es folgte ein Versuch, Muskeln oder Implantate in ihr anzusprechen, aber auch das schlug fehl.

Der Vulkanier öffnete seine Augen, setzte sich im Bett auf, und betrachtete verwundert den betreffenden Arm, dessen physische Verbindung zu seinem Körper wie erwartet noch gegeben war. Ein Teil seines Gehirns verarbeitete inzwischen sonstige sensorische Informationen und kam zu dem Schluss, dass sich das Schiff nicht mehr mit Warpgeschwindigkeit bewegte, sie somit - in Übereinstimmung mit der initial geschätzten Reisezeit - bereits am Reiseziel angekommen waren. Ein anderer Teil veranlasste eine ausführliche Selbstdiagnose.

13 Sekunden später sah sich S'Tom leicht verwirrt in dem Quartier um. Wo war er? Ein Quartier mit diesem Layout existierte auf der Thunderbird nicht. Gerade eben hatte er sich doch noch in der Messe mit Sitak unterhalten. Er stand auf, beide Hände dabei erfolgreich verwendend, woran er aber keinerlei Gedanken verschwendete, und bewegte sich zur Konsole. Auf dem Weg verarbeitete sein Gehirn, dass es in der Situation einige Widersprüche gab - sein interner Chronometer meldete eine deutlich vom letzten Zeitpunkt seiner Erinnerung abweichende Werte. Im nächsten Moment musste er sich wundern, wieso es mehrere Sekunden gedauert hatte, diese Diskrepanz zu entdecken, üblicherweise hätte sein Gehirn diese Informationen in Sekundenbruchteilen verarbeiten müssen.

Im nächsten Moment standen dem ehemaligen Borg wieder alle seine Erinnerungen zur Verfügung. Somit konnte er sich jetzt auch über seine wieder funktionierende Hand so wie die grundlos abgebrochene Selbstdiagnose wundern. Er initiierte die Diagnose erneut, ließ sich dafür wieder auf das Bett nieder. Seine Funktionen waren offensichtlich grob beeinträchtigt, aber wieso?

Während der Selbstdiagnose stieg die Datenmenge von den Okularimplantaten des Technikers sprunghaft an, er erkannte starke elektromagnetische Strahlung weit außerhalb des optischen Spektrums. Eine weitere Fehlfunktion, oder war jetzt erst die Funktionstüchtigkeit wiederhergestellt? Es sprach für letztere Annahme, dass diese Strahlung als Grund für seine Probleme in Frage kam...

Die Diagnose ergab schließlich Energiefluktuation in allen Systemen, eine Kompensation war bis jetzt nicht möglich. Sein Überleben war mit einer Wahrscheinlichkeit von über 40% gefährdet, sofern er sich nur auf seine eigene Anpassungsfähigkeit verließ.

'90%', korrigierte der Vulkanier in Gedanken seine Abschätzung, wobei natürlich ein Absturz die Gefährdung in allen möglichen Handlungsszenarien erhöhte. Sein Gehirn verarbeitete zwar keine mit einem Absturz vereinbaren Informationen, wie zum Beispiel Vibrationen des Schiffes, aber auf sein Gehirn konnte er sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wirklich nicht mehr verlassen.

"S'Tom an Krankenstation", begann er die schiffsinterne Kommunikation, bevor plötzlich seine gesamten kranialen Implantate abschalteten.

--- Jeffreys Quartier

David erwachte durch einen unglaublich hellen Sonnenaufgang. Er konnte nie gut schlafen, wenn sich das Schiff in einem Sonnensystem befand. Nicht mehr gewohnt war er an echtes Sonnenlicht. Schwungvoll erhob er sich aus seinem Bett und schlenderte herüber ins Wohnzimmer. Vor dem Fenster blieb er stehen und betrachtete den Planeten. Den letzten Klasse-M Planeten hatte er vor vielen Monaten gesehen. Genauso lange war es her, dass er einen Spaziergang im Grünen machen konnte. Das Leben auf einem Raumschiff brachte schon einige gravierende Einschränkungen mit sich...

Der Psychologe ging, sich streckend und nur mit einer Boxershort bekleidet zum Replikator herüber. "Einen Latte Macchiato... mit Caramel!"...

Wieder am Fenster nahm er einen Schluck und verbrannte sich am Café... wie immer. Das Schiff flog noch immer auf den Planeten zu. Er hätte gerne in Erfahrung gebracht, was die Venture hier zu suchen hatte. Vielleicht gab es ja die Möglichkeit, ein Außenteam mit auf den Planeten zu begleiten ...

Plötzlich bemerkte David ein Flackern an seiner Konsole. Zügig ging er hin... sie war ausgefallen. "Verdammt.", murmelte er. Das war das zweite Mal, dass seine Konsole ausfiel seitdem er in das Quartier gezogen war...

"Captain an die gesamte Mannschaft. Bereiten Sie sich darauf vor, dass das Schiff in circa drei Minuten auf den Planeten unter uns stürzen wird. Brücke, Ende"

Ein kurzer Augenblick verging, in dem David wie erstarrt dasaß. Dann stand er blitzschnell auf, zog sich ein Shirt und eine Wolljacke über und überlegte, wo er sich am besten schützen konnte. Zuallererst musste er das Quartier verlassen, da es sich direkt an der Außenhülle des Schiffes befand...

--- Brücke

"Das muss das Boot abkönnen!", erwiderte McCarthy ohne zu zögern. [SCNR]

Das Licht flackerte noch immer, während das Schiff sich immer weiter der Oberfläche näherte. Brengh hatte es inzwischen geschafft, den Eintrittswinkel zu korrigieren und das Schiff auf die "Rückseite" zu drehen, so dass der Antriebsbereich beim Aufprall nicht beschädigt werden würde.

Auf dem Hauptbildschirm konnte man zwischen all den Interferenzen mittlerweile die karge Landschaft am Boden erkennen: Eine flache weite Ebene mit vereinzelten Bäumen. Am Horizont eine Bergkette. Und Charles meinte eine Herde riesiger Landsäugetiere zu erkennen, welche den staubigen Boden aufwirbelte.

'Tiere und Pflanzen...zumindest werden wir ohne die Replikatoren nicht verhungern', stellte er fest, schränkte die Überlegung dann aber gleich innerlich ein, 'Falls wir es ohne Phaser schaffen, so einen Koloss zu erlegen'

Aber auf der Sternenflottenakademie waren sie auch darauf trainiert worden, notfalls ohne Technik auszukommen. Auch wenn sein eigenes Training verdammt lang her war.

'800 Meter', schätze Charles die verbliebene Höhe ein, seine Konsole zeigte schon länger keine Werte mehr an, 'Tendenz rasch fallend'

Schweiß perlte auf Alnaks Stirn, während er versuchte, mit Hilfe des ständig ausfallenden Computers die Energiesysteme der Venture irgendwie am Laufen zu halten; schließlich sollte Brengh zumindest die Möglichkeit erhalten, das Schiff in einem Stück runter zu bekommen.

Laut den Anzeigen war die Flughöhe schon auf unter 400 Meter gesunken, jedoch vermied es der Romulaner, jetzt auf den Hauptschirm zu sehen. Er hatte keine Lust zu sehen, wie die Venture auf irgendeinen Berg zuflog oder über einen Wald absank; vermutlich konnte Brengh bei den eingeschränkten Manövriermöglichkeiten sowieso nicht wählerisch sein bei der Wahl ihres "Landeplatzes".

"Noch 200 Meter", tönte es über die Brücke. Verdammt schnell kam das Ganze dem Chefingenieur vor. Hoffentlich schafften sie es, die Geschwindigkeit so weit zu verringern, dass der Aufschlag nicht zu hart war. Auf die Schilde konnten sie nämlich nicht mehr zählen, denn die hatten sich schon bei 300 Metern verloren. Zumindest arbeiteten die Integritätsfelder noch einigermaßen zuverlässig, so dass wenigstens die internen Strukturen...

Eine Warnmeldung später und schon waren sie die auch los und Yhea schaffte es nicht mehr, das Restchen an Energie, welches noch irgendwo in den Energieleitungen schlummerte, dafür aufzubrauchen. Alles, was sie noch hatten, ging an die Manövriertriebwerke und selbst das war nur noch ein kläglicher Rest.

"Captain", begann Yhea, um McCarthy von dem Ausfall zu berichten, als sich plötzlich seine Konsole komplett abschaltete, begleitet von der Notbeleuchtung und den sonstigen Systemen auf der Brücke. Komplette Dunkelheit brach über die Brücke herein, während ein ängstliches "Oh, oh!" zu hören war. Blind und taub raste die Venture die letzten 50 Meter auf die Oberfläche zu, während sich Yhea mit aller Kraft an seinen Stuhl klammerte und hoffte, dass er das Ganze überlebte.

"Sie sagen es!", antwortete McCarthy der Stimme aus dem Dunkeln.

Nicht einmal die Notbeleuchtung funktionierte! Die Stärke des Energiedämpfungsfeldes musste sich erhöht haben, als sie sich der Oberfläche genähert hatten.

'Fünf, vier, drei,...'

Der Captain zählte innerlich die Sekunden bis zum Aufschlag herunter und bemerkte, wie er sich unterbewusst immer fester in die Armlehnen festkrallte und wie die veloursartige Polsterung seinen kalten Schweiß aufsaugte.

Sollte es das gewesen sein?

Die Venture?

Sie alle?

Im Hintergrund nahm Charles ein ersticktes Wimmern dar, aber er erkannte die Person nicht. Viel zu sehr drängte sich das dumpfe Pochen seines eigenen Herzens in den Vordergrund. Er fühlte fast, wie das Blut in schnellen Pulsen durch seine Adern schoss.

'...zwei, eins,...'

Er atmete tief durch.

Dann wurde er durch einen gewaltigen Schlag aus seinem Sessel gerissen. Noch immer war die Brücke dunkel und für einen Moment war es fast grotesk, durch die Finsternis geschleudert zu werden.

Dann traf sein Körper ächzend auf dem Boden der Brücke auf und schlagartig wurde die Luft aus seinem Brustkorb gedrückt. Mühsam versuchte er, wieder etwas Sauerstoff einzusaugen, als die Venture erneut aufschlug, diesmal etwas sanfter.

Das Schiff musste wie ein flacher Stein auf dem Wasser springen!

Seine Annahme bestätigte sich, als eine Sekunde später ein weiterer Schlag auf seine Lunge hieb wie ein Dampfhammer. Diesmal versuchte er erst gar nicht mehr, wieder einzuatmen.

Stattdessen begann sein Körper unwillkürlich auf dem Boden zu rutschen: Das Schiff schlitterte wohl über die Oberfläche und bremste so langsam ab.

Sieben endlose Sekunden später kam das Schiff endgültig zum Stehen. Erst jetzt bemerkte McCarthy, dass eine Konsole im hinteren Bereich Feuer gefangen hatte und die Brücke etwas mit Licht erfüllte. Das automatische Löschsystem war ausgefallen.

Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass sein Körper auf der Zimmerdecke liegen musste. Hoch über ihm hing der Kommandosessel in der Luft; ein merkwürdiger Anblick.

Als sie aufgeschlagen waren, musste die künstliche Schwerkraft ausgefallen sein.

Aber das war egal: Wenn das Schiff auf dem Rücken lag, war der Sekundärkörper mit der Antriebssektion wahrscheinlich unbeschädigt geblieben.

Und sie würden wieder starten können, falls sie das Schiff repariert bekamen.

"Geht es Ihnen allen gut?", fragte er ins Halbdunkle und war sich gleichzeitig noch nicht sicher, was er selbst auf diese Frage antworten würde. Während er auf Antworten wartete, sortierte er seine Knochen und prüfte vorsichtig, ob irgendetwas gebrochen war...

--- Krankenstation, währenddessen

Als S'Toms Stimme über die Lautsprecher kam, brach Jordan die Koordination der Notfallprotokolle ab und schritt zu Jones hinüber. Er war bereits an einer Konsole damit beschäftigt, S'Tom zu antworten und den Transporterraum zu kontaktieren. Auf ihren fragenden Blick hin schüttelte er den Kopf.

Jordan unterdrückte einen Fluch und sah sich im flackernden Licht in der Krankenstation um, deren Notfallsysteme liefen, es aber garantiert nicht mehr lange tun würden. Sie musste sich an der Konsole festhalten, weil die Trägheitsdämpfer den Geist aufgaben und das Schiff langsam ruckelte. In der Krankenstation herrschte kontrolliertes Chaos: Unglaublich aber wahr, sie waren sogar auf so einen Notfall vorbereitet. Das Personal, gut trainiert von Cailin, lief eilig auf und ab, stellte Biobetten auf, rief sich Kommandos zu, legte Hyposprays bereit und replizierte ganze Serien von Medikamenten, sofern sie repliziert werden konnten, während andere das Lager plünderten.

Sie zwang sich, einen Moment lang nachzudenken, und ging rasend die Möglichkeiten durch. Es lag nahe, dass diese Energieschwankungen auch S'Tom zusetzten, denn dass das Systemversagen von außen verursacht wurde war für sie hier offensichtlich. Wenn der Borg einfach Energie verlor, würde er ein Weilchen herumliegen, bis er sie wieder bekam, kein Problem. Aber wenn das Phänomen seine Implantate zusätzlich beeinflusste, brauchte er Hilfe, vermutlich sofort. Und keiner ihrer Assistenten kannte sich mit Borgphysiologie aus.

Die Tür öffnete sich, schloss sich diesmal nicht mehr, und ein Sicherheitler half einem Verletzten herein. Er konnte laufen, also wurde sie nicht direkt gebraucht.

Irgendwo polterte etwas, es knallte, und Funken stoben durch die Luft.

Mit zusammengepressten Lippen traf Jordan eine Entscheidung, packte ein Medikit, übergab Dallas die Krankenstation mit einem kurzen Ruf und setzte sich in Bewegung. Wenigstens hatte der Computer S'Toms Standort noch lokalisiert, bevor die Kommunikation ausfiel, und wenigstens befand er sich auf ihrem Deck. Jeffreysröhren waren in dieser Situation genauso großer Unsinn wie Turbolifte.

Nicht das erste Mal, dass sie auf einem Schiff abstürzte, nur dass sie diesmal auf dem Weg zu einem Borg war anstatt vor ihnen zu fliehen. Was für eine Ironie.

--- Deck 3, Gänge

Schwankend hangelte sich Jordan an der Wand des Korridors entlang, kämpfte um ihre Balance, während um sie herum die Hölle einbrach. Überall hingen Schreie in der Luft, erst die von Crewmen, die sich im Chaos Befehle zubrüllten, dann zunehmend Schreie aus Panik. Das gesamte Schiff schwankte, und sie fühlte, dass die Schwerkraft unter ihren Füßen langsam aus den Fugen geriet.

Mit einem kleinen Hechtsprung erreichte sie eine ausgefallene Konsole und klammerte sich daran fest, als es unmöglich wurde, sich auf den Beinen zu halten.

Ein Poltern hing plötzlich überall um sie herum in der Luft, nahm zu... das ganze Schiff schien wild zu vibrieren...

Ein Ruck, und die Konsole brach krachend aus der Wand.

Stöhnend rappelte Jordan sich auf. Etwas war aus der Decke - nein, aus dem Boden - gebrochen; eingekreist von Trümmern, war sie von einer Lage aus Staub bedeckt. Sie hustete. Alles tat ihr weh.

Ein prüfender Griff an ihre Wange sagte ihr, dass sie sich an irgendwas geschnitten hatte, ihre Finger waren mit Blut betupft. Aber offenbar war es nur eine Schnittwunde.

Da sie lebte, lebten logischerweise auch andere Leute, also galt es sich zu beeilen und auf die Krankenstation zurückzukehren, wo sie gebraucht wurde.

Hätte No'Orba den Absturz nicht etwas verzögern können?

Zwischen dem Husten lachte sie über sich selbst und versuchte, nicht zu schwanken - diesmal, weil die Schwerkraft umgedreht hatte -, und legte die letzten Meter zu S'Toms Quartier auf der Decke zurück.

--- Quartier 71

Der Borg lag ausgestreckt auf dem Boden - Decke - seines Quartiers und war halb von der Bettdecke begraben, die vom Bett auf die Decke – Boden - gefallen war.

Ächzend kniete Jordan sich neben ihm nieder, zog ihren Tricorder, der wie alle Handgeräte robust genug für einen kleinen Absturz war, und unterzog den Mann einem Scan.

Tertiäre Implantate - keine Energie. Sekundäre Implantate – keine Energie. Primäre Implantate - hatten auf Minimalenergie geschaltet und bedienten sich der elektrischen Aktivität des vulkanischen Gehirns, die glücklicherweise noch vorhanden war.

Natürlich war der Tricorder so modifiziert, dass sie damit nach Borgspezifika suchen konnte. Nach all ihren Forschungsarbeiten war das keine große Herausforderung gewesen, als S'Tom an Bord kam.

Sie suchte Nanosonden und fand eine rege Aktivität, die nach Reparaturarbeiten aussah. Sie hatte die Krankenstation umsonst verlassen. Die fleißigen kleinen Dinger würden ihr die Arbeit abnehmen.

"Kincaid an Krankenstation...", versuchte sie, aber der Kommunikator piepte nicht einmal - keine große Überraschung.

Blinzelnd versuchte sie, sich wieder zu konzentrieren - wenn sie eine Gehirnerschütterung hatte, musste sie die schnellstmöglich behandeln lassen. Sie zog ein Hypospray auf, mischte es manuell mit einem zweiten und drückte es dem komatösen Mann in den Nacken. Eine Ampulle Epinephrin und die richtigen Hormone würden den Nanosonden die eine oder andere Anregung geben, um sich zu beeilen. Wie gut, dass sie sich erst kürzlich mit den neusten Erkenntnissen zu den komplexen Amygdalaimplantaten befasst hatte.

Dann tätschelte sie S'Tom die Schulter. "Tut mir leid", krächzte sie und musste noch einmal Husten, weil der Staub ihr immer noch in den Lungen hing. "Ich muss Sie erst einmal hier liegen lassen."

Definitiv Gehirnerschütterung, diagnostizierte sie, als sie aufstand und ihr abrupt dabei übel wurde. Auf schwachen Beinen machte sie sich auf den Weg zurück auf die Krankenstation. Erst langsam realisierte sie, dass es an ein Wunder grenzte, wenn ein Großteil der Besatzung noch lebte.

--- Brücke

Yhea war sich nicht sicher, was er auf die Frage des Captains antworten sollte, denn sein Kopf pochte wie wild und schickte Wellen des Schmerzes durch seinen ganzen Körper. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sein Kopf sich soweit beruhigt hatte und er wieder klar denken konnte, um eine Bestandsaufnahme an sich durchzuführen. Vorsichtig tastete er alles ab, bewegte es langsam und kam dann zu dem erleichternden Ergebnis, dass bis auf einen angeschlagenen Kopf mit einer eventuellen Gehirnerschütterung nichts Großartiges verletzt war. Zumindest nichts, was ihn umbrachte.

Mühsam stemmte sich der Romulaner hoch, klopfte seine Klamotten etwas ab und blickte sich um, wobei er auf der mehr oder weniger dunklen Brücke nicht viel erkennen konnte. Rauchschwaden zogen von dem kleinen Feuer langsam über die Brücke und er konnte aus den entfernten Winkeln verschiedene Leute husten hören. Mit noch etwas zittrigen Schritten ging er zur technischen Konsole und versuchte, sie wieder zu reaktivieren, doch alle seine Versuche schlugen fehl. Nicht einmal die Notbeleuchtung bekam er zum Laufen und das war schon sehr verwunderlich, war es doch ein System, was wirklich für solche Notfälle gebaut worden war.

Angestrengt musste er schlucken, jedoch blieb das Kratzen in seinem Hals, was vermutlich an dem Rauch und dem schwindenden Sauerstoff lag. Kurz dachte er daran, einen der Notfall-Feuerlöscher zu nehmen und das kleine aber störende Feuer zu löschen, doch dann wäre es wieder stockdunkel und die Sache mit dem Sauerstoff wäre immer noch nicht gelöst. Gerade als er den Captain um Rat fragen wollte, kam ihm jedoch die rettende Idee.

Schnellen Schrittes marschierte er nach vorne zum Hauptbildschirm, drehte sich dann nach rechts und ging zur nebenliegenden Wandverkleidung, um davor etwas überrascht stehen zu bleiben. Seiner Erinnerung nach hätte sich dort eine Notluke befinden sollen, doch nur die Glatte Wand war zu sehen. Etwas ratlos kratzte er sich am Kopf, bis im wie ein Geistesblitz kam, dass die Venture ja auf dem Kopf lag und somit die Notluke nun auf der linken Seite zu finden war. Schnell ging er dort hin und stellte zufrieden fest, dass die Luke nun wie erwartet vor ihm lag. Mit ruhigen Fingern öffnete er daneben die Notentriegelung, ergriff den Hebel und zog ihn mit Kraft herunter.

Ein Knall und kurzer Lichtblitz später flog die Luke auch schon aus ihrer Verankerung nach draußen, blieb jedoch knapp 30 Zentimeter später wieder liegen, als sie auf festen Grund stieß. Doch das war erst einmal nebensächlich, denn frische Luft strömte durch die Öffnung herein und ließ ihn befreit husten und atmen. Ersticken würden sie jetzt jedenfalls mal vorerst nicht.

--- Deck 3, Gänge

David lief den Gang entlang, als das Schiff das erste Mal aufschlug. Für einen Augenblick schien er durch die Schwerelosigkeit zu treiben und schlug dann mit voller Wucht auf die Decke auf. Die Beleuchtung fiel nun gänzlich aus. Nach zwei weiteren, nicht ganz so heftigen Erschütterungen kam das Schiff zum Stehen. Der Psychologe hatte sich an irgendetwas heftig geschnitten. Er spürte keinen Schmerz, doch fühlte er Blut seinen rechten Arm hinunterlaufen.

Es war komplett finster im Korridor. Nur aus einem der Quartiere drang ein Lichtschimmer unter der Tür hervor. David stand auf, froh über die Tatsache, dass seine Beine nicht versagten und ging vorsichtig zur Tür. Sich stark reckend öffnete er die Wandverkleidung und betätigte den manuellen Türöffner. Dir Tür glitt auseinander... Das Quartier war hell erleuchtet. Als David über den Türrahmen kletterte konnte er auch erkennen weshalb. Ein großer, zwei bis drei Meter umfassender Hüllenbruch, der den Blick auf ein unter anderen Umständen wahrscheinlich unendlich schön wirkendes, weites Tal ermöglichte zog sich an dieser Seite des Schiffes entlang.

Auf dem Boden vor ihm lag eine Gestalt reglos auf dem Bauch. David kniete sich neben sie. Schon das schlimmste befürchtend drehte er sie um. Es war eine junge Frau ... eine Ingenieurin, die David ab und zu auf dem Korridor gesehen hatte... und sie war tot. An der Stirn klaffte eine riesige Wunde und man konnte auf den ersten Blick einen Schädelbasisbruch erkennen.

Plötzlich wurde dem jungen Psychologen schwindlig und er merkte nun ein Ziehen im rechten Arm. Im Sonnenlicht konnte er erkennen, dass er sich bei dem Sturz eine gefährliche Schnittwunde am rechten Oberarm zugezogen hatte und nun stark blutete.

--- Brücke

Hisaki blinzelte in das Licht hinein und stand schwer auf. Langsam legte sich der Staub und seine Augen gewöhnten sich an die neue Helligkeit. Steif bemerkte er, dass er sich sicherlich einige Prellungen zugezogen hatte, aber das war für den ehemaligen Karatemeister nichts, was er nicht schon erlebt hätte. Zwar würde es einige Tage weh tun, aber es gab sicherlich andere, denen es schlimmer erging.

Suchend ging sein Blick durch den Raum und blieb bei Veronica stehen.

Sie rührte sich nicht.

Sein Kommunikator ebenfalls.

Den Schmerz ignorierend rannte er zu dem frisch beförderten Offizier und stellte erleichtert fest, dass Puls und Atem, wenn auch schwach, vorhanden waren. Suchend blickte er sich nach dem Erste Hilfe Paket der Brücke um. Es war immer noch gut gesichert unter der Kommunikationskonsole befestigt. Kurzentschlossen, mit einer Sprungkraft, die man nicht erwartete, und vor allem körperlicher Aktivität, die man von dem Japaner nicht gewöhnt war, sprang dieser hoch und ergriff die untere Seite des Sitzpolsters des nun an der Decke hängenden Stuhls.

Behände zog er sich hoch, halb liegend, halb mit einem Arm festhaltend,  und hantierte solange an der Halterung der Erste-Hilfe Box, bis diese die Tasche freigab. Diese warf er runter und landete kurz nach ihr auf dem Boden, wobei er bei der Landung schon in die Hocke ging und den Tricorder ergriff.

Eine kurze Untersuchung zeigte, dass Veronica zwar bewusstlos war, aber bis auf ihre beiden gebrochenen Oberschenkel nicht lebensgefährlich verletzt war. Es waren nur kleine Gefäße zerrissen und keine Ader verletzt. Kuzhumo gab ihr ein Beruhigungsmittel und legte ihren Kopf auf seine Jacke, die er schnell auszog.

Ein weiterer Rundblick zeigte, dass Jesanta zumindest wach war und der Captain, der sich auch einen Tricorder geschnappt hatte, sich um sie kümmerte, bzw. auch gerade damit fertig war. Alnak schien immer noch mit Husten beschäftigt, oder blickte zumindest noch interessiert aus der Luke heraus.

Der Erste Offizier nahm den Captain beiseite und sprach leise zu ihm "Charles...", die informelle Anrede verwendete Kuzhumo eigentlich nie, aber selbst sein selbstbeherrschtes Gemüt bekam langsam Risse, "Ich weiß nicht wie du das siehst... aber ich empfinde die Lage als besorgniserregend..."

--- Krankenstation

Auf der Krankenstation war die Hölle los. Das Personal lief durcheinander durch den Raum, versuchte sich zu organisieren und aufzulesen, was den Aufprall überstanden hatte. Die meisten medizinischen Geräte waren robust und hatten den Aufprall überstanden, doch zahllose Hyposprays waren zerbrochen, und alles lag auf dem Boden übersät. Zudem trafen die ersten Verwundeten ein, entweder auf eigenen Beinen und klug genug, sich hier zu melden, oder getragen von denen, die sie gefunden hatten. Zwei oder drei hatten wohl einfach nur die Krankenstation angesteuert, weil sie helfen wollten. Noch lagerten die meisten auf dem Boden, doch in einer Ecke war Jones damit beschäftigt, die Biobetten wieder aufzustellen.

Angesichts der Zeit, die vergangen war, eine beunruhigend geringe Anzahl von Personen. Und Jordan hatte auf dem Weg Tote passiert.

Als sie durch die Tür trat, drehte sich bereits alles um sie herum. Kaum dass sie sich an die Wand lehnte und die Augen schloss, war Dallas an ihrer Seite.

"Doktor, wir haben..."

"Nicht jetzt", wehrte Jordan ab, versuchte die Übelkeit herunterzuschlucken. "Gehirnerschütterung, glaube ich. Machen Sie einen Scan, geben Sie mir ein Sympathomimetikum und einen Stabilisator."

Dallas zückte ihren Tricorder. "Die Replikatoren funktionieren nicht, und wir haben fast kein Etilefrin."

Jordan winkte, dass sie trotzdem weitermachen sollte – ohne einsatzfähige Ärztin hatte die Venture wenig davon, Medikamente gespart zu haben.

"Keine Schädelverletzung", sagte Dallas und injizierte ihr ein Hypospray. Unmittelbar setzte die Wirkung ein; die Übelkeit verschwand, und das Schwindelgefühl ließ nach. Jordan atmete ein paar Mal durch und wartete bewusst, bis sie sich wieder wie sie selbst fühlte und Dallas die Schnittwunde auf ihrer Wange geheilt hatte, auch wenn der Kratzer wahrscheinlich nicht der Rede wert war. Schließlich rappelte sie sich auf. Einen Moment lang sah sie sich um, um einen Überblick über die Situation zu erhalten.

Dann schnappte sie sich einen der neu verpflichteten Helfer. Es war Tilek, der Vulkanier, der sein Pon'Farr glücklicherweise überstanden hatte.

"Arbeiten Sie sich zur Brücke vor", wies sie ihn in einem Tonfall an, der klar machte, dass sie gerade das Kommando übernommen hatte und es nicht wieder abgeben würde. "Suchen Sie den Captain oder Alnak. Wir brauchen so schnell wie möglich Kommunikation, Replikatoren, Transport, und zwar in dieser Reihenfolge. Sagen Sie ihm, es hat Priorität, sonst sterben uns hier Leute weg. Wenn Sie Leute treffen, die laufen können, schicken Sie sie her. Sie!", rekrutierte sie den nächsten Freiwilligen; sie hatte keine Ahnung, wie der Kerl hieß. "Selbst Anweisung. Sie finden Wagenvoort. Die Sicherheit hat bei medizinischen Notfällen die Aufgabe, der Krankenstation zu assistieren. Ich will ihn oder Hisaki hier. Sofort."

Die zwei zischten ab und Jordan wandte sich wieder dem Rest der Krankenstation zu. Wieder wurde ein Verletzter hereingetragen. Leute standen herum und warteten auf Anweisungen, hatten nichts zu tun. Sie runzelte die Stirn, hob die Hand und pfiff auf zwei Fingern.

Schlagartig wurde es still.

"Also gut", rief sie mit gehobener Stimme. "Ich will, dass Sie sich in Zweiergruppen teilen und das Schiff Gang für Gang nach Verwundeten absuchen. Sie fangen hier auf Deck 3 an. Die Toten lassen Sie liegen. Die Gesunden und Leichtverletzten werden rekrutiert. Die Schwerverletzten bringen Sie her. Schwer verletzt ist, wer nicht aus eigener Kraft laufen kann..."

Innerhalb kürzester Zeit hatte sich das medizinische Personal verdreifacht, und die beiden anwesenden Sicherheitsoffiziere begannen, sich eine Station aufzubauen, von der aus sie eintreffende Crewmitglieder in Bergungstruppen einteilen konnten. Zu diesem Zeitpunkt sah Jordan schon mit ruhiger Effizienz einen der Patienten nach dem anderen durch.

Sie hoffte nur, dass in den Laboren keine der Biotanks geplatzt waren, in denen alle möglichen Sorten Giftstoffe und Gase gelagert wurden. Sie waren robust, aber nicht so robust. Und Gorm lagerte das verrückteste Zeug - meistens nicht besonders sicher.

Sie hoffte, dass die Kurzschlüsse keine Brände verursacht hatten.

Und sie hoffte, dass Cheyenne, die immer noch im Koma lag, nicht einfach gestorben war, als das Dämpfungsfeld versagte.

Aber sie hatte keine Zeit nachzusehen.

--- Labor

Langsam wachte Jan wieder auf. Sein Schädel dröhnte. Nach kurzem Abtasten stellte er fest, dass sein Kopf noch die normale Größe zu haben schien, auch wenn sein Hinterkopf sich bedenklich feucht anfühlte.

Mühsam versuchte er die Augen zu öffnen, was ihm aber nicht so recht gelingen mochte, da ihm jedes Mal schwindelig wurde und er nur mit Mühe einen Brechreiz unterdrücken konnte.

"Miss Hunter... sind Sie noch da?"

Pochende, dröhnende Kopfschmerzen.

Eine fragende Stimme irgendwo dort draußen.

Die Lakota bewegte sich, bereute es sofort. Von ihrer rechten Körperhälfte ausgehend breitete sich dumpfer Schmerz in ihrem ganzen Körper aus.

'Entspannt liegenbleiben!', signalisierte ihr Verstand. Schwierig. Alles in ihr schrie danach, sich zusammenzukrümmen.

Bestandsaufnahme. Die rechte Schulter schmerzte. Die rechte Hüfte auch. Als wäre eine Herde Bisons darüber getrampelt. Die Klaue eines Bisons musste sie auch am Kopf getroffen haben. Das würde das Dröhnen erklären. Und das warme, klebrige Gefühl über ihrer rechten Augenbraue.

Vorsichtige, kontrollierte Bewegungen. Die Schmerzen verstärkten sich - aber die Beweglichkeit war da. Immerhin.

Celia versuchte, ihre Gedanken zu klären. Öffnete die Augen. Das rechte Auge war irgendwie verklebt...

Dunkelheit, tiefe, vollkommene Dunkelheit.

Schlagartig war die Panik da. Atemnot. Herzrasen. Übelkeit. Kein klarer Gedanke mehr.

Sie war wieder acht Jahre alt. Eine Höhle in den Che Sapa. Sie hatte sich verirrt. Überall war es dunkel und schwarz. Egal in welche Richtung sie ging, erst langsam, dann immer hektischer und panischer werdend - überall nur feuchter, glitschiger und muffig riechender Stein. Ihre tastenden Finger suchten nach einem Ausgang und fanden nur die Skelette kleiner Tiere - und neue Steine.

Irgendwann hatte sie sich auf dem Boden zusammengerollt, aus Erschöpfung und Angst. War zu einem wimmernden, panikerfüllten Geschöpf geworden.

Ebenso wie jetzt.

'Verdammt!', Forge versuchte sich unter größten Bemühungen aufzurichten. Allein die wimmernde Lakota gab ihm den Antrieb nicht einfach liegen zu bleiben. Auf der einen Seite konnte er es nicht fassen, dass er noch lebte. Dieses Selbstbewusstsein wurde aber stark erschüttert durch die Geräusche seiner sonst so gefassten und ruhigen Chefin.

Kurz gab er sich der Illusion hin, dass sie vor Glück weinte, da sie noch nie einen so leidenschaftlichen Kuss wie gerade von ihm, bekommen hatte.

So schnell wie der Gedanke kam verwarf der Risaianer ihn. Die ganze Schönheit eines Kusses von ihm konnte sie gar nicht zu würdigen wissen.

Wieder versuchte er aufzustehen, oder sich zumindest in die Richtung Celias zu rollen. Beim Versuch, sich aufzurichten und gleichzeitig die Augen zu öffnen brach es aus ihm heraus.

Nach ein paar Minuten hatte er sich wieder gefangen. Mit einem galligen Geschmack auf der Zunge versuchte er wieder die Augen zu öffnen. Es traf ihn wie ein Keulenschlag, als ihm bewusst wurde, dass seine Augen auf waren, es aber einfach kein Licht gab. Mit dieser neuen Erkenntnis tastete der Wissenschaftler sich langsam in Richtung seiner Chefin.

'Wo ist der Teppich hin? Was ist das für ein... Schleim?', diese Fragen hallten durch seinen Kopf, als er sich langsam und angewidert weiter auf den Weg machte. 'Ich bringe diesen Ferengi um!', klärte sich nach kurzem wenigstens die Frage nach dem Schleim.

Endlich erreichte er Celia, zwar sehr verwundert warum ihm keine Möbel begegnet waren, aber das schob er zu dem verschwundenen Teppich. Zwar dämmerte ihm langsam was passiert sein konnte, aber dieser Gedanke war zu beunruhigend, als das er ihn reifen lassen wollte.

"Miss Hunter... Celia?", leise sprach er die Lakota an, während er sich an die zusammen gekauerte Frau schmiegte. Er wusste, dass Körperwärme Menschen beruhigte, mehr noch als einen Risaianer. Leise flüsterte Jan ihr beruhigende Worte und Laute zu und wiegte sie leicht.

Nur langsam durchdrang die Stimme Celias panikerfüllte Welt und sie registrierte, dass sie nicht alleine war. Jemand hielt sie umfangen und die innere Kälte, die sie ergriffen hatte, verringerte sich.

Sie wurde sich wieder bewusst, dass sie nicht in jener Höhle war. Aber wo war sie dann? Was war passiert?

Ihr verwirrter Kopf erkannte plötzlich die Stimme. Forge. Schlagartig waren ihre Erinnerungen wieder da. Peinlichkeit schickte sich an, die Panik zu verdrängen. Sie erschrak bei dem Gedanken daran, dass es Forge war, der sie so hielt.

Hatte er es tatsächlich gewagt, sie zu küssen?

Celia versuchte, sich aufzusetzen und Forges Arme abzuschütteln.

"Danke", brachte sie mit zitternder Stimme heraus und versuchte wieder, zumindest irgendeinen Schemen in dieser vollkommenen Dunkelheit zu erkennen. Krampfhaft bemühte sie sich, ruhig zu bleiben. "Könnten wir nicht irgendwie Licht machen?"

Mühsam und unter eigenen Schmerzen half Jan der Lakota sie in eine sitzende Position zu bekommen. Mit einem stummen Aufstöhnen hatte er sie beide, mit einer Hand um ihre Taille festhaltend, aufgesetzt, wobei Celia weiter an seiner Brust angelehnt war. Auch er versuchte irgendetwas zu erkennen und ignorierte dabei die glitschigen Substanzen, die um seine am Boden aufgestützte Hand flossen.

"Es tut mir leid, ich erkenne nichts. Wenn ich mit meiner Vermutung richtig liege...", 'die Götter bewahren uns davor!', "befürchte ich, dass wir gerade auf der Decke sitzen. Das Zeug um uns herum dürfte der Inhalt von Gorms Experimenten sein und wo unsere Apparaturen liegen, die nicht fest sind, weiß ich leider nicht und hab auch keine Lust, schon wieder im dunklen herumzukrabbeln..."

Die langsam aufkommende Verzweiflung stritt mit dem aufkommenden Wohlgefühl, seine unnahbare Chefin im Dunkeln im Arm zu halten. Er hütete sich davor, seine Hände wandern zu lassen, aber Celia schien verunsichert und er war ihr einziger Halt. Ein Glück, dass sie sein Grinsen nicht sehen konnte. Für ihn war es nur eine Frage der Zeit...

Außerdem konnten sie eh nichts tun, nachdem er feststellte, dass sein Kommunikator unbrauchbar war.

"Die Kommunikatoren scheinen nicht zu funktionieren. Effektiv sitzen wir in Gorms Pampe und ich habe keine Ahnung, wo im Raum wir uns befinden... aber keine Sorge, die Anderen werden nach uns suchen... und die haben sicherlich Taschenlampen mit!", schob er schnell hinzu, bevor die Lakota in einen Weinkrampf oder aber, noch schlimmer, in Aktivität verfiel. Frauen waren so schrecklich emotional und gerade seine selbstbeherrschte Chefin konnte er nicht richtig einschätzen.

--- vor der Krankenstation

David hatte sich eher schlecht als recht einen Druckverband aus einem Stück Bettlaken gebunden und sich auf den Weg zur Krankenstation gemacht. Die einzige sinnvolle Entscheidung, die ihm kam. Viele Leute mit Taschenlampen passierten ihn, aber niemand schien Zeit zu haben ihn zu beachten...

--- Krankenstation

Er passierte die Tür und starrte in ein nur sehr leicht durch autonome elektrische Geräte und Taschenlampen beleuchtetes Getümmel. Er steuerte geradewegs auf Jordan zu... "Ich gehe davon aus, dass Sie jede mögliche Hilfe gebrauchen können, Doktor? Wenn sich jemand um meinen Arm kümmert steh ich zu Ihrer Verfügung."

Flüchtig sah Jordan von ihrem Patienten auf und runzelte die Stirn über die Unterbrechung. Erstens müsste der Mann sehen können, dass sie beschäftigt war. Zweitens sollte es für jemanden in seinem Posten ja wohl nicht so schwer sein, selbst etwas zu finden, wo er anpacken konnte.

Sie konzentrierte sich wieder auf das ausgerenkte Hüftgelenk vor ihr, beendete ihre Arbeit und nickte Norgaard zu. Der Norweger stützte sich mit dem Knie am Rand des Biobetts ab und zog. Der Patient schrie auf. Sie hatten keine starken Schmerzmittel zu verschwenden.

Rasch warf sie einen Blick auf das Gelenk, nickte Norgaard zu und wandte sich an Jeffrey, den Dermalregenerator bereits in der Hand. Der Schnitt war besorgniserregend tief, aber der Druckverband half. Ein Oberflächenscan zeigte keine aufregenden Werte außer dem Blutverlust. Mit einem Ruck riss sie den Rest des Ärmels ab und machte sich an die Arbeit, ohne den Psychologen zu bitten sich zu setzen.

Jedenfalls gab es eine so große Auswahl an Aufgaben, dass sie nicht nachdenken musste. Sie suchte ihm eine, die erfordern könnte, dass man denken musste.

"Wir bekommen keine Verletzten aus dem Heckbereich dieses Decks rein. Mir wurde gesagt, da sei etwas versperrt. Wenn Sie helfen wollen, sehen Sie sich das an."

Jordan ließ den Blick zwischen venaler Versiegelung und Tricorder hin und her schweifen. Sie hasste Feldmedizin. Sie war nicht hübsch, man riskierte Infektionen, und man ließ in der Mehrzahl aller Fälle Narben zurück. Es ging darum, dafür zu sorgen, dass die Leute aufstehen und gehen konnten, nicht mehr, nicht weniger.

Jeffreys Gesichtsfarbe war in Ordnung, der Tricorder stimmte ihr zu, also ließ sie das Hypospray weg. Sie senkte ihren Regenerator. "Melden Sie sich, wenn Ihnen schwindelig oder schlecht wird. Viel Erfolg."

Sie nickte Dallas zu, die mit dem nächsten Patienten wartete.

--- Brücke

"Besorgniserregend, aber nicht aussichtslos", erwiderte McCarthy und wischte sich mit dem Handrücken über die verschwitzte Stirn.

Er blickte sich kurz auf der Brücke um: Dass überhaupt noch jemand lebte, war mehr als ein Wunder. Ein Wunder, das sie dem leblosen Caldonier verdankten.

Der Aufprall musste den Körper des Piloten mit voller Wucht gegen den Hauptschirm geschleudert haben; der deformiert wirkende Leichnam war von hunderten kleinen Splittern übersät.

Als Captain hatte er nicht mehr für Brengh tun können, als die Augenlider weit zu öffnen und den massigen Leib auf den Rücken zu legen.

Für Caldonier waren die Augen die Spiegel der Seele: Nur wenn die Lider geöffnet waren, konnte der Geist ins Jenseits entweichen.

Wortlos winkte er den romulanischen Chefingenieur herüber. Erst als dieser nah genug herangekommen war, sprach McCarthy weiter:

"Hisaki, die Bergung der Verletzten hat oberste Priorität. Die Sicherheit soll die entsprechenden Maßnahmen einleiten und die Krankenstation weitestmöglich unterstützen. Und wir müssen unsere Verluste feststellen.

Alnak, die Ventile der Notbelüftung müssen manuell geöffnet werden. Wenn das erledigt ist, benötige ich einen detaillierten Schadensbericht und eine Analyse unserer technischen Situation"

Anschließend entließ er die beiden Offiziere. Ohne Kommunikation würden sie alle Informationen im direkten Gespräch einholen müssen, aber auch für solche Situationen gab es Notfallprotokolle.

Es war gut, sich an Ablaufplänen orientieren zu können. Es lenkte von dem Chaos ab und der Panik, die aus dem Innersten eines jeden herausbrechen wollte.

Abermals ließ er seinen Blick über die Brücke schweifen. Jesanta hatte mittlerweile begonnen, sich fachmännisch um die bewusstlose Veronica Aillard zu kümmern.

Das Licht aus der geöffneten Luke blendete noch immer leicht, aber der Captain beschloss, sich einen ersten Eindruck von der Situation draußen zu machen.

Schweigend folgte er dem Luftstrom, der von der Öffnung ausging. Langsam gewöhnten seine Augen sich an die Helligkeit und er streckte seinen Kopf schließlich nach Außen.

Es war merkwürdig, das Schiff aus dieser Perspektive zu sehen und gleichzeitig keinen Raumanzug zu tragen. Viel mehr als den Rumpf konnte er aber auch nicht erkennen, da keinen halben Meter unter ihnen die Oberfläche des Planeten begann.

--- Labor

'Kein Licht', der Rest von Forges Worten schien Celia nicht zu erreichen. Die Erstarrung, die sich allein durch die Gegenwart eines anderen Menschen - Forge hin oder her - ein wenig gelöst zu haben schien, kehrte mit voller Wucht wieder.

Verzweifelt versuchte die Wissenschaftlerin, dagegen anzukämpfen. 'Kein Licht', immer wieder hämmerten diese Worte auf sie ein, verzerrten sich, wurden zu hämischem Gelächter. Celia versuchte, an etwas anderes zu denken, aber je mehr sich ihre Atmung beschleunigte, desto weniger gelang ihr das. Kalter Schweiß brach aus jeder Pore, sammelte sich auf ihrem Gesicht.

Am ganzen Körper zitternd hielt sich die Lakota krampfhaft an Forges Arm fest. Die von ihrer Schulter ausstrahlenden Schmerzen verbesserten die Situation nicht gerade.

"...allen Geistern... es... dunkel...", brachte sie keuchend heraus, bevor sie der Angst erneut unterlag

--- Deck 4, Gang

Zitternd saß Ruben auf seinen Knien, leicht auf die Hände gestützt, und versuchte sich wieder zu beruhigen. Seine Lunge schien in seinem Brustkorb zerspringen zu wollen und er benötigte einen Moment, um seine Atmung wieder in den Griff zu bekommen.

Er hustete. Ein paar Meter weiter stieg beißender Qualm von einer noch schwelenden Konsole auf. 'Verbrannter Kunststoff', sagte ihm seine Nase und er hustete erneut.

Als er neben sich blickte, fixierten ihn noch immer die weit aufgerissenen Augen von Kuno Isweda, aber jetzt schaffte Ruben es, den Duraniumträger geistig auszublenden, der sich quer durch den Körper des Technikers gebohrt hatte.

Wagenvoort war auf dem Weg zum Maschinenraum gewesen, um einen Techniker zu holen: Die Energiefluktuationen vor dem Aufprall hatten eine EPS-Leitung auf Deck drei bersten lassen und da die Kommunikation ausgefallen war...

Mit großer Mühe richtete er sich auf, versuchte sich nicht dem stechenden Schmerz in seiner Lendenwirbelsäule zu ergeben.

Was beneidete er doch Hektor: Wasser, in einem geschlossenen Aquarium aus bruchfestem transparentem Aluminium, war sicher eine angenehmere Umgebung für einen Raumschiffabsturz.

Es grenzte an ein Wunder, dass er sich nicht alle Knochen gebrochen hatte. Andererseits war er in seinem bisherigen Leben so oft krank gewesen, vielleicht war es ausgleichende Gerechtigkeit, die ihn vor dem Schicksal des Technikers neben sich bewahrt hatte.

'Nein', schalt er sich selbst, 'So was sollte man nicht denken'

In solchen Situation half es, überhaupt nicht darüber nachzudenken, sondern einfach zu handeln. Er musste seine Mannschaft finden und sie organisieren.  

Ja, das war eine gute Idee.

Einen Moment brauchte sein Gehirn, um sich an die im wahrsten Sinn des Wortes auf die Kopf gestellte Welt einzurichten, doch dann wusste er sofort wieder, wo er sich befand und welchen Weg er nehmen musste.

Aber erst würde er in einem der Laboratorien vorbeischauen!

Das Restlicht, das von der fast erloschenen Konsole ausging, war schwächer geworden und wenn er sich nicht auf Händen und Füßen durch die Gänge tasten wollte, dann brauchte er eine neue Lichtquelle.

Vielleicht konnte er einen tribolumineszenten Quarz oder zumindest einen gut brennenden Stoff finden, um sich eine einfache Fackel zu bauen.

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen...

--- Brücke

"Bis zur Krankenstation bzw. Deck drei kann ich Sie noch begleiten", sagte Alnak zu Hisaki, während er versuchte, an die Noteinstiegsluke der Brücken-Jeffries-Röhre zu gelangen, die sich ja normalerweise in Bodenhöhe befand, nun jedoch durch das gedrehte Schiff ziemlich weit oben war. Kurz blickte sich der Romulaner um, entdeckte den aus der Verankerung gerissenen Stuhl von Brengh und positionierte ihn dann unter der Luke.

"Wären Sie so freundlich und halten bitte den Stuhl fest", bat er den Japaner, bevor er sich hinauf wagte und sich nach der Verriegelung streckte. Er brauchte ein paar Versuche, bis er es schaffte, mit den Fingerspitzen die Luke zu erreichen und die Hand um den Griff zu legen.

"Vorsicht!", rief er, bevor er kräftig dran zog. Schneller als erwartet rutschte die Luke aus ihrer Halterung und Yhea hatte alle Mühe, ihre Fallrichtung schnell genug zu korrigieren, dass Hisaki nicht von ihr erschlagen wurde.

"Entschuldigung", rief er nach unten, bevor er sich erneut streckte, den Rand der Röhre ergriff und seinen kräftigen Körper in die kleine Öffnung bugsierte. Außer Atem blieb er einige Sekunden liegen und ärgerte sich darüber, dass er vergessen hatte, sich um eine Taschenlampe zu kümmern, denn absolute Dunkelheit herrschte in dem vor ihm liegenden Tunnel.

"Ähm, könnten Sie vielleicht noch eine Taschenlampe organisieren, bevor Sie hier herauf kommen?", fragte er den Ersten Offizier, nachdem er seinen Kopf wieder aus der Öffnung heraus gestreckt hatte. "Es sei denn, Sie bevorzugen das blinde Herumkriechen ..."

--- Labor

Die Verzweiflung gewann langsam die Oberhand in Forge. So wie die Lakota zurzeit drauf war, war sie zu gar nichts zu gebrauchen. Panisch tastete er seine Kleidung ab in der Hoffnung eine Lichtquelle zu finden.

Ungläubig wurde er fündig.

Für die hawaiianische Party hatte er sich ein altes Gerät zur Feuerbeschaffung repliziert, um die Fackeln stilgerecht anzuzünden. Dieses Gerät nannte sich 'ZIPPO' und war äußerst robust und sogar gegen Feuchtigkeit geschützt genug.

Mit fahrigen Bewegungen kramte er es aus seiner Hosentasche hinaus. Ungeschickt klappte er den Deckel auf und rollte es ein-, zweimal an seiner feuchten Hose. Funkensprühend entzündete es sich und ein unsteter Lichtschein ging von der kleinen Flamme aus.

Zunächst nahm Celia nicht wahr, dass Forge tatsächlich, wie durch ein Wunder, eine Lichtquelle gefunden hatte. Dann jedoch fixierten ihre Augen das Flämmchen und ließen es nicht mehr los.

Ganz langsam beruhigte sich ihre Atmung und auch ihr Herzschlag schien bereits weniger zu rasen. Kurze Zeit später zitterte sie nur noch, weil ihr eiskalt war. Das einzig Warme war ihre Hand, mit der sie immer noch Forges Arm umklammert hielt.

Mit einem erschreckten Luftschnappen lockerte sie ihren Griff und kam fast aus dem Gleichgewicht. Jan nahm sie schnell in dem Arm und versuchte sie zu beruhigen, wobei er das Feuerzeug zwischen seinen Knien einklemmte.

Mit leicht wiegenden Bewegungen und zärtlichem Streicheln versuchte er, die Scheu der immer noch verunsicherten Frau zu verscheuchen.

"Es ist alles gut... dir tut hier niemand was...", redete er bedächtig, fast wie zu einem Kind, auf sie ein, während sein und ihr Kopf immer näher kamen, "Ich passe auf dich auf... nur noch ein paar Minuten und wir sind wieder frei... frei unter dem Himmel..."

Jan glaubte seinen Worten selber nicht, aber im Augenblick war es ihm egal. Celia schien sich an seine Wärme zu gewöhnen und seine Berührungen zu akzeptieren. Eine ganz andere Art von Wärme stieg in ihm hoch.

Ganz langsam und behutsam unter vielen beruhigenden Worten, fing er an sanft ihre Schläfen zu küssen und ihre Wange zu streicheln. In ganz kleinen Schritten näherte er sich ihrem Mund, bis sich ihre Lippen endlich trafen.

Celia, immer noch mehr als durcheinander, erwiderte den Kuss, ohne darüber nachzudenken wen sie küsste. Nach der für sie nahezu ewig dauernden Einsamkeit in der Dunkelheit brauchte sie die Nähe eines Menschen wie ein Verdurstender Wasser.

Sie schlang ihre Arme um den Hals des Mannes und nahm seine Wärme in ihren eiskalten Körper auf, während der Kuss leidenschaftlicher wurde.

--- Deck 4, Gang, etwas später

Vergeblich hatte Ruben mehrere Laborräume durchsucht, aber kein geeignetes Material für eine selbstgebaute Lichtquelle gefunden.

Resigniert rieb er sich die Stirn, in der Dunkelheit hatte er sich schon mehrfach den Kopf gestoßen, er war einfach zu groß. Und zu ungeschickt. Eine verhängnisvolle Kombination, wenn man Beulen vermeiden wollte.

Das Licht der ausgebrannten Konsole war jetzt fast ganz verschwunden und der Niederländer beschloss, es noch in einem weiteren Labor zu versuchen.

Ansonsten musste er sich seinen Weg eben ertasten, auch wenn sein Kopf angesichts der dann zu erwartenden weiteren Beulen wahrscheinlich endgültig die Maße eines Ferengischädels annehmen würde...

--- Deck 4, vor dem Labor

Wagenvoort ächzte etwas, aber nach einem Moment gelang es ihm doch, das Schott ein paar Zentimeter aufzudrücken. Der manuelle Öffnungsmechanismus war eindeutig auf Sicherheitler ausgelegt, die dem Stereotyp entsprachen: Mit Oberarmen wie Bäumen, nicht mit Oberarmen wie Mikado-Stäbchen!

Überrascht bemerkte er, dass durch den schmalen Türspalt flackerndes Licht kam. Vielleicht eine weitere brennende Konsole?

Mit aller Kraft, die er noch aufbringen konnte, stemmte er das Schott weiter zur Seite und erblickte die beiden Wissenschaftler, die ineinander verschlungen auf dem Boden lagen.

--- Brücke

Innerlich seufzend nahm Hisaki eine Taschenlampe aus der Erste-Hilfe Tasche reichte sie hoch. Er bewunderte den Erfindungsgeist des Romulaners, aber seine ungestüme Art ließ ihn manchmal unüberlegt handeln.

Nachdem Alnaks Beine aus seinem Sichtfeld verschwunden waren, sprang der Asiat und zog sich am Rand der Öffnung hoch. Oben angekommen schaltete er seine eigene Lampe an und strahlte auf den Weg vor ihm.

Die Jeffries Röhren waren wahrlich nicht dafür gedacht, auf ihren "Decken" herumzukriechen. Alle paar Meter gab es eine Verstrebung, über die die beiden Männer klettern mussten, wobei es Hisaki aufgrund seines Körperbaus leichter hatte als der Romulaner.

--- Deck 3

Mit einem Ruck löste Yhea das letzte Schott und endlich waren sie aus den dunklen Röhren heraus. Zwar hatten sie aufgrund der guten "Ortskenntnis" des Chefingenieurs die schnellste Route genommen, aber dank der beklemmenden Dunkelheit kam es einem wesentlich länger vor.

Der Erste Offizier gönnte es seinem doch betagteren Rücken, sich einmal durchzustrecken, bevor er sich auf direkten Weg zur Krankenstation machte, ohne darauf zu achten, ob der bedauernswert große Romulaner mitkam.

--- Krankenstation

Prüfend blickte Hisaki durch die Krankenstation, die nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf gestellt war. Er war beeindruckt, wie gut Jordan alles organisiert zu haben schien und verzichtete erst einmal darauf eventuell andere Befehle zu geben, nur um das Kommando an sich zu nehmen.

Ihm waren einige Sicherheitler entgegen gekommen und das Einzige was er hatte machen können, war die Befehle der Ärztin zu bestätigen und um ein paar kleinere Anweisungen zu ergänzen.

Obwohl die Ärztin offensichtlich alles im Griff zu haben schien, war es offensichtlich, dass nur ein einziger komplett ausgebildeter Mediziner für diese Art von Notfall nicht ausreichend war.

Der Erste Offizier hatte so etwas befürchtet und längst vergessen geglaubtes Wissen kam wieder an die Oberfläche. Er packte den medizinischen Tricorder wieder aus der Notfalltasche heraus und ging zu der Ärztin, die gerade einen Patienten behandelte, der aus mehr als einer Wunde blutete.

Ohne darüber nachzudenken, dass er etwas tat, was er nach dem Tod seiner Frau geschworen hatte nie wieder zu tun, setzte er sich neben den Patienten und begann seine Wunden zu versorgen.

Sein Wissen war mit den Jahren sicherlich etwas verblasst, aber der Japaner hatte es als seine Pflicht angesehen, sich zumindest in der Unfallchirurgie fit zu halten.

Die Weitsicht Hisakis hatte sich wieder bewährt und bewahrheitet. Er wünschte es wäre nicht so. Ohne sich um die Reaktion der Ärztin zu kümmern, begann der Japaner damit, den offenen Bruch des Verwundeten zu behandeln.

Bevor sie etwas entgegnen konnte, sprach der Erste Offizier sie an, "Keine Sorge, Dr. Kincaid, ich bin Arzt.", die Reaktion der Frau beachtete er nicht, da er mit der Verletzung des Mannes genug zu tun hatte.

Er hatte wohlweislich alle Hinweise darauf aus seiner Krankenakte entfernt, bzw. eigentlich nur die Information was für ein Doktor er war. Allein in seiner Personalakte war noch der Abschluss des Medizinstudiums vermerkt, aber auf die hatte außer ihm nur der Captain zugriff. Hinzu kam auch noch, dass er nur sehr selten mit der Ärztin gesprochen hatte, bzw. sich nie in medizinische Belange eingemischt hatte. Somit vermutete der Japaner, dass diese Entwicklung nicht ganz unüberraschend kam.

"Eigentlich wollte ich die Sicherheit organisieren und die Verletzten bergen, aber wie es scheint haben Sie mir meine Arbeit abgenommen. Dann ist es nur recht und billig, wenn ich Ihnen bei Ihrer helfe."

Mit langsamen, aber sicheren Händen verarztete der Japaner den Mann vor ihm, bevor er weiter zu Jordan sprach, "Bitte klären Sie mich über die Lage hier unten auf."

--- Labor

Das Geräusch des sich schwerfällig öffnenden Schotts drang nur langsam in Celias Geist. Dann jedoch fuhr sie erschrocken zurück. Beschämt wollte sie aufspringen und Forge von sich stoßen, konnte sich jedoch gerade noch beherrschen. Das Licht, das ihr Mitarbeiter zwischen seinen Knien eingeklemmt hatte, durfte nicht verlöschen. Nicht, nachdem sie sich nun halbwegs wieder im Griff hatte.

Ihr Mitarbeiter... Celia dankte den Geistern, dass aufgrund der Dunkelheit nicht zu sehen sein würde, dass sie tiefrot angelaufen war. Wie hatte sie sich verhalten? Als einzige Entschuldigung konnte sie gelten lassen, dass sie nicht sie selbst gewesen war...

Unbeholfen versuchte sie aufzustehen, um zumindest ihre Würde wieder ein wenig herstellen zu können. Die schmerzende Hüfte ließ sie aufstöhnen und widerwillig musste sie es geschehen lassen, dass Forges Hände ihr aufhalfen.

Im schwachen Lichtschein des Feuerzeugs erkannte sie vage das Gesicht des Sicherheitschefs.

'Ausgerechnet', stöhnte sie innerlich auf.

Verärgert hatte Jan die Störung wahrgenommen und so lange verdrängt, bis es Celia bemerkt hatte. Aber das es ausgerechnet _er_ sein musste. Noch schlimmer hätte es nur noch kommen können, wenn Jordan persönlich aufgetaucht wäre.

Das Gesicht des Sicherheitschefs war nicht zu erkennen und Forge achtete darauf, ihn nicht direkt anzusehen. Etwas staksig und immer noch angewidert von dem Zeug, dass dieser dreimal verfluchte Ferengi nicht richtig gelagert hatte, stand er jetzt auch auf, darauf bedacht das Feuerzeug nicht fallen zu lassen.

Der Risaianer musste sein Schauspieltalent nicht mal besonders ausspielen, um beschämt und betreten zu Boden zu gucken, da es bei dieser Dunkelheit Perlen vor die Säue gewesen wären.

Stattdessen schloss er sich dem betretenden Schweigen der Gruppe an und versuchte so peinlich berührt wie möglich auszusehen. Da er rangmäßig sowieso nichts zu sagen hatte, hielt er an seiner Rolle als Fackelträger fest.

Hätte sich sein innerliches Grinsen auf seinem Gesicht widergespiegelt, hätte es vermutlich seine Mundwinkel zerrissen. 'Ha! Die Chefin!', jubelierte er im Innern, nach außen hin immer noch betrübt. 'Tja liebes Stutchen, die Wette hast du verloren!'

Mit Genuss dachte er an den Wetteinsatz, der ihm nun zustand. Die rothaarige Schönheit hatte ihm einfach nicht glauben wollen, dass es ihm...

'Oh nein...', durchfuhr es ihm, 'Lebt sie noch?'. An diese erschreckende Möglichkeit hatte er noch gar nicht gedacht. Sie war die einzige an Bord, die er als so etwas wie seine Freundin bezeichnen würde.

Und schlagartig kam ihm damit die Erkenntnis, dass es ja nicht nur sie sondern auch...

Sein Gesicht verfinsterte sich, als es nun tatsächlich seine Laune wiedergab. "Leben sie noch?", flüsterte er mehr zu sich selber als zu den beiden Offizieren.

"Das müssen wir herausfinden", antwortete der Sicherheitschef und versuchte zuversichtlich zu klingen, auch wenn sich sein eigenes Innerstes bei dem Gedanken verkrampfte, dass sie alle Freunde und gute Kollegen verloren haben mussten.

Im Schein des Feuerzeugs konnte Ruben das Gesicht der Wissenschaftlerin erkennen: Sie schien noch immer verstört zu sein, auch wenn ihr Blick sich langsam lichtete.

Es war nicht der richtige Zeitpunkt für Trauer und Verzweiflung.

Sie würden die Toten beweinen, später. Wenn das Chaos sich legte und alles getan worden war, was getan werden konnte. Zunächst mussten sie Kontakt zur Sicherheit aufnehmen. Sicherlich wurden die Notfallprotokolle bereits ausgeführt.

"Miss Hunter, Mister Forge, sind Sie in der Lage zu gehen?"

Während er auf die Antworten wartete, bemerkte er das hallende Geräusch von Schritten: Stiefel auf Duranium, und das Geräusch wurde stetig lauter.

Die Decken waren im Gegensatz zum nominellen Boden nicht mit Teppich gedämpft, der Niederländer vermochte die Entfernung daher nicht genau abzuschätzen.

"Wir befinden uns im hinteren Laborbereich, haben Sie eine funktionierende Lichtquelle bei sich?", rief Ruben so laut wie er konnte ins Halbdunkle.

--- Krankenstation

Kaum dass Hisaki den ersten Satz gesprochen hatte, hatte Jordans Miene sich versteinert. Kalte Ablehnung stieg in ihr auf, während sie dem Mann dabei zusah, wie er die Wunde, die er sich herausgesucht hatte, mit etwas eingerosteten, aber eindeutig geübten Bewegungen versorgte.

Kuzhumo Hisaki war Arzt.

Und er hatte es nie für nötig befunden, sie auch nur darüber zu informieren, geschweige denn seine Fähigkeiten bei einem der tausend vorherigen Notfälle zur Anwendung zu bringen. Dieser Mann hätte Leben retten können. Während des Giftgasanschlags auf der Atlantis und der Notfallimpfung hätte seine Hilfe essentiell sein können, wäre die Lage eskaliert. Während des Zusammenbruchs der Maquisbasis letztes Jahr waren Leute gestorben, weil sie nicht genug Hilfe bekam. Immer wieder hatten sie Crewmen verloren, weil Cailin und sie - und vor ihrer Ankunft Cailin allein! - nicht genug Hände besaßen, um sich um zahllose Kolonisten und ein Schiff, das sich ständig im Ausnahmezustand befand, zu kümmern. Und jetzt erschien er hier und half, ohne auch nur einen Anflug von Scham.

Jordan wusste selbst, dass ausgerechnet sie nur wenig Recht hatte, andere Ärzte zu beurteilen. Aber selbst sie hatte einst an diesem Völkermord teilgehabt, um ihre Leute zu retten, um zu helfen. Ein Arzt auf einem Schiff wie der Venture trug Verantwortung. Was auch immer Hisakis Motive waren - er war ein Bild der Verantwortungslosigkeit und somit der Inkompetenz.

Kalt presste sie die Lippen aufeinander.

"Allgemeinmedizin oder Unfallchirurgie?"

"Beides", gab Hisaki ruhig zurück, auf seine Arbeit konzentriert.

"Gut." Momentan ging die Pflicht vor. "Wir brauchen momentan dringender einen Sicherheitschef als einen zweiten Arzt. Ich schlage vor, Sie informieren sich bei der Sicherheit über den Fortschritt der Bergungsaktion und verschaffen mir zusätzlichen Raum für Verletzte. Die Krankenstation ist nicht groß genug. Ich hatte auch keine Zeit zu beobachten, wie effektiv die Suche nach Verwundeten vonstatten geht. Danach brauche ich Sie hier."

Die Ärztin wandte sich wieder der Kopfverletzung des Mannes auf dem Biobett zu, die sie zuvor behandelt hatte, und sprach weiter. "Ein Bote ist auf dem Weg zu McCarthy und Alnak. Die unabhängigen medizinischen Geräte funktionieren, aber wir brauchen Replikatorenergie. Daneben Kommunikation und Transport. Die Teams arbeiten zu zweit, decken zurzeit die Decks 3 und 4 ab und schicken alles, was laufen kann, hierher. Organisation ist wichtiger als Erstversorgung", betonte sie. "Hier treffen immer mehr Leute ein, die alle helfen könnten, nur dass ihnen noch keiner sagt, wie. Wenn alles aufgescheucht durcheinander läuft, sterben uns Leute weg, egal wie viele Ärzte hier bereitstehen. Gehen Sie. Helfen Sie mir später. Wir brauchen mehr Platz, mehr medizinisches Personal, mehr Medikamente - einige lagern im Labor - und mehr Betten."

Flüchtig sah sie auf, um Hisaki Gelegenheit zu einer Reaktion zu geben, bevor sie sich dem nächsten Verwundeten zuwandte. Sie hatte Dallas losgeschickt, um nach Cheyenne zu sehen, und dass die Krankenschwester nicht zurückgekehrt war, ließ sie Dunkles ahnen.

Ruhig beendete der Japaner seine Arbeit und blickte dann auf seine blutverschmierten Hände. Allein seine über Jahrzehnte angelernte Selbstdisziplin hatte ihn dazu befähigt den Ausführungen der Ärztin zu folgen und gleichzeitig seinen Unwillen gegen das was er tat, zu bändigen. Er hatte einmal den hippokratischen Eid geschworen, aber das kam ihm vor, wie in einem anderen Leben.

Nach dem Anschlag der Cardassianer, in deren Folge Satu an einer biologischen Waffe der Aggressoren gestorben war, und seinem Unvermögen, der Frau die er liebte zu helfen, hatte er sich geschworen nie wieder als Arzt tätig zu werden. Das Bild seiner Frau halb entstellt, und trotzdem immer noch mit der faszinierenden Schönheit in ihren Augen, die langsam erloschen, schob sich vor sein inneres Auge.

Die Zeit, in der der Erste Offizier regungslos verharrte, betrug nur wenige Sekunden. Doch für ihn war es eine Ewigkeit, in dem der Schmerz, den er seit Jahren unterdrückte, eine Lücke in der Disziplin des Japaners gefunden hatte und erbarmungslos zuschlug.

"Sicher, da haben Sie recht Doktor", sprach Hisaki leise zu ihr und bemerkte erst jetzt, dass sich eine einzelne Träne seine Wange heruntergelaufen war. Der Asiat wischte sie einfach weg, sein Pflichtgefühl gewann wieder die Oberhand. Mit neu gewonnener Stärke stand er abrupt auf und ging auf den Ausgang der Krankenstation zu.

In dieser lief es zwar relativ chaotisch, aber dennoch mit System. Jordan schien ihre Umgebung im Griff zu haben, so musste sich der Japaner nur um das Gebiet kümmern, das sie nicht im Auge haben konnte.

Also das restliche Schiff.

--- vor der Krankenstation

Im Flur, der mehr schlecht als recht beleuchtet war, tobte das Chaos. Scheinbar dutzende Menschen lagen, standen, oder gingen ziellos umher. Die Bemühungen, organisiert voranzugehen waren zwar zu erkennen, aber die "ungewohnte" Situation ließ auch die kampf- und stresserprobte Crew der Venture nicht kalt. Es fehlte schlicht an Führung.

"HAI!", schrie der Erste Offizier so laut er konnte, mit aller Autorität die er besaß. Wie zur Bestätigung richteten sich mehrere Taschenlampe auf ihn, um herauszufinden, woher der Ruf kam. Die plötzlich auftretende Stille füllte Kuzhumo direkt mit Befehlen, "Sie", dabei zeigte Hisakis Hand wie auch seine Taschenlampe auf eine Gruppe von sechs Sicherheitlern, "Sorgen sie dafür, dass alle umliegenden Quartiere geöffnet werden. Die Krankenstation wird ausgelagert. Alle untersuchten und versorgten Patienten, deren Zustand nicht kritisch ist, werden in diesen Räumen untergebracht. In der Krankenstation selber bleiben nur die Schwerverletzten.

Die Nähe der Quartiere gibt an, wie sehr verletzt unsere Kameraden sind. Sie vier", die Taschenlampe zeigte auf zwei Sicherheitler und zwei stämmige Burschen, die entweder zivil unterwegs gewesen, oder tatsächlich Zivilisten waren, "beschaffen aus den Lagerräumen drei und vier unsere Überlebensausrüstungen her. Licht- und Wärmequellen, Medizin und Feldbetten haben oberste Priorität."

Nachdem die ersten beiden Gruppen sich in Bewegung setzten drehte der Japaner sich um und zeigte auf die nächsten drei, von denen eine Frau aus der Medizin zu sein schien. Hisaki kannte zwar jede Person an Bord, aber im Halbdunkel hatte er Schwierigkeiten, sie genau zu erkennen, "Sie kümmern sich darum, alles aus den Schränken der Krankenstation herauszuholen, was gebraucht werden kann. Da diese nun auf der Decke montiert sind, öffnen sie sich nach unten. Denken Sie daran."

Hisaki hielt einen Moment inne, während auch diese Gruppe verschwand. Neben den Verletzten und Erstversorgern blieb immer noch ein großer Teil Menschen übrig, der scheinbar nichts mit sich anzufangen wusste. "Die restlichen Unverletzten, sofern sie nicht hier gebraucht werden, bilden Dreierteams. Jedes Team nimmt sich eine Erste Hilfe Tasche, sowie eine Trage mit. Da die Standardsternenflottenausrüstung nicht mit so einer großen Anzahl an Verletzten rechnet, ist hiermit alles als Trage zu bezeichnen, auf dem man einen Menschen transportieren kann. Die Teams, die in Richtung Lagerräume gehen, nehmen sich ein Feldbett. Alle anderen Teams nehmen sich im Zweifelsfalle eine Wandverkleidung mit.

Wenn Sie einen Crewman finden, den Sie nicht transportieren können und der nicht aus eigener Kraft laufen kann, bleibt einer bei ihm. Ich wiederhole: Es wird kein Mitglied dieser Crew alleine in einem dunklen Gang zurückgelassen. Sie bleiben bei ihm, bis das nächste Team mit einer freien Trage kommt. Haben wir uns verstanden?"

Ein lautes und einvernehmliches "Aye, Aye Sir", erfüllte den Japaner mit Stolz. Auf diese Crew konnte man sich verlassen und McCarthy konnte stolz auf sie sein. Mit erhobener Stimme für er fort, "Alle anwesenden Techniker kommen zu mir. Sie beide", die Taschenlampe zeigte auf zwei junge Kommandooffiziere, „bleiben auch hier. Der Rest weiß was er zu tun hat! Teilen Sie sich auf und sprechen Sie sich ab. Lassen Sie kein Quartier ungeöffnet, schauen Sie in jedem Gang nach. Hai!"

Zu den Kommandooffizieren gewandt sprach er, "Sie Beide kümmern sich darum, dass meine Befehle eingehalten und befolgt werden. Teilen Sie die Neuankömmlinge ein. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich an Dr. Kincaid. Ansonsten ist es ihre Pflicht, jeden Helfer zu fragen, was er am Nötigsten braucht, sich aufzuschreiben und zu holen oder holen zu lassen!"

Mit einer Handbewegung schickte er die beiden Offiziere weg und wandte sich den Technikern zu. "Wir brauchen Replikatorenergie. So schnell es geht. Mr. Alnak ist auf dem Weg zum primären Warpkern, um diesen zu überprüfen und die Technik zu organisieren. Wenn Sie aktuell keine Idee haben, wie Sie das Problem lösen können, folgen Sie ihm."

Die Blicke, die sich die Techniker zuwarfen, sprachen Bände, "Also gut.", änderte Hisaki seinen Befehl, "Sie beide bleiben hier und helfen dabei, die Türen zu entriegeln und basteln Sie aus allem, was da ist, Tragen oder Betten. Wenn Sie etwas brauchen wenden Sie sich an die Beiden", seine Hand zeigte auf die rege arbeitenden Jungoffiziere, "Sie werden es Ihnen besorgen, oder die richtigen Leute schicken, um es zu holen. Sie bleiben aber auf jeden Fall hier, in Reichweite von Dr. Kincaid."

Die beiden Techniker verschwanden und er wandte sich an die anderen drei Verbliebenen, "Sie machen sich sofort auf dem Weg zu Mr. Alnak. Sagen Sie ihm, die Energieversorgung für die Replikatoren hat oberste Priorität!"

Zwar war dieser eigentlich damit beschäftigt die Luken zu öffnen, um Frischluft in das Schiff zu lassen, aber auch ohne funktionierende Lebenserhaltungssysteme würde die Restluft für mindestens acht Stunden reichen. Wenn auch natürlich mit abnehmender Qualität. Die Verletzten aber, die man nur mit replizierbaren Stoffen behandeln konnte, hatten nicht soviel Zeit.

Zufrieden beobachtete Hisaki das nun organisierte emsige Treiben der Crew, welches nun in die richtigen Bahnen gelenkt worden war.

Der Japaner beobachtete ein Weile, ob seine Anweisungen auch korrekt durchgeführt wurden und gab noch ein paar ergänzende Hinweise, bevor ihn einer der Sicherheitler aus dem Heckbereich entgegen kam und ansprach.

"Mr. Hisaki...", ein bisschen außer Atem erklärte ihm dieser, dass der Versuch, den Gang zum Heckbereich der Venture zu räumen, aufgrund der nicht funktionierenden Phaser fehlgeschlagen war und es nur ein kleines Loch dort gab, durch das keiner der Anwesenden hindurch kam. Schmunzelnd nahm der Erste Offizier zur Kenntnis, welche seiner Fähigkeiten gefragt war.

--- Gänge

Auch der Japaner hatte es schwer, sich durch das Loch hindurchzuzwängen, aber schließlich gelang es ihm, auch wenn mit einigen Schnitten und Kratzern. Diese kümmerten ihn aber nicht weiter, sondern er nahm seine Erste-Hilfe Tasche durch das Loch entgegen und machte sich auf den Weg,den Heckbereich zu erkunden.

Der Erste Offizier wollte die Erstversorgung sicherstellen, bis es dem Team gelungen war, einen der Gänge freizuschaufeln, oder aber die ersten Teams über einen weiten Umweg hier vorbeikamen.

Scheinbar hatte es diese Sektionen schlimmer erwischt und irgendetwas musste sich durch die Hülle gebohrt haben, da sich die Decks verschoben hatten. Zumindest bemerkte er, als er sich durch den Schrottberg gezwängt hatte, dass er sich nun auf Deck Vier befand.

Zweifellos würde das Alnak Kopfschmerzen bereiten, aber Kuzhumo hatte nun anderes zu tun. Mit sicheren Schritten, dem Schein der Taschenlampe folgend, machte er sich auf den Erkundungsweg.

"Wir befinden uns im hinteren Laborbereich, haben Sie eine funktionierende Lichtquelle bei sich?", rief Ruben so laut er konnte ins Halbdunkle.

Erleichtert seufzend erkannte der Japaner die Stimme des Sicherheitlers. Mit sicheren Schritten folgte er der Stimme. "Hier ist Hisaki, bleiben Sie, wo Sie sind, ich komme zu Ihnen.", antwortete der Asiat und hoffte, dass die normalerweise beruhigende Wirkung seiner Stimme auch hier nicht versagte.

--- Labor

"Gehen?", Celia mühte sich immer noch um ihre Fassung, "Ich denke schon."

Noch immer spürte sie die Panik, die sich inzwischen in einem Winkel ihres Bewusstseins verkrochen zu haben schien, bereit, beim Verlöschen des kleinen Lichtes wieder zuzuschlagen. Aber so langsam kehrte ihre Vernunft zurück.  Wenn es nur hell bliebe, würde sie bald wieder die alte sein und vollständig einsetzbar.

Zumindest ihr Verstand. Was ihren Körper anging, merkte sie langsam, wie die von ihrer Hüfte ausstrahlenden Schmerzen zunahmen und sich nun, da die Panik halbwegs verebbt war - und sie es schaffte, die Gedanken an ihr darauf folgendes Fehlverhalten zu verdrängen - ein deutliches Schwindelgefühl in ihr ausbreitete.

Die Kopfverletzung pochte stark, stellte sie auf einmal fest. Sie fasste sich an die Stirn, spürte eine scharf begrenzte Wunde über ihrer rechten Augenbraue. Sie blutete immer noch leicht. Zu dem Schwindelgefühl gesellten sich nun Übelkeit und Kopfschmerzen.

Sie versuchte, die Schmerzen niederzuringen. Sie war eine Lakota. Sie kannte meditative Techniken, die ihr helfen würden, die Schmerzen einzudämmen.

Es gab sicherlich wichtigere Dinge an Bord der Venture zu tun für sie. Sie durfte es sich nicht erlauben, zusammenzubrechen.

Sie musste für Lichtquellen sorgen. Möglicherweise war die Beleuchtung auf dem gesamten Schiff ausgefallen. Sehr wahrscheinlich sogar.

Konzentriert versuchte Celia, ihre Schmerzen zu ignorieren. Gerade, als sie sich an Wagenvoort wenden wollte, erreichte der Sicherheitsschef das Labor.

"Ich freue mich, Sie begrüßen zu dürfen...", sprach er zu der illustren und dreckigen Gruppe, deren Mitgliedern zum Glück nichts Ernstes zu fehlen schien. Mit einer leichten Irritation nahm er den Gesichtsausdruck wie auch die Körperhaltung der Lakota wahr, die gar nicht zum üblichen Auftreten der Wissenschaftlerin passten.

"Geht es Ihnen gut, Miss Hunter?", fragte er sie leise.

"Ich bin unter eine Herde Bisons geraten", antwortete sie Hisaki mit ebenso leiser Stimme. Das Gesicht des Mannes, sowieso im Dämmerlicht kaum zu erkennen, verschwamm vor ihren Augen und Hisakis Gestalt schwankte leicht.

Oder war sie es, die schwankte?

"Aber es geht schon - Sie wissen doch, ein Indianer kennt keinen Schmerz", versuchte sie, die Atmosphäre aufzulockern.

Stardust Venture