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Venture 17 - Man nimmt, was man kriegen kann

--- Krankenstation

Nachdem sich Cailin und Yheas Wege getrennt hatten, war sie auf direktem Wege zur Krankenstation gegangen und wie es aussah, wurde sie dort auch wirklich gebraucht.

Die Ordnung, in der sie das letzte Mal die Krankenstation verlassen hatte, war zu einem gröberen Chaos mutiert. Viele Medikamente und lebenswichtige Stoffe lagen teils auf den Tischen, teils in den Schränken und zum größten Teil auf den Schränken herum.

Und mitten im Chaos wühlten Jones, Dallas und Norgaard.

"Lanagor sei mit uns", murmelte die Purna erschrocken und ihre Kammpracht legte sich wie von selbst zusammen. Hatte während ihrer Abwesenheit ein Überfall stattgefunden?

"Ich bin ja so froh, dass Sie wieder da sind", meinte Dallas strahlend und richtete sich mit leicht schmerz verzerrten Gesicht auf. Dann flog ihr Blick sofort zu Jones, der sehr eifrig herumzuräumen zu schien und nicht einmal bemerkt hatte, dass die Chefärztin eingetreten war. "ER hat das ganze hier veranstaltet. Ich hab ihm schon gesagt, dass sie nicht sehr glücklich darüber sein werden."

"Was macht er da?", fragte die Purna tonlos und verstand nicht wie die Krankenstation den Beschuss und späteren Enterversuch der Romulaner vor kurzem hatte in einem wesentlich besseren Zustand überstehen können als den heimtückischen Überfall eines texanischen Terraners.

"Es sollte eine Überraschung werden, wenn sie wieder zurückkommen. Ein neues Ablagesystem, das viel effizienter ist, als das alte, aber momentan ist einfach hier nichts wieder zu finden und er meint dazu auch noch mehr Schränke zu benötigen", stammelte Dallas wieder und Cailin kam es vor, als wäre sie den Tränen nahe.

Beschwichtigend wollte sie versichern, dass sie ohnehin vorgehabt hatte, wieder einmal eine Bestandsaufnahme zu machen, damit sie dem Captain mitteilen konnte, welche Mitteln noch gebraucht würden, doch Norgaard kam ihr zuvor. Er wirkte blass wie ein Geist und unter seinen Augen waren dunkle Ringe: "Wir wollten ihn ja davon abhalten, aber..."

Ohne länger Fragen zu stellen, die nicht an der augenblicklichen Situation änderten, packte Cailin mit an und versicherte sich, dass alles wieder an den Platz kommen würde, an dem es zuvor gelegen hatte.

Nichts konnte im Notfall verheerender Folgen haben als eine desorientierte Ärztin...

--- Konferenzraum

Nachdem Kai noch eine Weile scheinbar konzentriert auf das PADD vor ihm schaute, ergriff er wieder das Wort. Mit schnellem Blick sah er die Anwesenden wie erwartet in Uniform, oder in genau derselben nicht. Der Sicherheitler hätte sich bei den beiden Klingonen auch gewundert. Fletcher schien sich wie James Tiberius Kirk zu fühlen, zumindest sah die aufgeplusterte Hühnerbrust so aus. Jordan hingegen schien wirklich in der falschen Uniform, bzw. den falschen Range zu bekleiden. Wenn nichts dazwischen kam, würde er sie beiseite nehmen und mal nachfragen.

"Bevor ich zu Quartiervergabe komme, möchte ich Ihnen noch ein paar generelle Einweisungen auf den Weg geben. Den Hinweis für Zugangsberechtigungen hat Ihnen ja schon Captain McCarthy erteilt. Des Weiteren gelten auf diesem Schiff alle Starfleetgesetze, sofern nicht anders in Ihrer Gute-Nacht-Lektüre beschrieben.

Diese können Sie sich gleich bei mir abholen. Die Änderungen beziehen sich im Groben eigentlich nur darauf, dass wir nicht wegen irgendwelchen Fragen Starfleet Command behelligen...", Kai lächelte leicht über den allgemein beliebten Scherz an Bord, aber diesen Humor schienen die Anwesenden noch nicht zu teilen.

Victor redete sich geradezu in einen Rausch. Er fühlte sich glatt wie ein Dozent an der Akademie, der gerade einen Witz gemacht hat, der für die Studenten zu hoch war. Er kam immer mehr zur Überzeugung, dass dieser Job ihn nicht nur nicht überfordern, sondern ihn auch richtig ausfüllen konnte.

"Ich werde Ihnen jetzt nicht alle Richtlinien vorlesen, das können Sie selber, aber lassen Sie mich noch ein paar Worte zur Kommandostruktur verlieren, bevor ich Sie entlasse. Captain McCarthy haben Sie ja bereits kennen gelernt. Einen designierten 1.Offizier haben wir nicht. Diesen Posten teilen sich unser Sicherheitschef Hisaki und der bajoranische Verbindungsoffizier Anjol, der volle Befehlsgewalt besitzt und..."

--- Anjols Quartier

Verwirrt, aber dennoch misstrauisch warf Anjol seine Bekleidung im hohem Bogen Richtung Nachttisch, verfehlte diesen aber in Gedanken versunken um einen guten halben Meter:

'Irgendwie hat mich dieser Kerl übers Ohr gehauen!', war sich der Bajoraner sicher, doch hatten weder er noch McCarthy, der sich im letzten Drittel der Verhandlungen mit dem Maquis von der Brücke der Venture aus zugeschaltet hatte, eine Stelle in der Vereinbarung gefunden, die dieses Misstrauen verdient hätte.

"Es war einfach zu leicht...", grummelte er vor sich hin, wissend, dass der Maquis jeder Unstimmigkeit aus dem Weg gegangen war, der getroffene Handel für die Venture sehr gut ausfiel. Entweder war der Maquis wirklich kurz vorm Ende, ein Eindruck, den die gut ausgestattete Basis kaum vermittelt hatte, oder sie waren extrem subtil vorgegangen.

Der Maquis hatte sich gar aufgedrängt, als Chance eines Landurlaubs für die Mannschaft der Venture zu dienen, bis McCarthy schließlich zugestimmt hatte. Immerhin konnte die Crew die Erholung wirklich gebrauchen, zumal außerhalb der Badlands das längere Anfliegen eines Planeten sehr gefährlich war.

Aber am Ärgerlichsten war, dass er für so eine Farce das nette Abenteuer auf dem Holodeck hatte unterbrechen müssen! Was Veronica wohl gerade machte?

Stirnrunzelnd wurde er sich bewusst, dass ihre neue Schicht auf der Brücke schon begonnen haben musste und sie die nächsten Stunden vergeben war. Von Langeweile getrieben nahm er sich vor, die Neuankömmlinge aufzusuchen.

Dieser Kai Victor, den McCarthy für sie abgestellte hatte, war vielleicht ein guter Mann, aber ihm fehlte die Erfahrung, solch exotische Typen zu bändigen. Immerhin waren es keine Flottenoffiziere, sondern "freischaffende Künstler"...

---Konferenzraum

Eine Auskunft vom Schiffscomputer sowie eine kurze Fahrt mit dem Lift später, stand Anjol vor der Tür des kleinen Konferenzraums, der für Missionsbriefings einzelner Abteilungen genutzt wurde. Abgesehen von der Größe ähnelte er dem der Führungsoffiziere in sämtlichen Details, sodass sich der Bajoraner sofort an den steifen Klang von McCarthys Stimme erinnerte, als er in Raum eintrat.

Victor verstummte nur kurz überrascht, dann fuhr er eilig fort, hatte er doch gerade über Anjol gesprochen: "... hier ist er bereits. Sir, darf ich Ihnen vorstellen: Ms Jordan Kincaid, Sam Fletcher, K'bal und Tex. Sie bewerben sich alle für einen Posten an Bord der Venture. Wollen Sie vielleicht ein paar Worte an Sie richten?"

Ein bisschen verdattert stand Kai weiter an seinem Rednerpult, während er den Bajoraner anstarrte. Dieser starrte zurück, wahrscheinlich total überfahren, ohne zu wissen, was er jetzt wohl Schlaues sagen konnte.

Hatte der frischgebackene Adjutant schon versagt, oder bekam er jetzt ein Kindermädchen, oder... Der Amerikaner stand einfach da und hoffte auf eine Antwort.

Mit einem kurzen Blick in die Runde maß er die Moral der Neuankömmlinge, die sich irgendwo zwischen Langeweile und Tiefschlaf zu befinden schien.

"Nein, so wie es aussieht, haben Sie ja bereits alles Wichtige erwähnt", gab Anjol trocken zurück, während er sich in einem Anflug von Erheiterung fragte, ob Klingonen wohl Däumchen drehten.

Der Gesichtsausdruck der beiden Angehörigen dieser Spezies sprach jedoch Bände, schienen sie doch viel lieber fremde Hälse zu drehen.

"Wir sind uns außerdem bereits auf dem Planeten kurz begegnet", fügte er mit einem Nicken in Richtung von Sam hinzu, das nicht nur erklärend sondern auch bedauernd klang, bis er in fragendem Ton hinzufügte: "Welche Order haben Sie denn erhalten?"

Sam nahm Haltung an - schließlich galten hier die Vorschriften der Sternenflotte, und da er sich in diesen nicht sonderlich gut auskannte (dies aber bald nachzuholen gedachte), war es sicher besser, auf Nummer Sicher zu gehen.

Dann antwortete er militärisch korrekt: "Sir, der Captain plant, mich flexibel an den Schlüsselpositionen diverser Krisenherden einzusetzen, da er mich und damit meine Qualitäten von früher kennt." Sicherheitshalber setzte er noch ein "Sir" hinzu, man konnte ja nie wissen.

Innerlich spielte der Bajoraner mit dem Gedanken, die prahlerische Antwort einfach zu überhören, war doch die Frage selbstverständlich an Lieutenant Victor gerichtet gewesen, der nun mit zuckenden Mundwinkeln sein Lachen kaum verbergen konnte.

Doch andererseits war Anjols Frage nicht besonders präzise gewesen und sein Wille diese Aussage nachzuprüfen war geweckt: Zwar war ihm McCarthy immer als idealistischer Sturkopf vorgekommen, der unfähig war über seine Erfahrungen hinaus zu gehen, aber Vetternwirtschaft konnte man dem Captain wahrlich nicht vorwerfen.

"Verstehe. Lieutenant, was hat sich noch zugetragen?", antwortete er so vorsichtig hinzu, um dem Wahrheitsgehalt des großspurigen Spruches auf den Grund zu kommen.

Kai ließ sich mit seiner Antwort wohlweislich Zeit, schließlich wollte er nicht mit einem Mal losprusten, war die selbstverherrlichende Darstellung Fletchers doch zu komisch. "Ähm, ich habe unsere Neuen kurz ein bisschen eingeführt und mit Communicatoren ausgestattet. Ansonsten war ich gerade dabei eine kurze mündliche Einführung in die Gepflogenheiten unseres Schiffes zu geben. Allerdings nichts, was in dem Leitfaden nicht drinstehen würde."

Mit diesen Worten hielt er die vier Padds hoch, die er gleich an die Anwesenden verteilen wollte. Nach einer kurzen Denkpause fuhr er fort, "Danach wollte ich nur noch die Quartiere verteilen. Der Captain hat angeordnet, dass auf Grund unserer jetzigen Situation die Aufnahmetests verschoben werden. Das war es eigentlich, Sir."

'... Hoffentlich...', fuhr es dem Amerikaner durch den Kopf. 'Was zum Henker will der Bajoraner eigentlich hier???!?'

"Gute Arbeit, Mr. Victor", lobte Anjol den Lieutenant. Dem jungen Kerl stand ins Gesicht geschrieben, dass die neue Verantwortung sichtlich auf ihm lastete, und er noch unsicher jeden seiner Schritte in Frage stellte.

"Wenn alles erledigt ist, können Sie den Neuankömmlingen ja die Freizeitangebote zeigen. So wie es aussieht, werden wir noch etwas länger bei der Basis bleiben und der Crew etwas Erholung gönnen. Danach sind wir wahrscheinlich länger unterwegs", fügte er hinzu und versuchte so etwas wie Schockierung in den Gesichtern der Neuen zu sehen, aber sie alle erfüllten seine Erwartungen, blieben absolut unbeeindruckt.

"Falls noch etwas sein sollte, können Sie mich jederzeit per Com erreichen", schloss der Bajoraner und wandte sich schon Richtung Tür, erinnerte sich dann aber an das peinliche Missverständnis seiner Ankunft und fügte dann noch rasch hinzu, "Mr. Victor"

Erleichtert, dass es weiter ging, sah Jordan ihm nach. Wäre sie nicht bereits in frühester Kindheit durch strenge Erziehung darauf getrimmt worden, auch die längsten Monologe ohne ein Wimpernzucken zu ertragen, hätte sie wahrscheinlich angefangen, unruhig auf ihrem Stuhl herum zu rutschen. Zwar strahlte die Venture für sie mit jedem Wort Victors eine größere Faszination aus, doch hatte sie derlei schon etliche Male gehört, war überzeugt, nichts Neues zu hören zu bekommen, und langweilte sich.

Mit Mühe hielt sie sich davon ab, ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch herum zu trommeln. Ihr war, als würde sie den jungen Lieutenant damit lediglich verunsichern. Ihm stand ins Gesicht geschrieben, dass er gerade verzweifelt einzuordnen versuchte, was der Bajoraner von ihm wollte, und Jordan konnte ihm das kaum verübeln, hatte sie sich doch oft genug in derselben Situation befunden. Da er seine Aufgaben dennoch ohne hilfloses Herumstammeln erledigte, er war ihr sofort sympathisch.

Die Sache mit den Freizeitangeboten klang immerhin ganz lustig. Als seien sie Urlauber auf einem Luxusschiff, keine einfachen Bewerber.

Als sie sich seufzend zurücklehnte, um dem Kommenden zu harren, fiel ihr erneut ein sehr leises, metallisches Geräusch von der Decke her auf, das sie schon ein paar Mal flüchtig vernommen hatte. Ein Techniker, der in den Jeffriesröhren arbeitete? Wahrscheinlich liefen gerade Wartungsarbeiten...

Also wandte die Krankenschwester sich wieder Kai zu, in der Hoffnung, es ginge schnell weiter.

--- Maquisbasis, Raumdock

Endlich waren sie angekommen! Nach monatelanger Irrfahrt war es Chedu, Shania, Chi-Lo und Gorm endlich gelungen, vorwitzige Föderationsagenten abzuschütteln und auf der Marquisbasis anzukommen, wo sich laut Shania die Venture befinden sollte.

Während der Fahrt war es Chi-Lo sogar gelungen, eine Art Freundschaft zu den anderen dreien aufzubauen, oder, was Chedu anbelangte, eine Art unbefristeten Waffenstillstand, der nur von gelegentlichen Streitgesprächen und Sticheleien unterbrochen wurde.

Der Ferengi sah sich jetzt fasziniert nach allen Seiten um, wie auch die anderen drei. Gerade hatten sie das Schmugglerschiff verlassen, das sie hierher gebracht hatte und schon befanden sie sich in einem geschäftigen Treiben, das so gar nicht wirkte, als befänden sie sich auf einem Stützpunkt voller Rebellen und Abtrünniger.

Er blickte sich kurz zur großen Terranerin um, die wie gewohnt in unmittelbarer Nähe zum Chinesen stand. Mittlerweilen hatte er sich allerdings auch an die ständige Anwesenheit Chedus gewöhnt, die immer noch seine Nähe zu suchen schien, was er bei ihren Unterschieden kaum verstehen konnte. Aber zugegebener Weise empfand auch er ihre Anwesenheit als sehr angenehm.

"Endlich sind wir da. Und wie kommen wir jetzt zur Venture?", fragend sah der kleine Wissenschaftler zu Shania auf.

Der Chinese fing an, sich zu fragen, was er hier sollte. Bisher hatte sich nie die Gelegenheit ergeben, sich von dieser Gruppe zu trennen. Es war, als würde ein unerbittliches Schicksal sie eisern zusammenhalten. Aber nun, auf der Basis, da war das anders. Er könnte sich unauffällig absetzen. Irgendwo neu beginnen.

Laut Shanias Berichten war es so, dass die Venture ein wahrhaftiges Samariterschiff war, ein Haufen von Idealisten, die nur im Interesse von armen Unterdrückten Kolonisten durch die Gegend flogen, immer Gutes taten und dabei von der Obrigkeit gejagt wurden. Anderen Leuten Gutes zu tun war dem Asiaten ein eher fremder Wesenszug. Er hatte sogar eine Zeit lang unter einem Sklavenhändler gedient. Einen größeren Kontrast zu dieser Venture schien es nicht geben zu können, soweit er das beurteilen konnte, ohne die Venture jemals gesehen zu haben.

Chi-Lo hielt das Schiff nur deswegen für interessant, weil es es schon seit so langer Zeit schaffte, den Häschern der Föderation zu entkommen.

Zu guter Letzt beschloss er, der Gruppe vorerst treu zu bleiben. Auf der Venture konnte er mit Sicherheit noch viel lernen, da er doch als Terrorist gesucht wurde. Er würde sich die Verstecktricks der Venture zu Nutzen machen.

Nach einem Moment des Zweifelns, ob es richtig gewesen war nicht nur die Ivory hinter sich zu lassen, sondern auch noch Chi-Lo zur Venture zu bringen, straffte sich die große Gestalt der Amerikanerin wieder und sie schüttelte ihre dunkelblonde Mähne, als wollte sie damit auch ihre trüben Gedanken vertreiben.

"Wir befinden uns hier doch in einem Raumdock", entgegnete Shania schließlich auf die Frage des kleinwüchsigen Ferengi und blickte sich suchend um. "Wenn jemand weiß, wie man mit der Venture Kontakt aufnehmen kann, dann doch sicher hier."

Unsicher sah sie sich einen Moment um, ob sie vielleicht jemanden in Förderationsuniform herumrennen sah, falls die Mannschaft Landgang hatte, doch entweder trug man auf der Venture keine Uniformen mehr oder niemand war gerade hier.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass man unsere Ankunft hier nicht schon längst bemerkt hat und uns gleich willkommen heißt. Immerhin ist eigentlich schon das Wissen um diesen Stützpunkt geheim. Es war schwer genug einen Kontakt spielen zu lassen, der uns bis hierher gebracht hat. Wenn ich Pech habe, treffe ich den Klingonen einmal wieder." Allein der Gedanke daran war alles andere als erfreulich nach dem Versprechen, das sie ihm gegeben hatte.

"Das heißt... kann man mit unseren Communicatoren nicht einfach Kontakt mit Besatzungsmitgliedern der Venture aufnehmen, wenn diese hier vor Ort liegt?" Statt eine Antwort abzuwarten, betätigte sie einfach ihren Communicator und überprüfte ihre Theorie: "Shania an Anjol: Kannst du mich hören? Ich habe die Ivory hinter mir gelassen und bin hier am Maquisstützpunkt mit einigen Leuten, die einen Posten an Bord der Venture suchen."

Abwartend lauschte sie, während sie hoffte, dass sie es endlich schafften ihr eigentliches Ziel zu erreichen.

--- Konferenzraum

"Kommen wir zu Ihren Quartieren", fuhr der Lieutenant fort, nachdem er die Padds mit dem erwähnten Regelwerk ausgeteilt hatte, und die Krankenschwester atmete erleichtert auf. Sie ließ ihr Padd unangetastet liegen. Es am Abend zu lesen wäre früh genug.

"K'bal, Ihnen wurde Quartier 81 zugeteilt. Es liegt auf Deck 3. Mardob, Sie erhalten Quartier 72, auch auf Deck 3. Mr Fletcher, Ihr Quartier mit der Nummer 26 liegt auf Deck 2, ähm, also in der Nähe der Brücke." Ein letztes Mal fragte sich Victor, ob diese Zuweisung nun klug oder völlig das Falsche war...

"Jordan, Ihr Quartier liegt in unmittelbarer Nähe der Krankenstation, so dass Sie immer schnell dort sein können. Es hat die Nummer 68 und liegt auf Deck 3." Kai verstummte unbehaglich, als er sich daran erinnerte, dass dieses Quartier vor kurzer Zeit noch von dieser Jefferson bewohnt worden war, deren Flucht Hisaki zu einem erschreckten Einatmen veranlasst hatte, das bei seinem Sensei mit einem mittelschweren Wutanfall gleichzusetzen wäre.

"Während unseres Aufenthalts können Sie gerne die Holodecks aufsuchen, insofern sie frei sind. Sie können auch die Schiffsbar besuchen oder unsere Trainingshalle nutzen. Beide befinden sich auf Deck 5." Er überlegte einen Augenblick, ob es noch etwas zu sagen gab. "Das wäre alles. Haben Sie noch Fragen?"

Kai sah von einem unbewegten Gesicht zum anderen und entschied, dass die Antwort nein lauten musste. "Dann entschuldigen Sie mich jetzt. Ich hoffe, dass Sie sich hier wohl fühlen."

Er nickte ihnen noch zu und verließ erleichtert den Raum. Endlich hatte er die Aufgabe hinter sich gebracht und konnte seinen restlichen freien Tag genießen.

Mit einem zufriedenen Zähnefletschen erhob Tex sich beinahe im selben Moment. "Dann werde ich mir mal dieses Quartier ansehen. Ich brauche dringend eine Mütze Schlaf", knurrte er und tippte sich schon an den Hut, als Jordan sich erhob.

"Ich komme mit", verkündete sie. "Mein Quartier liegt auf demselben Deck."

Auch Sam nickte einvernehmlich. Zuletzt zuckte auch K'bal mit den Achseln und schloss sich ihnen an. Gemeinsam verließen sie den Raum.

--- Gänge, Deck 3

Verblüfft vernahm der Bajoraner die Nachricht, bevor sich die kaum ein halbes Jahr zurückliegenden Ereignisse wieder in sein Gedächtnis gruben.

"Enehy!", wisperte er leise, während die Welt um ihn verschwamm wie durch eine Milchglasscheibe in seiner Schalldusche, "aber die Vergangenheit holt einen wohl immer ein..."

Seit dem gewaltsamen Tod seiner Geliebten hatte er seinen verhängnisvollen Besuch auf der Ivory verdrängt, aber nun erschien ihm alles wie ein Schlag ins Gesicht. Murmelnd sagte er etwas, wurde sich dann bewusst, dass er erst auf den Communicator drücken musste, um zu antworten:

"Hallo Shania, es ist", Anjol stoppte kurz, "eine Freude wieder von dir zu hören. Und ja, ich glaube, das ließe sich einrichten. In ein paar Minuten bin ich bei euch, Venture Ende"

Seine Gedanken rasten, bis er es schaffte sie in einen Winkel seines Verstandes zu verdrängen, den er ignorieren konnte. Nervös setzte er ein Lächeln auf, begab sich in den Transporterraum, um auf den Stützpunkt zu beamen.

--- ???

"Sie sind mir sofort aufgefallen. Ich bewundere Sie schon seit langem aus der Entfernung", meinte der Mann mit dem Trenchcoat und dem weißen Hut an der Bartheke bewundernd zu der Lady an seiner Seite. Sein Blick wirkte leicht melancholisch hinter der tief ins Gesicht gezogenen Krempe seines Hutes, was aber sicher nicht an seiner Begleitung lag.

Diese passte sich perfekt dem Barhocker an, hatte ihre langen Beine feminin übereinander geschlagen und wirkte in ihrem langen blauen Abendkleid etwas fehl am Platze, doch ganz Dame.

Vielleicht war es das, was ihn angezogen hatte und die anderen Kerle trotzdem von ihr fernhielt. Sie ließ die Augen kurz über die sonstigen Besucher in der zweitklassigen Bar wandern und wusste, dass sie auf diese Gesellschaft sehr gerne verzichtete.

Vielleicht sogar auf ihn gewartet hatte.

"Ach, wirklich?", hauchte sie fragend und mit einer leisen Herausforderung in der Stimme, mit einem gekonnten Augenaufschlag registrierte sie, wie sich das männliche, leicht unrasierte Kinn zu einem breiten Grinsen verzog.

"Lady, du bist ein wie ein ungeschliffener Diamant in dieser Höhle des Abschaums. Deine Lippen sind rot wie die Rosen der Verführung. Deine Augen wie Saphire... dein Haar wie Seide...

Seit wann waren Saphire denn braun?

Und wie Seide war ihr Haar sicher nicht.

Empört stellten sich alle Kopffedern der Purna auf und Cailin zischte mit einem leicht gackernden Unterton: "Computer, Programm sofort anhalten."

--- Holodeck 4

Zerknirscht über den Abbruch und die damit verbundenen Korrekturen, sah sich Cailin um und es stimmte sie wieder mal traurig wie trostlos plötzlich die größte Ansammlung von Menschen wirken konnte, wenn sie doch nur simuliert war.

Sie war hier einsam, auch wenn der Computer ihr das Gefühl vermittelte Mittelpunkt eines Schwarms zu sein. Doch die plötzlich mitten in der Bewegung erstarrten Personen schienen etwas anderes sagen zu wollen.

Bevor die Purna den Computer anwies das Programm mit den vorgenommenen Veränderungen wieder zu starten, fragte sie sich, ob sie auch alles richtig machte. Es war ihr wichtig zu verstehen, was terranische Gepflogenheiten waren und wie menschliche und zwischenmenschliche Beziehungen aussahen.

Vielleicht weil Clancy so seltsam reagierte und ihr aus dem Weg ging, viel wahrscheinlicher aber, weil es sie schon immer interessiert hatte, wie die Purna selbst überzeugt war.

Zumindest war sie zugegebenermaßen sehr neugierig geworden, was Clancys Besuch in ihrem Quartier zu bedeuten gehabt hatte. Auch seine Reaktion auf ihre Zurückhaltung als er seine Lippen auf die ihren gepresst hatte, verstand sie immer noch nicht.

So war es fast wie eine Fügung des Schicksals, als Norgaard und Jones sie schließlich doch davon überzeugt hatten, die Sache selbst bestens im Griff zu haben und sie quasi aus der Krankenstation getrieben hatte, begleitet von einem Hilfe suchenden Blick von Dallas, die die Angelegenheit nicht so locker sah wie die beiden Männer.

Zumindest die alte Ordnung hatten sie versprochen wieder herzustellen. Nachdenklich blickte Cailin an sich hinunter und erkannte sich selbst nicht wieder in diesem figurbetonten Stück glänzenden Stoffes, der ihr das Gefühl vermittelte Statist in einem Theaterstück zu sein. Solchen, wie sie immer wieder mal zu bestimmten Feiertagen an Bord, nur zur reinen Unterhaltung, oftmals eher zur Belustigung aufgeführt wurden.

Dann schwenkte ihr Blick wieder zu dem Mann an ihrer Seite.

Hatte der Computer eigentlich einen attraktiven Mann generiert?

Cailin wusste es an nichts festzumachen, hatte er doch keine Federn, damit auch keine spezifische Musterung und somit kein einziges Merkmal, das ihn als besonderes Exemplar der männlichen Rasse auswies.

Mit einem leisen Seufzen fragte sie sich, worauf das Ganze wohl hinauslaufen würde.

War dies eines jener Balzrituale der Terraner, von dem sie durch diverse Andeutungen gehört hatte? Wenn ja, wie würde sie dann erkennen, wann das Männchen die Bereitschaft zur Paarung signalisierte?

Sie beschloss, einfach abzuwarten und den Dingen ihren Lauf zu lassen.

"Computer, Programm fortsetzen..."

--- Deck 3, Jordans Quartier

Interessiert trat die Krankenschwester in ihr neues Quartier ein und sah sich um, ohne etwas Bemerkenswertes zu entdecken. Es handelte sich um einen völlig gewöhnlichen Wohnraum, wie er bei dieser Schiffsklasse üblich war, und beinhaltete auch lediglich die Standarteinrichtung.

Dennoch nahm Jordan deutlich die sanfte Brise eines dezenten Parfüms wahr, den selbst die Putzkolonne nicht entfernen konnte, wenn er genug Zeit gehabt hatte, sich in den Möbeln festzusetzen. Vor nicht allzu langer Zeit musste hier noch jemand gelebt haben, und sie fragte sich, wohin die unbekannte Frau wohl gegangen oder ob sie gestorben war.

Unschlüssig blieb sie einen Augenblick mitten im Zimmer stehen, um sich umzusehen, nachdem sie ihre wenigen Habseligkeiten - ihre Zivilkleidung, ein paar Holodeckprogramme und Padds - ausgepackt und ein Bild ihres Bruders, Julian, auf dem Nachttisch postiert hatte. Sie nahm sich vor, ihn bald zu kontakten und von ihrem neuen Aufenthaltsort zu unterrichten. Er war seit ihrer Entlassung aus der Sternenflotte das einzige Familienmitglied, zu dem sie noch Kontakt hielt.

Jordan war keine überhebliche Person und sich ihrer Fähigkeiten kaum bewusst, aber dennoch nahm sie es als völlig verständlich an, den Posten zu erhalten - alles andere wäre albern gewesen.

Schulterzuckend wandte sie sich dann um, ging ins Badezimmer, um ihre immer sauberen Hände aus ärztlicher Gewohnheit zu waschen und verließ den Raum. Erfahrungsgemäß würde er sich nach einiger Zeit von ganz alleine einrichten.

--- Maquisbasis, Raumdock

Flimmernd erschien der Bajoraner an den letzten bekannten Koordinaten von Shania, schaute sich kurz um und entdeckte die Gruppe um die Terranerin dann etwas entfernt.

Erleichtert hatte Shania aufgeatmet, als sie die positive Nachricht gehört hatte. Zum Glück schien Anjol sich noch an sie zu erinnern, auch wenn die Ereignisse, die sie zusammengeschmiedet hatten, alles andere als erfreulich waren und sie eine gute Freundin verloren hatte, der sie fast auf die Venture gefolgt wäre.

Nun tat sie es wirklich - aber wegen einem Mann, bei dem sie sich nie ganz sicher war, ob sie ihm eine Ohrfeige verpassen oder ihn leidenschaftlich küssen sollte.

Aufmerksam beobachtete Shania die Gegend und ein Lächeln zog sich über ihr Gesicht, als sie den Bajoraner sah. Aufgeregt winkte sie ihm und setzte sich dann mit der Gruppe in Bewegung. Sie trafen sich in der Mitte.

Gorm war wie immer der Letzte, auch wenn Chedu sich anscheinend immer absichtlich zurückfallen ließ.

"Ich danke dir, Anjol, dass du so rasch auf meinen Ruf reagiert hast. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich auch willkommen bin..." Sie zögerte, bevor sie weiter sprach. "Es war ziemlich schwer euch hier draußen ausfindig zu machen, aber zum Glück haben wir es nach einer sehr chaotischen Reise doch noch geschafft, bevor ihr wieder unterwegs seid und es schier unmöglich wäre eure Spur auszunehmen."

Dann drehte sich die Amerikanerin zu den anderen um und stellte sie der Reihe nach vor: "Das ist Chedu, Tochter der Rodra, sie ist eine gute Technikerin und hat einen sehr sonnigen Humor. Und dieser findige Kopf ist Gorm ein Wissenschaftler und ein Genie in Sachen Computer. Ach ja und das ist Chi-Lo Hu-Wang, Piratensohn, Pilot, Anführer und Chaot."

Das hatte gut getan. Zuerst erwähnte sie ihn erst am Schluss und dann hatte sie sich nicht verkneifen können, das von ihm aufzuzählen, was sie bis jetzt von ihm erfahren hatte; dabei hatte sie immerhin das Ereignis im Shuttle außen vor gelassen, was sie für eine sehr warmherzige Geste hielt.

Der Ferengi verneigte sich leicht vor dem Bajoraner bei Erwähnung seines Namen und seiner Verdienste, auch wenn er deren Einschätzung als sehr übertrieben empfand.

Viel mehr amüsierte ihn Shanias Spitze gegen Chi-Lo. Auch wenn sie mittlerweile alle Frieden geschlossen hatten, so verscherzte sich der Chinese durch seine Art immer wieder die Sympathie der anderen.

Gorm begann sich jetzt voll auf Anjol und Shania zu konzentrieren. Offenbar ging es jetzt endlich los. Müde setzte er sein Gepäck ab.

Vielleicht hätte er doch einen Teil auf der letzten Sternenbasis verkaufen sollen, aber er hing zu sehr an seiner mineralogischen Ausrüstung, die zugegeben etwas sperriger war, als die Ausrüstung, die er für seine andere Begabung brauchte.

'Es ist eher ein Wunder, dass ihr uns ausfindig machen konntet', murmelte der Bajoraner innerlich, 'Die Venture ist hier nicht länger in Sicherheit; wir werden so früh wie möglich los fliegen!'

Äußerlich hatte sich seine Mine wohl verfinstert, weshalb Shania ihn fragend beäugte. Schnell brachte er sich wieder unter Kontrolle, beschloss aber McCarthy nach der Rückkehr an Bord sofort zu informieren.

"Wie ich höre, wird die Ivory auch weiterhin ihrem Ruf als Heimat für bunte Gruppen gerecht", gab Anjol zwinkernd zurück, dachte dabei an die vor kurzem eingetroffene Truppe, "Jede und jeder, der nicht vor harter Arbeit zurückschreckt, ist uns herzlich willkommen"

'...Piratensohn, Pilot, Anführer und Chaot...', wiederholte der Bajoraner gedanklich, 'hoffentlich ist der nicht auch irgendwie mit Charles verwandt!'

Was der Bajoraner sagte, erleichterte die Amerikanerin und sie atmete hörbar aus. Immerhin hatte sie nichts richtig gelernt und verfügte nur über das Wissen, das sie sich auf ihren Reisen angeeignet hatte. Wenn auch die Technik ihr ein Gräuel geblieben war.

Besonders nach dem Reinfall mit Pino.

Sie warf einen raschen Seitenblick zu Chi-Lo und bewunderte, wie ruhig er war und sich einfach nur interessiert umblickte. Nicht nur, als hätte er damit gerechnet, dass alles glatt ging und sie die Venture fanden, sondern so, als würden sie beide nicht zusammen gehören und des Öfteren fragte sie es sich auch.

Dagegen hatte es die Klingonin mit ihrem Ferengi leichter. Sie beide schienen sich sehr zu mögen und verbrachten viel Zeit miteinander. Es war nur mehr eine Frage der Zeit bis die Klingonin sich für die Empfindlichkeit seiner Ohren interessieren würde.

Shania grinste in sich hinein, was Anjols Aufmerksamkeit nach sich zog. "Nichts Wichtiges...", meinte sie und fügte dann hinzu, "Die Quartiere wird bei euch wohl jemand anders zuweisen. Aber ich nehme, was ich kriegen kann, wenn es nur nichts mit Technik zu tun hat..."

"Da hast du Recht, wir haben da so einen findigen neuen Lieutenant, der diese Aufgabe gerne übernehmen wird", zwinkerte der Bajoraner Shania zu, musste dabei innerlich über Kai Victor lachen, der erst nach an seinen Aufgaben wachsen musste. Anjol würde es recht sein, erhielt er doch so mehr Zeit für seine Freizeit.

Für Veronica.

Oder eine Andere.

"Shania, hast Du heute Abend schon etwas vor?", fragte er möglichst unauffällig, während er innerlich schon nach einem neuen Holodeckprogramm suchte.

--- Vor der Bar

Stirnrunzelnd hielt Jordan vor dem Eingang der Bar inne und sah hinauf zu dem Schild, das darüber befestigt war. "Zum tanzenden Liebesdiener"? Sie hatte selten einen merkwürdigeren Namen für eine Bar in einem Föderationsschiff gesehen. Doch immerhin, so sehr sich der Eindruck auch aufdrängte, handelte es sich ja auch um kein Föderationsschiff mehr.

Neugierig trat sie ein.

--- Bar "Zum tanzenden Liebesdiener"

Gedämpftes Stimmengewirr schlug der Terranerin entgegen. Trotz des merkwürdigen Namens war die Bar offensichtlich gut besucht und an sich auch recht hübsch eingerichtet, wie sie anerkennend feststellen musste. Der Androide hinter dem Tresen, der sich angeregt mit einer jungen Frau unterhielt, musste dafür verantwortlich sein.

Ohne weitere Umstände zu machen begab sie sich an einen der Tische nahe dem breiten Panoramafenster, das momentan nur Sterne zeigte, und packte ein Padd aus, das sie mitgebracht hatte. Vor Tagen bereits hatte sie den eingespeicherten Artikel entdeckt, eine Untersuchung der Funktion von Borg-Hypothalamusimplantaten, die auf einer ihrer eigenen Abhandlungen aufbaute. Die ganze Zeit schon hatte sie ihn lesen wollen.

Noch bevor eCroft nahte, um ihre Bestellung aufzunehmen, hatte sie sich in die faszinierende Welt der regulierten Hormonausschüttung versenkt.

--- Maquisbasis, Raumdock

Ihre Worte 'ich nehme was ich kriegen kann', nahmen bei Anjols Nachfrage und seiner charismatischen Ausstrahlung eine ganz eigene Dimension an, die Shania mit der Antwort zögern ließen.

Sie fragte sich, ob sie ihn darüber aufklären sollte, dass sie doch nicht wirklich alles nehmen wollte, doch mit einem raschen Seitenblick auf Chi-Lo siegte der stille Protest und sie würde erst mal auf Anjols Angebot eingehen. Falls er etwas im Sinne hatte, was ihr nicht passte, würde sie ihn schon früh genug darauf aufmerksam machen.

"Nein, nicht, dass ich wüsste", entgegnete sie deshalb lächelnd, während sie Chi-Lo mit Nichtbeachtung strafte. Etwas, das sie jeden Tag ein paar mal machte, während sie die restliche Zeit damit verbrachte ihn anzuhimmeln oder sich darüber klar zu werden, dass sie dringend einen Psychologen aufsuchen musste.

Sie machte sich erst gar nicht die Hoffnung, dass Chi-Lo auch nur ein wenig Interesse an ihrer Freizeitgestaltung zeigen würde und Eifersucht war ihm sicher ein Fremdwort.

"Ich bin schon sehr gespannt auf die Venture", bemerkte Shania und rückte den Schultergurt ihrer Tasche zurecht. "Es sind ungewöhnliche Geschichten über sie im Umlauf."

"Fein, dann kann ich dir ja das Schiff zeigen; abseits der üblichen Touren", antwortete der Bajoraner, ließ seine Worte wie eine Abmachung klingen, "Und was die Geschichten angeht: Wahrscheinlich sind sie leider alle wahr!"

Dem letzten Satz fügte er ein leichtes Lächeln hinzu, immerhin war er sich des Aufsehens, was sie in Teilen des Quadranten erregten, wohl bewusst. Übertriebene Geschichten konnten nicht schaden, nur die Angst und den Respekt ihrer Gegner stärken.

"Anjol an Victor, ruhen Sie sich nicht zu früh aus, wir bekommen noch weitere Bewerber. Beamen Sie uns direkt in den Konferenzraum und warten Sie dort, Außenteam Ende", kontaktierte er den frischgebackenen Stellvertreter des Sicherheitschefs und grinste angesichts der Gedanken, die Kai jetzt durch den Kopf gehen mussten. Aber Verantwortung bedeutete immer harte Arbeit und nichts war besser geeignet als ständige Herausforderungen, um dieser auch gerecht zu werden.

Prickelnd spürte er den Transporterstrahl, freute sich auf den Abend mit Shania, während die Basis zum zweiten Mal an diesem Tag wie in Schlieren verschwamm.

--- Maschinenraum

Yhea hatte nicht lange gebraucht, um den Kaffeefleck und die Scherben vom Boden zu entfernen. Schon nach 5 Minuten saß er wieder vor einer Konsole, überprüfte die Systeme der Venture und hielt sie für gut. Mal wieder hatten seine Mitarbeiter gute Arbeit geleistet. Jetzt hoffte Yhea nur, dass es eine Weile ruhig bleiben würde.

Gerade hatte er den Computer darauf programmiert, ihm mitzuteilen, wenn irgendwas nicht normal laufen sollte, da entdeckte er auf der Transporterkonsole, dass gerade ein Transport im Gange war. Wieder neue Crewmitglieder von der Maquisbasis? Es wunderte ihn, dass so viele
Personen nun auf die Venture kamen. Denn schließlich wussten sie selber nicht genau, wo sie sich befanden. Gab es da irgendetwas, was sie nicht wussten?

Auf jeden Fall war Yhea zu neugierig, um auf eine Antwort zu warten. Deswegen machte er sich auf den Weg zu dem Konferenzraum um zu sehen, wer da so gekommen ist.

--- Holodeck 4

An der Theke der Bar saß noch immer die Frau mit dem blauen Kleid, dessen Federschmuck sich sanft im Rhythmus der Musik bewegte, während sie beobachtete, wie zwischen zwei Männern ein Kampf entbrannte und sich bald weitere ins Gewühl warfen.

Binnen kurzem war es so weit, dass sich immer mehr Leute einmischten, was dazu führte, dass das Mobiliar bald in den Kampf mit eingezogen wurde. Und Stühle durch die Gegend flogen und sogar einige Flaschen.

Cailin wippte mit dem Fuß und fragte sich wie sie dieses Verhalten bei ihrer Forschung weiterbringen sollte. War es ein Fortschritt oder ein Rückschritt?

Gehörte es zum Ritual, wenn ein balzendes Männchen durch ein anderes am Werben gehindert wurde und es zum Kampf zwischen beiden kam? Ging es bei dem Kampf ums Revier samt all seinen Weibchen oder nur dieses eine Weibchen? Sorgte das stärkere Männchen dafür, dass es seinen Gene weitergab und die Rasse nicht ausstarb?

Die Ärztin nahm das Padd von der Theke und machte sich einige Notizen darauf um sie später genauer zu studieren. Dann befahl sie dem Computer: "Computer, Programm deaktivieren" und hüpfte noch gerade rechtzeitig vom Barhocker, bevor er verschwand. Irgendwie konnte sie sich nur schwer daran gewöhnen, dass hier nichts echt war.

Sie beschloss ihre Forschung an anderer Stelle weiter zu betreiben. Die Schiffsbar schien ihr dabei der geeignete Platz zu sein.

Gedankenverloren machte sie sich in ihrem blauen Kleid auf den Weg in die Bar.

--- Konferenzraum

Schnellen Schrittes betrat Yhea den Raum, schaute sich kurz um und begrüßte dann die Anwesenden Personen. Doch die Einzigen, den er kannte, waren Kai und Anjol. Deswegen stellte er sich zu den Beiden und sagte: "Na, wieder neues Personal oder spielen wir Taxi für irgendjemanden?"

"Na, Du stellst Fragen!", antwortete der Bajoraner lachend, "darf ich Dir Shania vorstellen; wir haben uns auf der Ivory kennen gelernt, als ich damals mit Kuzhumo auf Mission war. Sie sucht Arbeit und hat gute Leute mitgebracht - vielleicht ja sogar jemand für den Maschinenraum"

Nacheinander stellte Anjol alle dem Romulaner vor, wartete auf dessen Reaktion.

Das war sie also nun. Die Venture.

Neugierig und zugleich aufgeregt sah Shania sich um und konnte immer noch nicht glauben, dass sie das Abenteuer eingegangen war. Gerade jetzt, wo sie auf der Ivory wieder zur Ruhe gekommen war und einen festen Platz im Leben gefunden hatte.

Es mutete ihr noch immer wie ein Wunder an, dass sie Ilkar über den Weg gelaufen waren. Ohne ihn hätten sie die Venture hier draußen niemals gefunden. Doch sie standen sich beide sehr nahe und vertrauten sich bedingungslos wie alle, deren Leben eine Zeitlang von einander auf Gedeih und Verderb abhingen.

Damals hatte sie noch nicht gewusst, dass er zu den Maquis gehörte, doch selbst als sie es herausgefunden hatte, war sie bedingungslos hinter ihm gestanden, hatte an seiner Seite gekämpft, als er sie von der Richtigkeit der Sache überzeugt hatte. Einmal hatte sie ihr Leben riskiert nur um ihn vor einer Falle zu warnen.

Eine Tat, sie er ihr jetzt auf seine Weise danken konnte. Sie hoffte nur, dass er keine Schwierigkeiten deswegen bekam.

Mit einem leisen Seufzen verdrängte sie alle Gedanken und konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart.

Nacheinander schüttelte er allen die Hand und begrüßte sie. Irgendwie hatte er gedacht, dass es mehr Leute gewesen waren. Aber egal, jetzt war zum einem wenigstens seine Neugier gestillt. Obwohl, er wüsste ja nur zu gerne, wer zu ihm in den Maschinenraum als Unterstützung kommen sollte.

"Herzlich Willkommen auf der Venture", sagte der Romulaner zu Shania. "Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl hier. Aber mal eine Frage: Ist jemand unter Ihren Leuten, die technisch versiert sind?"

Die Amerikanerin lächelte etwas unglücklich. "Versierter als ich sind sie alle drei", scherzte sie und nickte dann aber bestimmt Chedu zu, die wie immer dicht neben Gorm stand. "Aber Chedu ist hier die versierte Technikerin. Und Gorm ist zwar eigentlich Wissenschaftler, trotzdem versteht er sich sehr gut mit Computern, wie ich feststellen konnte. Im Team sind beide sogar unschlagbar."

Ihr Blick haftete kurz auf Chi-Lo, aber sie schwieg zu seinen technischen Fähigkeiten. Es war besser, wenn er weit weg von jedem Warpkern war und die Tatsache, dass er an Bord eines defekten Shuttle, dass steuerlos auf eine Station zutrudelte, gerettet werden musste, sprach auch nicht gerade für seine technischen Qualitäten.

Einen Moment lang schwankte sie dem Romulaner eine kleine Warnung zukommen zu lassen, Chi-Lo von jeder lebenswichtigen Schiffstechnik fernzuhalten, doch dann schwieg sie um ihre Beziehung nicht noch komplizierter zu machen.

Unsicher erwiderte der Ferengi den Händedruck des Romulaners. Er mochte es gar nicht, im Rampenlicht zu stehen. Deswegen verbesserte er die Terranerin: "In Wirklichkeit bin ich nur Mineraloge und Mathematiker. Wenn sie Interesse haben, hier sind meine Referenzen", damit hielt er den drei Offizieren sein PADD unter die Nase und benutzte es dadurch unbewusst als Schild.

Der schnelle Wechsel auf die Venture hatte den Wissenschaftler etwas aus dem Konzept gebracht. Nie hätte er mit einem so schnellen Start in seinen neuen Lebensabschnitt gerechnet. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Die Klingonin legte ihre Hände hinter ihrem Rücken hintereinander. Sie nickte den Romulaner knapp zur Begrüßung zu.

Misstrauisch musterte sie ihn. Er schien wohl für die Schiffstechnik verantwortlich zu sein.

Chedu fragte sich, wie man nur einem Romulaner seine empfindlichsten Systeme anvertrauen konnte, wenn man nicht morgens durch die Detonation des Warpkerns geweckt werden wollte. Das widersprach allem, was ihre Mutter ihr über diese ehrlose Spezies beigebracht hatte.

Sie selbst hatte erst einen Romulaner gesehen und dem war sie lieber aus dem Weg gegangen.

Aber andererseits gab es bei jeder Spezies Individuen, die sich atypisch verhielten. Innerlich lächelnd dachte sie an Gorm, der solche eine interessante Ausnahme darstellte, und nahm sich vor dem Rihannsu gegenüber unvoreingenommen zu sein. Bis auf die Vorsichtsmaßnahme, ihm nie dem Rücken zuzudrehen.

Mit einem Schaudern wurde Chedu bewusst, dass es wohl sein Transporter war, mit dem sie ohne zu fragen dematerialisiert wurde. Sie hasste diese Dinger. Sie waren viel zu störungsempfindlich, als dass sie ihnen je trauen würde. Aber dieser hier schien wenigstens gut im Schuss zu sein, da ihr beim Transport außer, das es ein Transport war, nicht nichts zusätzlich Unangenehmes aufgefallen ist.

"Wie Shania schon erwähnte, habe ich schon das ein oder andere System wieder zum Laufen gebracht", antwortete sie auf die vom Alnak in den Raum gestellte Frage.

Chi-Lo war nicht in der Lage gewesen, sich am Gespräch zu beteiligen. Andere Dinge gingen ihm durch den Kopf.

Die Badlands...

Ja, in der Tat, sehr schlechte Lande für den armen kleinen Chinesen. Hier war seine Mutter verschollen. Er hatte diese Region des Raumes immer gemieden und sich eingeredet, die Suche nach seiner Mutter sei sowieso vollkommen aussichtslos.

Aber nun hatte es das Schicksal so gefügt: Er war hier.

Es machte aber keinen Unterschied. Seine Anwesenheit hier machte eine Suche nach seiner Mutter keinen Deut aussichtsreicher und damit sinnvoller.

Am liebsten hätte Chi-Lo sich sofort wieder auf den Weg aus den Badlands raus gemacht. Aber die Suchmeldung, die da draußen auf ihn wartete, war noch zu frisch.

Er musste hier warten. Warten darauf, dass Gras über die ganze Sache wachsen konnte.

Dann würde er wieder weggehen von hier.

--- Bar "Zum tanzenden Liebesdiener"

Da eCroft nach wenigen Momenten gemerkt zu haben schien, dass ihn Jordan nicht nur nicht im geringsten interessierte, dass sie sich zusätzlich auch nicht für seinen Charme erwärmte, hatte die Krankenschwester in Ruhe ihre Bestellung aufnehmen können. Gerade vertilgte sie die letzten Reste einer vorzüglich replizierten italienischen Pasta, während sie sich noch immer in den langen Artikel versenkte.

Eine ungewöhnlich blaue Bewegung im Augenwinkel ließ sie aufschauen. Cailin Fakaii hatte gerade die Bar betreten und erregte nicht nur Jordans Aufmerksamkeit, da sie in ein elegantes terranisches Tanzkleid gehüllt war, das mehr in die Liebesromane des einundzwanzigsten Jahrhunderts gepasst hätte.

Die Mundwinkel der Terranerin verzogen sich zu einem leichten Lächeln. Entweder hatte die Ärztin einen sehr exzentrischen Geschmack oder ihre Rasse hatte eine etwas fremdartige Auffassung von Freizeitbekleidung. Einmal hatte sie immerhin einen Andorianer getroffen, der Hawaii-Hemden zu lieben schien...

Da die Frau wahrscheinlich genug Bekannte an Bord hatte und sich gleich zu einem von ihnen setzen würde, ermahnte sich Jordan, dass es sie nichts anging, und suchte die Zeile auf dem Padd, auf der sie stehen geblieben war.

Etwas irritiert bemerkte Cailin einige verstohlene Blicke und besonders freundliche Gesichter. Selbst für ein Schiff wie die Venture war das sehr ungewöhnlich und sie suchte nach der Ursache, während sie abwog, ob sie sich an die Theke oder einen der Tische setzen sollte.

Mit einem inneren Seufzen bemerkte Cailin schließlich, dass sie vergessen hatte die terranische Kleidung, die sie bei ihren Beobachtungen getragen hatte wieder gegen ihre schlichte Kleidung zu ersetzen. Dennoch hielt sie es nicht für angebracht, deswegen ihr Quartier aufzusuchen. Es war nichts Ungewöhnliches.

Gleichzeitig entdeckte sie die neue Krankenschwester, die scheinbar vertieft in ihrem Padd lag. Da Cailin sie nicht stören wollte, ging sie an ihr vorbei zur Theke, warf dabei aber unwillkürlich einen Blick über deren Schulter. Mit ihren scharfen Augen konnte sie mühelos erkennen um welchen Artikel es sich handelte.

"Ein interessanter Aspekt, der diesem Artikel zugrunde liegt, dennoch glaube ich nicht, dass man Dr. Shatars Arbeit auf alle Spezies anwenden kann. Allein durch eine winzige Genmanipulation des Fötus oder eine durch beschädigtes Erbgut veränderte Genmasse kann es passieren, dass sich die zu erreichende Regulierung in ihr Gegenteil verkehrt und es zu
einer vermehrten unkontrollierten Hormonausschüttung kommt, was nicht selten zu einer Überreaktion des Empfängers führt.

Diese Überreaktion kann sämtliche Sicherheitsschranken der Synapsen umgehen und zu atypischen Verhalten bis hin zu selbstmörderischen Verhalten führen", meinte Cailin unbekümmert und fügte ein "darf ich?" hinzu, das eindeutig auf den freien Platz gegenüber der Krankenschwester gerichtet war. Worauf diese scheinbar verblüfft nickte.

"Ich stehe wegen der Erforschung der Ausnahmen und der Information der Öffentlichkeit bereits in Verbindung mit dem Herausgeber des Artikels. Nicht vorzustellen, wenn jemand dadurch geschädigt wird. Wir hatten da auch mal einen sehr interessanten Fall..." Die Ärztin stutzte und musterte ihr Gegenüber, nachdem sie am Tisch Platz genommen hatte.

"Kincaid... Kincaid... Kann es sein, dass ich Ihren Namen schon unter zumindest einer Abhandlung gelesen habe? Er kommt mir so bekannt vor..."

Überrumpelt sah Jordan ihr Gegenüber einen Moment lang einfach nur an und sah dabei wohl recht dämlich aus. Wenn Cailin mit so exotischen Forschungsgebieten vertraut war, sogar ihren Namen einordnen konnte, und wenn sie ihre Frage bejahte, würde sie ihr kaum weiter vormachen können, lediglich eine harmlose Krankenschwester zu sein.

Nicht, dass es nicht ihr inniger Wunsch gewesen wäre, wieder als Ärztin zu praktizieren... zum wiederholten Male fragte sie sich, warum sie nicht einfach ihre Vergangenheit preisgab - ein Blick in die Sternenflottendatenbank, die auf diesem Schiff sicher nicht gelöscht worden war, würde vielleicht reichen, um ihre Aussagen zu untermauern. Und doch hielt sie weiterhin ein wages, aber starkes Unbehagen davon ab.

Wenn Zeit war, wollte sie darüber nachdenken. Im Augenblick überwog ihr Drang, sich über diesen Artikel auszutauschen.

"Ähm, ja, ich habe an ein paar Projekten mitgewirkt und war an dem einen oder anderen Bericht darüber beteiligt. Sie haben diesen Artikel schon gelesen?" Etwas fahrig hob sie das Padd hoch und warf noch einen Blick darauf. "Ich glaube ja, dass dieser Shatar einen völlig falschen Ansatz verfolgt. Über Borgphysiologie liegen noch viel zu wenige Untersuchungen vor, um wirklich sagen zu können, ob man ihre Technologie zu medizinischen Zwecken einsetzen kann. Wenn Sie Recht haben mit Ihrer Vermutung, sollte man lieber überlegen, ob es möglich ist, diese Überreaktion als Waffe einzusetzen.

Wenn man die synaptischen Regulationsmechanismen der Drohnen gezielt umgehen könnte, wäre es möglich, ganze Schiffe außer Gefecht zu setzen, bevor die Borg sich anpassen."

Wie sehr wünschte die ehemalige Ärztin sich auf eine Starbase und in ihren alten Rang zurück - sie hätte sich an die nächste Konsole begeben und den Kerl persönlich kontaktet.

Kopfschüttelnd wandte sie sich wieder der Purna zu. "Ich bin neugierig. Was war das für ein Fall, den Sie eben erwähnt haben?"

--- Konferenzraum

Yhea schüttelte innerlich den Kopf. '... habe ich schon das ein oder andere System wieder zum laufen gebracht', schallte es immer noch in seinem Ohr nach. Was sollte das denn heißen? Nicht, dass er es einem Klingonen nicht zutraute, hochkomplizierte Technik zu reparieren, oder vielleicht doch? ... Na ja, jedenfalls stimmte ihn die Aussage der Klingonin nachdenklich.

Konnte das gut gehen? Ein Klingone und ein Romulaner zusammen auf einer Station? Immer zusammen auf engstem Raum? Yhea lief es eiskalt den Rücken runter. 'Ich bin ja mal gespannt, was das wird...'

Dann blieb sein Blick an Gorm hängen. Doch es brachte nichts mehr, sich auch noch bei ihm Gedanken darüber zu machen, ob er es konnte oder nicht. Er hatte sich damit abgefunden und nun ließ er es auf sich zukommen.

Deswegen drehte er sich wieder zu Chedu um und sagte: "Prima, so jemanden wie Sie können wir immer gebrauchen. Ich hoffe, Sie werden sich gut einfinden."

Ein kurzer Blick zu dem angrenzenden Replikator, ein Geistesblitz und Yhea schlug sich den Wunsch nach Kaffee direkt wieder aus dem Kopf. Stattdessen wartete er auf eine Reaktion von Anjol oder Kai, denn schließlich waren die hier die Leiter, nicht er.

Der Bajoraner war dem romulanischen Blick gefolgt, lächelte leicht, als er das Ziel der Begierde erkannte, bevor er sich leicht nach vorne beugte und dem Chefingenieur zuraunte: "Denk nicht mal an Kaffee; und urteile nicht vorschnell über die Klingonin, was glaubst Du, was wir dachten, als die Venture dich aufgabelte - die halbe Crew wollte dich an den Genitalien aufhängen und dabei hämische Lieder singen!"

Die Augen der Technikerin blitzten kurz auf, ein deutliches Zeichen dafür, dass sie die Worte ebenfalls verstanden hatte, was aber auch in Anjols Interesse lag. Nun würde Yhea Vorurteile vermeiden, die er sonst unterbewusst benutzt hätte.

Mit einer schnellen Bewegung ergriff der Bajoraner das PADD des Ferengi, vertiefte sich in vorgetäuschter Neugier darin, ließ Alnak so keine Gelegenheit etwas zu erwidern.

"Ihre bisherigen Auftraggeber sind hochzufrieden mit Ihnen, jemanden mit Ihren Fähigkeiten können wir sehr gut gebrauchen, zumal unser wissenschaftlicher Offizier seit Tagen mit einer unbekannten Krankheit kämpft, die ihm die Stimme raubt!", wandte er sich dann an Gorm, hoffend, dass er wenigstens die Hälfte des Textes verstanden hatte, der im Padd gespeichert war.

Gorm hatte nichts anderes erwartet. Die meisten seiner Bewerbungsgespräche liefen so ab. Wenn der potentielle Arbeitgeber erst seine Referenzen gesehen hatte, war der Rest nur noch Formsache. Was viel wichtiger war: endlich hatte er wieder ein Labor zur Verfügung und musste nicht mehr wie ein Aushilfsagent vor jemanden flüchten. Sogar sein Bruder würde ihn hier nicht zu fassen bekommen. Hier konnte er auch forschen, ohne dass ihm wahnsinnige Captains oder Kollegen in die Quere kamen.

Bei diesem letzten Gedanken machte er sich eine geistige Notiz, beim Eingang der wissenschaftlichen Abteilung eine Gesichtskontrolle einzuführen, damit Leute wie Chi-Lo dort keinen Schaden anrichten konnten.

Dem Wissenschaftler waren allerdings auch nicht die Blicke zwischen Chedu und dem Leiter der Technik entgangen. Mittlerweilen kannte er die Klingonin ein wenig und wusste, dass sie sich nicht von irgendwelchen Vorurteilen beeinflussen ließ - er war schließlich ein gutes Beispiel dafür, auch wenn die jüngste Vergangenheit nicht unbedingt zur Klärung ihres Verhältnisses zueinander beigetragen hatte. Gorm hoffte, dass es der Romulaner ähnlich hielt und er der Technikerin keine Schwierigkeiten machen würde.

Er wandte sich mit einem höflichen Lächeln an den Bajoraner: "Ich danke ihnen für das Kompliment und hoffe, dass es sich auf die Bezahlung niederschlägt. An welchen Lohn hätten sie denn dabei gedacht?"

Langsam drehte sich Yhea von Anjol weg und stellte sich neben Kai, der etwas verloren dastand und sich das ganze Spektakel anschaute.

"Sagen Sie", meinte Yhea ganz beiläufig zu Viktor, "kommt mir das nur so vor, oder trägt Anjol da viel zu dick auf? Also ich weiß ja nicht, aber sonst schleimt er bei den Neuen nicht so rum. Ist irgendwas Tolles passiert, was ich wissen müsste, oder hat er einfach nur schlecht
gefrühstückt?"

Gespannt schaute er den Menschen an, doch dieser starrte nur gedankenverloren durch die Gegend.

Yhea verdrehte die Augen und knuffte Kai mit seinem Ellenbogen kurz in die Seite. "Hallo, Venture an Viktor! Sind Sie wach oder muss ich zu härteren Mitteln greifen?"

Anjol beachtete die beiden nicht und sprach mit ernster Miene weiter. "Gorm, eines sollte Ihnen, Ihnen allen gleich bewusst sein: Außer Kost und Logis werden Sie keinen Lohn erhalten. Wir kämpfen für arme Menschen, die froh sind genug zu essen zu haben. Bieten können wir nur Abenteuer und die Möglichkeit Neues zu entdecken", antwortete der Bajoraner, richtete die letzten Worte wieder gezielt an den kleinen Ferengi.

'Die Venture ist kein Söldnerschiff, sondern ein von idealistischen Spinnern besetzter Kahn', dachte Anjol lächelnd, hatte er doch Verständnis für Gorm.

Aber es mussten alle Missverständnisse ausgeräumt werden.

"Hat sonst noch jemand Fragen?"

--- Bar "Zum tanzenden Liebesdiener"

Der Federkamm der Purna hatte sich beim Begriff "Waffe" merklich gesträubt. Die terranische Krankenschwester mochte sehr fähig sein, dennoch legte sie wie alle Terraner immer nur den Kampf die Ausrottung und die Eindämmung fremder Lebensformen, die ihrer eigenen gefährlich werden konnten, ihren Gedanken an Forschung zu Grunde.

Doch wie so etwas endete, hatte Cailin selbst erst auf dem Asteroiden mit ansehen müssen.

"Ich denke nicht, dass irgendein Lebewesen dazu befähigt ist sich anzumaßen in eine fremde Rasse einzugreifen oder sich ohne das geistige Potential ihre Technologie zunutze zu machen. Gerade beim Beispiel der Borg, die in einer Synthese von Technik und Organismus leben, sollte deutlich klar sein, wie gefährlich und auch aggressiv Organismen auf die Ausrottung ihrer Lebensform reagieren. Niemand hat das Recht eine solche zu verurteilen und sie gar gezielt zu vernichten.

In der Natur zählte schon immer das Recht des Stärkeren. Und was solche Forschungen betrifft, so denke ich, dass sie jeder Sinnhaftigkeit entbehren. Niemand kennt die Borg, jeder fürchtet sie. Dennoch haben sie nicht unsere Heimatplaneten angegriffen. Aber niemand hat uns gezwungen unsere Heimat zu verlassen und uns wie eine Plage auszustrecken. Eine Plage, der man mit biologischen Waffen Einhalt gebieten sollte. Sie sehen die Doppeldeutigkeit in der Sicht des Betrachters?"

Die Ärztin wartete nicht auf eine Antwort, sondern ließ das Thema auf sich beruhen. Die Spezies Mensch war aus der Natur entstanden, hatte sich von ihr abgewandt sie geknechtet, sie auf ihrem Heimatplaneten fast zerstört und sich zur Krone der Schöpfung aufgeschwungen. Nun schwärmte sie ins Weltall aus, vielleicht um sich eine neue Heimat zu suchen, falls sie wieder eine Umweltkatastrophe treffen sollte, für deren Ausbruch und Folgen sie selbst verantwortlich waren. Im Grunde waren sie nicht besser als die Borg selbst.

Sicherte diese durch die Assimilation fremder Spezies doch auch nur den Fortbestand ihrer eigenen Rasse, die sich aus eigenem Antrieb nicht vermehren konnte.

Leise seufzend ging die Purna auf die letzte Frage Kincaids ein: "Der Fall, auf den ich mich bezog, hatte nichts mit einem Borg zu tun, sondern einfach mit einem genmanipulierten Mensch. Der Versuch seine Aggressivität zu senken hatte die Ausmaße angenommen, dass es zu einer Dauererregung kam und sich seine Gefühle vom Körper nicht mehr regulieren ließen. Er war nicht nur unbeherrscht wie davor, sondern er war unberechenbar. Jegliche Schranken, was Gut und Böse betraf, schienen ihre Wirkung verloren zu haben.

Er hätte Ihnen lächelnd die Kehle durchschnitten ohne sich auch nur im Geringsten für schuldig zu empfinden. Ihm war nicht nur nicht mehr zu helfen, sondern sein Gehirn entwickelte durch diesen Eingriff ein so gezieltes Denken und eine Genialität, die darauf schließen ließ, dass sein Intelligenzquotient sich gesteigert hatte. - Schließlich wurde er bei einem Fluchtversuch, der zwei Leuten das Leben gekostet hat, erschossen."

Da Cailin dieser Fall bekannt war, dachte sie nicht näher darüber nach, sondern stöberte in ihrem Gedächtnis, unter welchen Artikeln sie Kincaid gelesen hatte. Dabei fiel ihr auf, dass dieser Name alleine gestanden haben musste und sie nur Artikel von namhaften Wissenschaftlern oder Ärzten las.

Skeptisch und ein wenig vor den Kopf gestoßen hatte Jordan dem Ausbruch der Vogelfrau gelauscht. Einen Augenblick lang haderte sie mit sich selbst, den Vorwurf einfach so stehen zu lassen - die Frau wusste offensichtlich nicht, wovon sie sprach, hatte den Föderationsraum womöglich erst nach dem ersten Angriff der Borg das erste Mal betreten...

Und wozu sich auf eine Grundsatzdiskussion einlassen, wenn die andere ein so bedauerliches Urteil über die gesamte terranische Spezies abgab?

Dann jedoch dachte sie schaudernd daran zurück, wie sie als sehr junger Fähnrich auf einer ihrer ersten Missionen unterwegs war, der erste Offizier die Crew mit ernster Miene über den Ausgang der Schlacht bei Wolf 359 informierte und sie hadernd die endlosen Namenslisten der Toten nach ihrem Bruder und ihrem Vater absuchte.

Sie hielt sich davon ab, den Kopf zu schütteln, da sie das nicht ständig tun wollte. Es wäre sinnlos, Cailin zu erklären, dass sie sich nicht für den Expansionsdrang ihrer Spezies verantwortlich fühlte, dass man ein Volk nicht für die Weiterentwicklung seiner Technik verantwortlich machen konnte - und dass die Borg zu ignorieren nicht nur die Ausrottung der terranischen, sondern jeder erdenklichen Rasse zur Folge hätte, insofern sie es wert wäre, assimiliert zu werden.

Aus eigener Erfahrung wusste sie, welchen ungeheuren Wert die Borgtechnologie für die Wissenschaft besaß, doch warum sich auf den medizinischen Aspekt versteifen, anstatt alle Optionen zu nutzen, worunter nun einmal auch Waffen fielen - und wenn man einen Ansatz sah, würde jeder ihn nutzen, dem der Fortbestand seiner Rasse irgendetwas bedeutete...

Jordan beschloss also, das Thema abzuhaken.

"Verzeihen Sie, dass das für mich als Außenstehende emotionslos klingen muss, aber dieser Fall klingt sehr faszinierend", ging sie also auf Cailins Themenwechsel ein. "Ich stutze nur, weil Sie versucht haben, das Problem auf rein medizinischer Ebene zu lösen. Haben Sie keinen Counselor an Bord?"

Cailin registrierte an der Reaktion ihres Gegenübers, dass Kincaid ihre Meinung nicht teilte, aber das war sie gewöhnt. Terraner und viele andere Rassen teilten in Gut und Böse ein, gefährlich und ungefährlich, Freund und Feind. Es lag auch in der Natur, dass Individuen immer versuchten das Gefährliche zu beseitigen um am Leben zu bleiben oder die Überlebenschancen zu erhöhen.

Wieder einmal spürte die Purna die Kluft zwischen ihrer Rasse und die der anderen. Auf Venderat lebte alles im Einklang und selbst die Gefährlichkeit der Natur hatte die Aufgabe, die Vermehrung der Purna und etlicher anderer niedriger Spezies zu regulieren und ihre zu starke Ausbreitung zu verhindern. So hatte es immer genug Platz für alle gegeben.

Selbst Seuchen und die Ausrottung eines ganzen Schwarms hatte man hingenommen um. Es war der Wille Lanagors und ebenso sein Werk, wie das zarte verwinkelte Gespinst des Lebens, aus dem alle Purnas entstanden waren. Jeder Eingriff konnte es zerreißen.

Im Grunde hatte sie auch deshalb ihre Heimat verlassen um helfen zu können ohne zu schaden.

Vielleicht irgendwann mal später würde sich eine Gelegenheit ergeben dieser Terranerin zu erklären, was hinter ihrer Aussage steckte. Ein Thema das viel weitläufiger war, um es einfach in der Bar schnell zu erörtern. Und vielleicht auch ihr den Beweis zu erbringen, dass die These des Bajoraners Dr. Shatar jeder Logik entbehrte.

--- Konferenzraum

Die Amerikanerin hatte die Zeremonie vergnügt beobachtet. Der Bajoraner schien nicht nur zu dem Japaner ein recht eigenartiges und offenes Verhältnis zu haben, sondern auch zu dem romulanischen Cheftechniker, dem es sichtlich Spaß bereitete Anjol in Action zu sehen.

Und sie musste sich eingestehen, dass dieser alles tat um die Anwesenden mit seinem charismatischen Charme einzuwickeln. Was er auch bitter nötig hatte bei einem Ferengi, der wohl alles nur zum Zwecke des Profits machte.

"Ja, ich", meinte Shania auf die Frage und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, "wann bringst du uns zum Captain, damit er uns offiziell aufnehmen kann? Bei der Hetzjagd von der Ivory hierher kann ich es gar nicht erwarten mal den Luxus eines Quartiers auszukosten, was eine ausgiebige Dusche mit einschließt.

Außerdem", sie stellte demonstrativ ihre Tasche vor sich auf den Konferenztisch, "möchte ich diese Tasche hier endlich mal ausräumen und dann für die nächsten Monate nicht mehr sehen. Ich komme mir schon vor, als wäre sie angewachsen."

Der beunruhigte Blick des Barjoraners bei dem Wort "Hetzjagd" war ihr nicht entgangen und ihr wurde erst da so richtig bewusst, dass es einen sehr eigenartigen Eindruck auf die Besatzung der Venture machen musste, dass plötzlich vier Gestalten ihre Spuren bis hierher verfolgen konnten.

"Du musst dir keine Gedanken machen, Anjol, wie wir es hierher geschafft haben. Das letzte Stück haben wir mit einem Schiff der Maquis zurückgelegt, das wohl am Besten dafür sorgen konnte seine Spuren zu verwischen. Nicht umsonst hat sich bisher nicht herumgesprochen, dass es den Maquis noch gibt. Der Rest der Reise unterliegt meiner dunklen Vergangenheit und einer gehörigen Portion Glück...."

"Deine Kontakte erstaunen mich wieder einmal!", gab Anjol nur zurück, nun etwas beruhigt von Shanias Erzählungen, "der Besuch beim Captain sollte sich arrangieren lassen. Danach können Sie Ihre Quartiere aufsuchen, die Ihnen Mr. Victor zuweisen wird"

Die letzten Worte waren wie Pfeile auf den Sicherheitler gerichtet, der seit einigen Minuten in Trance gefangen zu tagträumen schien. Und dies vor Personen, die sich bald als Untergebene herausstellen konnten.

"Bitte folgen Sie mir zur Brücke!", wies er die Gruppe an, bot der Terranerin seinen Arm zum Unterhaken an.

Fasziniert beobachtete Yhea, wie sich die Gruppe auf den Weg zur Brücke machte und Kai langsam hinterher schlich, als hätte er was verbrochen.

Es kam dem Romulaner so vor, als wäre Kai nicht ganz bei der Sache. Anscheinend schwirrten seine Gedanken um irgendetwas immens Wichtiges. Aber was es war, das war Yhea auch ein Rätsel.

Er hingegen musste sich jetzt überlegen, was er als nächstes tun könnte. Sollte er mit den anderen auf die Brücke gehen? Ne, da würde er auch nur dumm in der Gegend herum stehen. Maschinenraum? Auch nicht. Er hatte keine Lust, wieder auf diese beiden Gestalten zu treffen. Die Bar bliebe noch, denn er hatte absolut keine Lust auf sein Quartier. Da hätte er eh nur Löcher in die Wand gestarrt. Also ab in die Bar.

--- Gänge, Deck 1

Dankbar hatte Shania den Arm ergriffen, wenn es ihr auch lieber gewesen wäre, der Bajoraner hätte ihre Tasche geschultert, die langsam immer schwerer zu werden schien. Aber es war immer gut einen Stein im Brett bei den wirklich wichtigen Personen - der Macht hinter der Macht - zu haben.

Außerdem konnte sie dabei auch gleich testen, ob sich etwas bei Chi-Lo regte. Viele Männer erkannten erst dann, was sie an einer Frau hatten, wenn sie sich ihrer nicht mehr sicher sein konnten.

"Ich hoffe, der Captain hat gute Laune. Von durchgedrehten Captains haben wir für die nächste Zeit jedenfalls genug", begann Shania noch eine Konversation, bevor sie auf die Brücke kamen. "Diesmal hatte ich echt Angst, dass ich nicht mehr rechtzeitig von der Ivory kommen würde. Langsam ist nicht nur der Computer das einzig Verrückte an diesem Schiff."

Erst dann erinnerte sie sich daran, dass sie wohl besser das Thema Ivory vermieden hätte. Schließlich mussten die Erinnerungen des Bajoraners dabei unweigerlich zur Xenexianerin Enehy gleiten. Seiner verlorenen Liebe - zumindest hatte er es damals dafür gehalten.

Gleichzeitig machte sich auch der Chinese Gedanken…

Ein Schiff voller idealistischer Spinner. Genau das hatte Chi-Lo jetzt noch gefehlt.

Nun, zumindest schien Shania abgelenkt zu sein. Mit Anjol schien sie sich gut zu verstehen, und vielleicht hatte er sich bei einem Tete-á-Tete ja auch besser 'unter Kontrolle' als Chi-Lo...

Es irritierte ihn, dass er spürte, wie seine Seele sich bei dem Gedanken an Anjol verfinsterte. Lag es daran, dass Anjol Bajoraner war? Bisher kannte er Bajoraner nicht als Vorgesetzte, sondern nur als Ware. Nun, in diesem Punkte würde er schnell umdenken müssen.

Dem Asiaten verband zwar im Prinzip nichts mit diesem Schiff, aber es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, von hier zu fliehen, in den Föderationsraum zurückzukehren und sich eine weiße Weste im Tausch gegen sein Wissen über die Venture zu besorgen. Gut, in den Sinn gekommen war es ihm schon, aber er hatte diesen Plan sofort wieder verworfen.

Dies hier war kein Piratenschiff. Zumindest kein gewöhnliches Piratenschiff. Diese Leute hier hatten mit Sicherheit etwas Besseres verdient als Verrat. Ein guten Psychiater, zum Beispiel.

Dem Chinesen ging Gorms Gesichtsausdruck nicht aus dem Kopf, als dieser erfahren hatte, dass es kein Gehalt geben würde. Gorm hätte kaum fassungsloser und entsetzter aussehen können, wenn Anjol ihn aufgefordert hätte, auf der Stelle und vor allen Anwesenden den Oralverkehr an ihm zu vollziehen...

Chi-Lo kannte den kleinen Ferengi gut genug, um zu wissen, dass dieser ein wahrer Magier an der Eingabekonsole war.

Der wäre glatt im Stande, unbemerkt den Hauptcomputer so zu programmieren, dass er irgendwann einmal mit Maximum Warp Kurs auf Sektor 001 nehmen konnte, ohne dass irgendjemand was dagegen unternehmen konnte.

Die Belohnung für eine solche Tat würde Gorm sehr, sehr reich machen.

Wie konnte man nur in Erwägung ziehen, einen Ferengi ohne Entlohnung in die Crew aufzunehmen? Das war doch praktisch die direkte Aufforderung zum Verrat...

Chi-Los Achtung vor den Leuten hier sank wieder. Sie waren offensichtlich sehr töricht. Vielleicht er würde er sich die Sache mit der Flucht und mit dem Erkaufen seiner weißen Weste ja doch noch einmal überlegen.

Er musste sich jedoch vor Gorm in Acht nehmen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Gorm folgern würde, dass nur die Tatsache, dass er mit Chi-Lo aus mutmaßlicher Terrorist von Sternbasis 12 fliehen und dann untertauchen musste, verantwortlich dafür war, dass der nun ohne Entlohnung arbeiten würde.

Und er würde Chi-Lo dafür die Schuld geben. Ungerechter Weise, natürlich. Chi-Lo hatte doch niemals behauptet, Gorm wäre ein Terrorist. Das war nur eine Verkettung unglücklicher Umstände gewesen, aber Gorm interessierte das schon seit Ewigkeiten nicht.

Shania schien sich angeregt mit diesem ekelhaften Bajoraner zu unterhalten.

Verdammte Riffelnasen!

--- Bar

Gut gelaunt und leise vor sich hin pfeifend betrat der Romulaner die Bar und schaute sich um. Es wunderte ihn, dass die Bar zu so einem Zeitpunkt so gut besucht war. Achso, es hatten ja alle abkömmlichen Mannschaftsmitglieder dienstfrei bekommen. Na dann, dachte er und bemerkte Cailin an einem Tisch.

Sollte er sich zu ihr setzten, zumal sie ja nicht alleine war? Na ja, fragen kostete ja nichts.

Als er am Tisch ankam, bekam er noch gerade die Frage mit wegen dem Counselor.

Kurz räusperte sich Yhea und fragte dann: "Entschuldigung, würde es Ihnen was ausmachen, wenn ich mich zu Ihnen setzte?", fragte er die beiden Frauen.

Das Auftauchen des Romulaners unterbrach das Gespräch für einen Augenblick. "Nein, Yhea, setz dich ruhig zu uns", entgegnete Cailin einladend lächelnd. "Ich glaube nicht, dass ihr euch schon kennt. Das unser Cheftechniker Yhea Alnak und dies hier unsere neue Krankenschwester Miss Kincaid."

Noch während sich die beiden die Hände reichten, beantwortete die Ärztin die Frage der Krankenschwester: "Sie haben recht mit Ihrer Vermutung, Miss Kincaid. Wir haben keinen Counselor an Bord. Bisher hat es sich nicht als notwendig erwiesen. Zwar hatten wir für kurze Zeit eine Schiffspsychologin", Cailin zögerte kurz und musterte dabei kurz Yhea, "aber sie hat uns wieder verlassen.

Es hätte aber in diesem Fall keinen Unterschied gemacht. Ich habe den Fall medizinisch und psychologisch betreut, aber wenn diese Überreaktion durch einen körperlichen Defekt ausgelöst wurde, kann man auf rein psychologischer Basis keine Wirkung erzielen. Es ist, als würde man versuchen den Hormonausschuss eines jungen Mannes auf Null zu senken. Der Patient ließ sich auch nicht hypnotisieren, was der letzte Ausweg gewesen wäre..."

Dann drehte sie sich zu Yhea und meinte entschuldigend: "Tut mir leid, dass es hier schon wieder um Medizin geht, aber ich glaube, es ist das gleiche Laster sich immer über die Arbeit zu unterhalten, wie deines, die Hände von Kaffee zu lassen."

--- Gänge, Deck 1

Der Ferengi war sprach- und fassungslos! Kein Verdienst? Das ging doch gar nicht. Das konnte der Bajoraner doch nicht ernst gemeint haben!

Gorm warf dem Chinesen einen abschätzenden Blick zu. Es wäre einfach gewesen, ihm die ganze Schuld an seiner Lage zu geben, aber der Wissenschaftler hatte nicht vergessen, dass er sich auf schon vor dem Kontakt mit diesem Chaoten auf der Flucht befunden hatte.

Immerhin brachte der Terraner eine nicht zu unterschätzende Unbekannte in die Gleichung seines Lebens. Sein Bruder sollte doch jetzt versuchen ihnen zu folgen.

Außerdem musste der Ferengi zugeben, dass er all das Chaos, das Chi-Lo verursachte trotz allem überlebt und eigentlich seine Lage verbessert hatte.

Er würde vielleicht keinen Lohn auf diesem Schiff beziehen, eine Tatsache, die seine ferengische Seele aufschreien und Amok laufen ließ, aber der Wissenschaftler in ihm hatte jetzt eine Gelegenheit, die sich ihm nicht sobald geboten hätte: Forschung an vorderster Linie!

Der himmlische Schatzmeister hatte ihn wiederholt aus den verschiedensten Katastrophen geholt um ihn hierher zu bringen. Das alle hatte sicher einen höheren Sinn. Er sollte es als Investition für die Zukunft betrachten.

Chaos konnte sowohl schädlich als auch kreativ sein. Er sollte den Chinesen nicht als Bedrohung sondern als Chance betrachten - natürlich nicht, ohne sich vorher abzusichern ...

Er fragte sich nur noch, wie er das Chedu beibringen sollte. Sie würde gar nicht begeistert von dieser Philosophie sein. Auf der anderen Seite: warum sollte er ihr überhaupt etwas davon erzählen? Wenn die Begegnung mit Chi-Lo Vorsehung war, würden sich diese Dinge von selber regeln.

Gorm war auf jeden Fall sehr gespannt, wie sich dieses "Projekt" entwickeln würde. Ein faszinierter Zug erschien auf seinem Gesicht...

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