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Venture 26 - Familienbegegnung

--- Venture, Brücke

"Kein Schiff in Sensorenreichweite", meldete Kuzhumo emotionslos und McCarthy presste die Lippen missmutig zu einem dünnen Strich zusammen. Zwar bedeutete es, dass die Föderation ihnen nicht gefolgt war, aber auch, dass das Shuttle den Treffpunkt wahrscheinlich nicht rechtzeitig erreichen würde. Falls es das kleine Schiff überhaupt noch gab...

Viel länger als in dem Notfallplan vorgesehen konnte die Venture jedenfalls nicht warten. Die Gefahr entdeckt zu werden war viel zu groß, außerdem war die halbe Kolonie an Bord und hoffte auf eine neue Heimat. Die Transportraumer des Maquis waren bereits zu einem System unterwegs, welches geeignet für einen Neuaufbau des Stützpunktes erschien, aber ohne die Hilfe der Venture würden sie erheblich länger brauchen.

Charles hatte keine Wahl.

Auch wenn seine halbe Führungscrew vielleicht noch irgendwo da draußen war! Wenn das Shuttle nicht in spätestens drei Stunden hier war, würde er seine Leute wohl nicht wieder sehen.

"Miss Aillard, haben Sie bei dem Versuch die Subraumkommunikation der Sternenflotte abzuhören schon Fortschritte gemacht?", fragte er die Fähnrich mit neutraler Stimme, hatte aber doch wenig Hoffnung, dass ihr Plan Erfolg haben würde...

"Keine Fortschritte, Sir", erwiderte Veronica nach einer gewissen Verzögerung, nachdem sie ihre aktuellen Eingaben beendet und den Blick über ihr LCARS hatte schweifen lassen.

Nachdem sie zuvor schon so unaufmerksam gewesen war, gab sie sich Mühe, fortan alles überkorrekt und eilig umzusetzen, was ihr aufgetragen wurde. "Entweder halten sie Funkstille oder haben ihr Signal getarnt, weil sie wissen, dass wir sie abhören. Jedenfalls kann ich nicht einmal das mit Sicherheit sagen. Aber wir versuchen es weiter."

Stirnrunzelnd versenkte sie sich wieder in ihre Arbeit. Es sollte doch möglich sein diese Problem zu lösen, auch wenn der Chefingenieur mal nicht an Bord war...

--- Shuttle

Keinen Moment zweifelte Chi-Lo daran, dass der Breen tatsächlich meinte, was er da sagte.

Ob das auch so stimmte, war zwar eine andere Sache, aber auf jeden Fall war der Breen von der Wahrhaftigkeit seiner Worte überzeugt.

Der Chinese machte im Geiste eine Bestandsaufnahme.

Möglichkeit eins: In dreißig Minuten in einen tödlichen Strahlungsgürtel fliegen. Abgelehnt, kam nicht in Frage.

Möglichkeit zwei: Sich der Föderation ergeben. Kam genau so wenig in Frage. Er wurde eh schon gesucht, weil er angeblich versucht hatte, als Selbstmordattentäter mit einem Shuttle eine Raumstation in die Luft zu jagen. Wenn er jetzt noch zusätzlich auf einem Maquisshuttle entdeckt wurde, das eine Akira schrottreif geschossen hatte...

Nein, beides kam nicht in Frage. Weder sterben, noch auf diesem Shuttle entdeckt werden.

Na klar! Er musste runter von diesem Shuttle! Warum war wer nicht gleich darauf gekommen? Mit den von ihm replizierten Vorräten konnte er, wenn er sparsam haushaltete, knapp drei Wochen überleben. Genug Zeit, um im Strahlungsgürtel herumzufliegen und was zum Landen zu suchen. Das dumme war nur, dass der Chinese nicht wusste, ob Shuttles Rettungskapseln hatten.

Falls er keine Rettungskapseln fände, so spekulierte der Asiat, könnte er ja auch versuchen, die anderen Passagiere dieses Shuttles loszuwerden. Der Proviant wäre der gleiche, und ein Shuttle, wenngleich beschädigt, war einer Rettungskapsel immer vorzuziehen.

Nein, er würde erst eine Rettungskapsel suchen.

Er begab sich an ein Computerterminal und bediente die Elemente. "Ich suche nach einer Kompensierungsmöglichkeit für die Strahlung!", sagte er dabei, "Ich weigere mich, zu akzeptieren, dass wir uns ergeben müssen!"

In Wirklichkeit durchforstete er die technische Datenbank des Shuttles nach Informationen über Rettungskapseln.

"Ich muss Miss Kincaid zustimmen", sagte Yhea, nachdem er kurz die Werte des Warpantriebes überprüft hatte.

"Ich habe weder die Lust zu sterben, noch von der Föderation gefangen zu werden. Deswegen bin ich dafür, wenn wir versuchen, einen anderen Ausweg aus unserer bisherigen Situation zu finden.

Was unser Shuttle angeht: Zurzeit fliegen wir mit Warp 2,5. Ich denke, ich schaffe es, den Antrieb bis auf Warp 3 zu bekommen. Doch das wäre nur für kurze Dauer. Ansonsten sind fast alle Systeme abgeschaltet oder defekt. Im Moment können wir nur flüchten. Denn einen Kampf würden wir mit Sicherheit nicht überstehen.

Also, hat irgendjemand eine Idee, wie wir es rechtzeitig bis zum Treffpunkt schaffen können?"

--- Shuttle Yang

Mit geübter Präzision und mit ausdruckslosem Gesicht flog Lieutenant Commander Jansen den kleinen Shuttle in geringer Entfernung zur Ying. Der hochgewachsene Afroterraner war stets ernst, nüchtern und in allen Belangen darum bemüht, so korrekt wie möglich vorzugehen. Kurz gesagt: Jansen verkörperte mit jedem Zoll seines durchtrainierten Körpers den perfekten Soldaten.

Als Fähnrich nahm er am Krieg gegen die Cardassianer Teil, erlebte im Laufe seiner Karriere mehrere Grenzgefechte gegen die Romulaner, überlebte die Invasionsversuche der Borg, kämpfte gegen die Klingonen während ihrer Invasion des cardassianischen Imperiums, dann gegen die Jem'Hadar, Breen und schließlich wieder gegen die Cardassianer. Immer war er mitten im Geschehen, immer im vollen Einsatz an der Front.

Die einzige Chance, ihn nicht mit unbeweglichem Gesichtsausdruck und einem scheinbar an den Fingern abzählbaren Wortschatz aus "JA, Sir", "Verstanden" und Ähnlichem zu erleben, war, wenn er von unzähligen Feinden umringt, grinsend und eine Zigarre im Mund mit einem großkalibrigen Schnellfeuergewehr um sich schoss und dabei Dinge wie "STERBT IHR VERDAMMTEN SCHWEINEHUNDE!" schrie. Der Ruf des Captain erreichte ihn gerade als er das versteckte Zigarrenetui unter seiner Uniform befühlte

"Lieutenant Commander, ändern sie ihren Kurs auf zwo-drei-viernull. Ich glaube ich fühle etwas da draußen. Wenn ich mich nicht täusche, können wir sie in die Zange nehmen"

"Kurs auf zwo-drei-viernull. Verstanden, Captain", antwortete Jansen pflichtbewusst.

--- Shuttle Ying

Captain Thayen schaltete den Kommkanal ab. 'Wie ein Fähnrich frisch von der Akademie', dachte er, 'Den Befehl wiederholen und bestätigen' Thayen schätzte die Korrektheit seines Waffenoffiziers, aber manchmal übertrieb er es. Dies war einer der Gründe warum er immer noch Lieutenant Commander war, trotz seiner beeindruckenden Verdienste in all den Gefechten: Er übertrieb es.

Der Betazoide selbst hatte eine Blitzkarriere gemacht, vor allem bei der Verteidigung seiner Heimat Betazed gegen die Jem'Hadar. Er hatte auf vielerlei Weise eine Menge Blutvergießen verhindert, auch als die Krieger des Dominion schließlich abzogen und einige Hitzköpfe darin eine günstige Gelegenheit für einen Überraschungsangriff sahen.

Commander Shaira saß neben ihm und scannte den Weltraum mit den Schiffssensoren, bzw. machte dies der Computer während sie darauf wartete, dass er etwas fand. Thayen hatte die ganze Zeit mit seinen eigenen Sinnen nach 'draußen' gelauscht und dabei gar nicht bemerkt, dass sein erster Offizier scheinbar Zeit gefunden hatte ihre Haare in Ordnung zu bringen, die jetzt wieder zu der üblichen, kompliziert aussehenden Frisur gebunden waren.

"Was fühlen sie?", fragte sie den Captain. Sie wünschte sie könnte wie der Betazoide etwas aktiver an der Suche teilhaben. Stattdessen wartete sie darauf, dass ein Computer irgendwelche aufgefangenen Sensordaten analysierte. Sie war auf diesem Gebiet nicht qualifiziert genug um die Scans manuell durchzuführen, aber der Captain war darauf nicht angewiesen, und schließlich war da ja noch Jansen mit der Yang.

"Das intensivste was ich empfange ist Trauer, dies kann ich deutlich herausfühlen. Dann ist da noch etwas Verzweiflung und ...", Thayen zögerte kurz, "Ich glaube es ist Arglistigkeit. Ich kann noch keine genauen Gedanken erfassen, dazu müsste ich die Leute sehen, aber mir scheint die Maquis stecken in Schwierigkeiten"

"Für diese Erkenntnis brauche ich keine Telepathie", sagte Commander Shaira etwas schärfer als sie es beabsichtigt hatte, was ihr einen ergründenden Blick des Captains einbrachte. "Ich meine, diese Terroristen hätten uns beinah getötet", führte sie aus, "Wir hatten eine Menge Glück, das niemand gestorben ist. Alles was diese Leute interessiert sind ihre privaten Schicksale, ohne Verständnis für die notwendigen Kompromisse die zu der Lage in diesem Sektor geführt haben"

Der Betazoide schwieg. Er wusste was es hieß seine Heimat von Invasoren bedroht zu sehen und hatte Verständnis für den Maquis. Er wünschte, er könnte wie jener Captain McCarthy von der USS Hope zur Selbstjustiz greifen und den Menschen auf eine direkte Art helfen. Aber seine Verantwortung gegenüber der Sternenflotte war für ihn zu wichtig. Abgesehen davon glaubte er, dass die Situation nur mit diplomatischen Mitteln auf Dauer lösbar war.

"Wir sind jetzt ziemlich Nahe", teilte er seinem ersten Offizier mit als die Gedanken- und Gefühlsechos stärker wurden. Kurz darauf gaben Shairas Sensoren Alarm. "Da ist es! Die Energiemuster wurden bisher von einem Strahlengürtel in Kursrichtung überdeckt" Thayen hörte gar nicht zu. Er konzentrierte sich auf die Gedankenwellen vom Maquisshuttle. Nun empfang er sogar einige Gedankenfetzen.

Es war schwer, etwas Genaues aus den Echos 'rauszuhören', vergleichbar mit dem Stimmgewirr einer durch eine Wand getrennten Personengruppe. Dann blitzte ein Gedanke deutlicher auf als alle anderen. Aber konnte das sein? Nein, wahrscheinlich hatte er sich 'verhört'. 'Rettungskapseln in einem Föderationsshuttle', dachte er amüsiert.

--- Shuttle

'Ich glaube nicht, dass sich all unsere Möglichkeiten erschöpft haben' und 'Deswegen bin ich dafür, wenn wir versuchen, einen anderen Ausweg aus unserer bisherigen Situation zu finden'. Clint verstand es einfach nicht. Warum glaubten Terraner, und er zählte Alnak der scheinbar schon zu lange mit diesen zusammen gewesen ist dazu, immer, dass eine hoffnungslose Situation sich letzen Endes doch zu ihren Gunsten hin entwickelte?

Dieser Wo-Leben-ist-da-ist-auch-Hoffnung-Grundsatz mochte in einigen Fällen nützlich sein, man sollte aber seine Augen nicht vor der Realität verschließen. Der Shuttle war schwer beschädigt und Clint erwartete nicht, dass sich dieser Zustand verbessern würde, es war eher zu erwarten, dass bald noch mehr Systeme ausfielen. Vor ihnen lag eine unüberwindbare Strahlungszone, die ihnen den Weg zur Venture versperrte.

Wenn sie zu lange warteten, zogen die Akiras vielleicht ab, weil ihre Captains Schiffe und Besatzungen nicht länger den Gefahren der Badlands aussetzen wollten, ihre Dilithiummine war ein gutes Beispiel dafür. Jedenfalls wäre es im Vergleich zum Nutzen nicht logisch, weitere Risiken einzugehen. Schließlich hatten sie die Maquis bereits gezwungen ihre Basis aufzugeben.

Wie wenig Erfolg versprechend eine Jagd der Flüchtlinge durch ihr heimisches Territorium war mussten die Sternenflottenoffiziere selbst wissen. Es war also gut möglich, dass sie sich bereits zum Heimflug aufmachten. Wenn das der Fall war, würden alle im Shuttle sterben, denn die Venture würde höchstwahrscheinlich nicht sehr bald nach ihnen suchen.

"Wie sie meinen", antwortete er mit vulkanischer Gelassenheit und der Gewissheit eines Mannes, der Meditationstechniken zur Verlangsamung der Körperprozesse beherrschte und zusätzlich über einen Metabolismus verfügte, der auch bei sehr tiefen Temperaturen noch funktionierte. Oder anders ausgedrückt: Die Überlebenschancen des Halbreens sahen wesentlich besser aus als die jedes Anderen im Shuttle.

'Beep, Beep, Beep', meldete sich die Sensorenbank vor dem Wissenschaftler. Ein kurzer Blick genügte um den Grund für den Alarm zu erkennen. "Ich orte ein Shuttle mit aktivierten Schilden und geladenen Phaserbänken das sich uns nähert", teilte er die Nachricht auf seine typisch unbewegte Weise mit.

"Wir wurden gerufen", fügte er einen Augenblick später hinzu. Auf ein Nicken von Alnak hin spielte er die Nachricht ab: "Hier spricht Captain Thayen von der USS Saratoga. An Maquisshuttle: Ergeben sie sich. Unterlassen sie weitere aggressive Handlungen. Ich verspreche ihnen, dass sie fair und gerecht behandelt werden"

Überrascht schaute Yhea den Wissenschaftler an. "Fair und gerecht behandelt?", sagte Yhea und tippte sich an die Stirn.

"Wenn sich der Captain eines Sternenflottenschiffes an Bord eines Shuttles begibt, um ein anderes zu fangen, dann ist er entweder total durchgeknallt oder absolut wütend. Und irgendwie habe ich die Vermutung, dass es wohl Zweiteres ist.

Denn wir haben schließlich sein Schiff beschädigt und dass kann er nun wohl nicht auf sich sitzen lassen. Aber fair und gerecht; glaubt der etwa, wir fallen auf diesen Trick herein?"

Clint schaute etwas ratlos aus der Wäsche und Yhea selbst überlegte noch weiter. Was hatten sie nun für Möglichkeiten. Im Moment vielen ihm nur drei Stück ein. In das Strahlungsfeld fliegen Richtung Venture und sterben. Gegen den Shuttle kämpfen und sterben. Oder sich ergeben. Und dann irgendwann später sterben.

"Hat irgendjemand einen Ausweg zur Hand, der uns nicht in den sicheren Tod führt?"

Schon bevor Alnak fragte, hatte Jordan begonnen, angestrengt nachzudenken, nämlich als Clint den Ruf abspielte. Als der Name Captain Thayens und des Schiffes erklang: die USS Saratoga.

Sie schluckte und atmete tief durch, während sie in Gedanken immer wieder dieselben Möglichkeiten durchging: sterben oder ergeben. Es schien keinen anderen Ausweg zu geben, wenn nicht ein riesenhafter Zufall ausgerechnet die Saratoga...

Unwillkürlich schweifte ihr Blick zur Bordanzeige. Spätschicht und roter Alarm auf dem Föderationsschiff; das passte. Als leitender Offizier der Nachtschicht saß Julian jetzt in seinem Quartier.

"Mr. Alnak, wäre es möglich, unbemerkt einen sicheren Kanal zu einem Quartier der Saratoga zu öffnen, wenn ich Ihnen sage, welches? Ich kenne jemanden auf dem Schiff, der uns helfen wird. Wenn er einen Zwischenfall inszeniert, können wir die Shuttles zur Umkehr zwingen..."

Die Ärztin hatte keine Ahnung, ob so etwas möglich war; fast hoffte sie, dass die Antwort nein lautete. Sie wollte nicht ihren eigenen Bruder in diese Angelegenheit hinein ziehen...

--- Venture, Brücke

Die Türen der Brücke öffneten sich zischend, und dankbar registrierte Veronica, dass Poulsen aus dem Maschinenraum gekommen war, um ihr zur Hand zu gehen, auch wenn hier niemand ernsthaft glaubte, tatsächlich interessante Kommunikation abhören zu können. Sie warf ihm ein warmes Lächeln zu, das er erwiderte, während sie an der Konsole Platz für ihn machte.

Der Fähnrich ging hinüber zum hinteren Teil der Brücke, um dort die sekundäre Kommunikationskonsole zu übernehmen. Wieder fiel ihr die angespannte Atmosphäre auf der Brücke auf, und sie schauderte. Jeder hier wartete seit Ewigkeiten darauf, dass etwas geschah, aber es geschah nichts. Dazu kam, dass die wenigen höherrangigen Maquis-Offiziere, die sich jetzt auf der Venture befanden, involviert zu werden wünschten, anstatt gelangweilt in ihren Quartieren zu sitzen, und im Minutentakt die Brücke kontaktierten, um sich informieren zu lassen.

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch fiel ihr erneut auf, wer alles in diesem Shuttle saß, auf das sie warteten. Nicht nur der stellvertretende Sicherheitschef und der Chefingenieur, sondern auch beide Wissenschaftler und der erste Offizier. In Abwesenheit Victors und Anjols wäre sie der nächste Ansprechpartner für genervte Maquis. Sie hoffte wirklich, dass der Captain sich um dieses Problem erst kümmerte, wenn sie außer Dienst war.

--- Turbolift

Viel zu lange hatten sie nichts getan, aber jetzt würde der Maquis aktiv werden! Die Lageberichte von der Brücke waren nichts im Vergleich zu dem Gefühl, das Schicksal der ihm anvertrauten Personen mitzubestimmen.

Vor allem da ein Außenteam der Venture noch immer verschollen war, nachdem sie den Aufbruch des Konvois gesichert hatten. Ivan würde es sich nie verzeihen können, wenn diese Männer und Frauen getötet oder gefangen wurden.

Er stand in ihrer Schuld.

--- Venture, Brücke

"Sagen Sie nichts, McCarthy. Ihre Probleme sind auch unsere und wir werden helfen, ob Sie wollen oder nicht!", fuhr der Ukrainer den Captain der Venture an, als dieser ihn schon wieder vom Hauptdeck vertreiben wollte, "Wir haben vielleicht nur alte Schiffe, aber unsere Leute zählen zu den Besten"

Resignierend lehnte sich Charles wieder in seinem Sessel zurück, aber behielt den Osteuropäer im Auge. Sorgsam musterte dieser die Anzeigen auf einem taktischen Display, ging dann an Aillards Konsole vorbei, als er sich plötzlich noch mal dem Terminal der Frau widmete.

"Sie versuchen Subraumsignale der Sternenflotte aufzufangen", stellte Ivan murmelnd fest, während er auf ein paar Datenkolonnen zeigte, "wir haben dies auch vor einiger Zeit probiert, aber unsere Ausrüstung war mangelhaft. Mit den Sensoren der Venture sollte mein taktischer Offizier das schaffen!

Einen Moment musterte McCarthy den Maquisführer, dann Fähnrich Aillard und schließlich Kuzhumo, der nur leicht mit dem Kopf nickte.

"Nun gut, rufen Sie Ihren Mann. Miss Aillard, weisen Sie ihn dann ein!", befahl der Captain und hoffte, so endlich Ruhe zu bekommen, bevor Ivan noch auf eine Rettungsmission gehen wollte...

--- Brücke, ein paar Minuten später

Schniefend betrat Ruben die übersichtlich aufgeteilte Brücke und musterte kurz die anwesenden Personen. Neben seinem alten Freund Ivan stach vor allem eine rothaarige Frau hervor, die geradezu atemberaubend gut aussah.

Nervös schluckte er und versuchte die Fähnrich nicht anzustarren, als er mit schlürfenden Schritten und eingezogenem Kopf an ihr vorbeiging. Ivan erklärte Wagenvoort mit ein paar Sätzen die Lage, nachdem er dem Niederländer McCarthy vorgestellt hatte.

Typischer Offizier, sehr ernst und mit einem geradezu bohrenden Blick. Hoffentlich hatte der Captain ihn nicht erkannt, dachte Ruben schwitzend und versuchte möglichst normal auszusehen, auch wenn der Kerl nicht sehr freundlich wirkte.

Ob desertiert oder nicht, dem Captain war zuzutrauen, dass er den Holländer wegen seiner gentechnischen Aufwertung vom Schiff werfen ließ, falls er Ruben erkennen sollte!

Aber glücklicherweise sagte Charles gar nichts, sondern blieb bei seinen musternden Blicken, so dass Wagenvoort endlich zu der Konsole von Fähnrich Aillard, wie die betörende Frau laut Ivan hieß, gehen konnte, wo ihn keine bösartigen Blicke, sondern weibliche Formen nervös machen würden...

--- Shuttle

Während Yhea versuchte, den feindlichen Shuttle nicht zu nahe an sie herankommen zu lassen, ließ er sich den Vorschlag der Ärztin durch den Kopf gehen. Zwar wusste er nicht genau, was ihnen das bringen sollte, doch jede noch so kleine Möglichkeit konnte ihnen das Leben retten.

"Miss Jordan, ich denke, es ist möglich. Ich werde zwar ein paar Minuten benötigen, doch es sollte klappen. Vor allem, da uns der feindliche Shuttle eben angefunkt hat, habe ich jetzt deren Funkfrequenz. So sollte es mir gelingen, einen Funkspruch abzusetzen, ohne dass sie es mitbekommen."

Wieder ließ er den Shuttle eine Kurve fliegen und schaltete gleichzeitig die Kommunikationskonsole ein.

"Also Miss Jordan, wohin soll es gehen?"

Als Antwort rappelte Jordan sich auf, warf noch einen letzten besorgten Blick auf Victor, der jetzt mal wieder einen Augenblick ohne sie auskommen sollte, und zwängte sich durch den beengten Raum des Shuttles nach vorne zu dem Romulaner.

Sich über die Schulter Alnaks beugend gab sie ihm alle Anhaltspunkte weiter, die sie über Julians Quartier kannte - Raum- und Decknummer waren ihr durch die wenigen Subraumnachrichten, die sie sich schickten, bekannt, und die Ärztin besaß ein gutes Gedächtnis.

Während der Romulaner mit gerunzelter Stirn daran arbeitete, eine sichere Verbindung herzustellen, ging sie im Kopf die Möglichkeiten durch, die sie Julian nennen könnte; wahrscheinlicher war jedoch, dass er, der die Akira weit besser kannte als sie, selbst am besten wusste, was er vollbringen und wie weit er sich für sie in Gefahr bringen wollte.

Jordan wollte nicht darüber nachdenken, was sie da eigentlich tat, ihren eigenen Bruder zur Kollaboration mit der Venture zu überreden und seine gesamte Karriere aufs Spiel zu setzen, um ihre eigene zu retten. Sie musste nur hoffen, dass er selbst am besten wusste, ob er ihnen helfen wollte oder nicht. Falls Alnak es überhaupt schaffte, eine Verbindung herzustellen...

Erst als sie den Schmerz spürte, bemerkte sie, dass sie die Finger vor Aufregung verkrampft hatte. Sie wollte nicht über ihren eigenen Egoismus nachdenken.

--- Venture, Brücke

Veronica warf dem Neuankömmling nur einen knappen Blick zu. Viel größer als sie war er und noch dazu abgemagert wie eins dieser widerlichen Kalbsrippchen, die eCroft ihr immer andrehen wollte. Er konnte den fehlenden Falten im Gesicht zufolge nicht viel älter sein als sie, doch ergrauende Schläfen und rote Augen, als sei er schwer erkältet, ließen ihn schon alt wirken. Niemand, der sie als Mann interessierte.

Nachdem diesem fast unterbewussten routinemäßigen Check nickte sie ihm kurz zu und wandte sich zur Konsole um. Zurück zur Arbeit also. "Also gut, Mr. Wagenvoort" Als Kind auch in die entlegeneren Ecken Terras gereist, sprach Veronica den Namen flüssig aus, ohne sich die Zunge zu brechen, eine Begabung, die ihr bei ihren Studien der Exopolitik schon erstaunliche Dienste geleistet hatte. "Unsere primäre Kommunikationskonsole. Das sind die Aufzeichnungen über frühere Subraumnachrichten der Sternenflotte" Sie wies auf eine lange Liste sehr unterschiedlicher Werte und drückte eine Taste, woraufhin eine sehr viel kürzere Aufzählung erschien. "Diese sind die der beiden Akiras, mehrere Stunden alt und bisher nicht zu entschlüsseln..."

Kurze Zeit später hatte sie ihm alle notwendigen Daten und modifizierten Funktionen der Konsole genannt. Mittlerweile war auch Poulsen hinzugetreten, zwinkerte ihr hinter dem Rücken des konzentriert wirkenden Niederländers aufmunternd zu und wartete dann gespannt ab, was Wagenvoort zu tun gedachte, das sie noch nicht probiert hatten.

Mit einem aufmunternden Lächeln blickte Aillard den Maquis fragend an.

Das Lächeln der Frau ließ Rubens Herz wie ein Stück Butter schmelzen! Vor Aufregung schwer atmend bekam er kein Wort heraus, versuchte lediglich zu verhindern rot anzulaufen wie eine Tomate. Verschämt starrte er auf die Zahlenkolonnen, obwohl sie vor seinen Augen verschwammen.

'Ganz ruhig, Ruben!', versuchte er sich selbst zu Zügeln, 'Sie ist doch nur eine wahnsinnig attraktive junge Frau mit Brüsten auf denen man Nüsse knacken könnte, Haaren rot wie die pure Leidenschaft und...'

Resignierend unterbrach er den Gedankengang, da dieser ihm nur noch weiter zuheizte. Am Besten wäre, wenn er sich auf die Aufgabe konzentrierte und dann schnell wieder verschwand. In seinem Quartier konnte er dann ja immer noch masturbieren. Vielleicht konnte er vorher kurz unbemerkt in die Datenbank eindringen und ein Bild von Veronica erhaschen - falls er die Sensoren in ihrem Bad nicht auf visuelle Darstellung umprogrammieren konnte.

Ja, das würde einen Versuch wert sein, aber-

Ruben unterbrach sich zum zweiten Mal gedanklich: Solch ein Vorgehen wäre kaum angemessen gewesen, was dachte er sich eigentlich dabei, sowas zu planen?! Nicht, dass es das erste Mal gewesen wäre, aber...

Jedenfalls bremste er seine Hormone innerlich und konzentrierte sich nun _wirklich_ auf das Display. Äußerlich waren seit Aillards letzten Worten keine drei Sekunden vergangen und so glaubte er, dass ihr sein Verhalten nicht aufgefallen war. Vielmehr hoffte er es inständig.

Die zerhackten Subraumnachrichten begannen in seinem Kopf zu Fragmenten zu zerfallen, die sich wie von Geisterhand neu ordneten. Muster tauchten auf und verschwanden wieder, bis sein Geist die Zahlen zu einem großen Gesamtmosaik angeordnet hatte. Wie ein Bild, von dem er aber immer nur einen Ausschnitt scharf erkennen konnte, während der Rest zerfaserte sah er es vor sich. Scheinbar musste er also doch den Computer für die Feinheiten bemühen, aber er hatte die letzten Nächte auch schlecht geschlafen.

Noch schlechter als normal.

"Wenn man die aktuellen Kodierungen mit den älteren Nachrichtenverschlüssungen vergleicht, fallen gravierende Änderungen der fraktalen Algorithmen auf. Scheinbar wurde ein ganz neues System etabliert!", analysierte er kurz die Lage, auch wenn er sich ziemlich sicher war, das weder Ivan noch diese Veronica umfangreiches Wissen über Kryptographie besaßen, "Mit dem Computer der Venture und ein paar Tricks sollte eine Entschlüsselung dennoch möglich sein"

Skeptisch musterte der Fähnrich ihn und er begann zu erklären: "Betrachten Sie diese vier Zahlenblocks. Sie stehen scheinbar über Winklers Gesetz der biometrischen Signifikanz in Verbindung, also sollten wir ein Brechungsraster installieren..."

Weiter leise murmelnd tippte er wie in Trance auf dem Terminal Befehle ein, während seine Augen sich keinen Millimeter vom Display lösten. Zeile um Zeile verlängerte sich der Quelltext und die Sekunden verstrichen schweigend.

Schließlich beendete er das neue Programm, wies den Rechner an es zu kompilieren und richtete sich wieder auf, nachdem er die letzten Minuten über die Konsole gebeugt gewesen war und ein Ziehen im Rücken ihn dafür bestrafte. Außerdem hatten seine trockenen Augen angefangen zu tränen, sodass er sich unbewusst mit dem Handrücken über das Gesicht fuhr.

Die rothaarige Offizierin schaute ihn noch immer verwundert an und er erkannte entsetzt, dass sie sich wegen ihm ziemlich dumm vorkommen musste, wenn nicht gar bloßgestellt. Schnell begann er ihr zu versichern, dass er solchen Kram studiert hatte, verlor sich aber schon nach Sekunden in Erklärungen über die interessanten Tiefen der Systematik, das Essen in der vulkanischen Mensa und seine unschöne Begegnung mit drei andorianischen Gemüsehändlern, bis Veronica einen entnervten Gesichtsausdruck aufsetzte.

Stotternd brach er seine Erzählung ab und fragte sich bekümmert, warum er immer alles in den Sand setzen musste, hatte er doch nur versucht sie mit seiner schnellen Hilfe zu beeindrucken.

Nach dem Onanieren würde er sich wohl in den nächsten Abfallentwerter stürzen...

--- Shuttle

Fieberhaft arbeitete Yhea daran, das von Jordan bestimmte Quartier zu erreichen. Doch ganz so einfach wie er gedacht hatte, ging es nicht. Zum einen musste er, während er mit der Kommunikation arbeitete, nebenbei auch noch den Shuttle fliegen. Und zum anderen hatte die Akira die Schilde oben, was die Sache mit dem Funkspruch erheblich verkomplizierte.

Es dauerte mehrere Minuten, bis Yhea sicher war, dass ihr gesendeter Funkspruch auch bei dem entsprechenden Terminal ankam.

"So Miss Jordan, es wäre alles soweit bereit. Jetzt hängt es nur noch davon ab, ob jemand da ist. Und ich hoffe, es ist auch der Richtige da", sagte er und zeigte dann auf einen grün blinkenden Knopf.

"Wenn Sie loslegen wollen, dann nur hier drücken. Und ein kleiner Rat: Halten Sie sich kurz. Ich weiß nicht, wie lange ich die Verbindung offen halten kann."

Jordan nickte nur. Sie holte tief Luft und wappnete sich gegen alles, was da kommen mochte. Dass sie sich kurz halten sollte, wusste sie selbst, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, dem Romulaner dies mitzuteilen, zumal sie ohnehin keinen Streit suchte, und so legte sie sich ein paar Worte zurecht und betätigte den Button.

Es dauerte einen Augenblick, während die Verbindung hergestellt wurde. Dann erschien das Gesicht ihres Bruders auf dem Schirm.

Lieutenant Julian Kincaid war ein kleinwüchsiger Mann Anfang dreißig. Mit seinem dunkelbraunen Haar, das ihm momentan wirr ins Gesicht hing, und den ebenso dunklen Augen der Mutter sah er seiner Schwester nicht sonderlich ähnlich, wäre da nicht diese gewisse Gelassenheit angesichts der Notsituation an Bord der Saratoga, mit der auch Jordan es als Ärztin weit gebracht hatte. Im Hintergrund war ein Ausschnitt seines Quartiers zu sehen -- die Erschütterungen hatten einen Schrank aus der Wand gerissen -- und offensichtlich hasste er es, in seinem Quartier zu sitzen und nicht gebraucht zu werden, während auf der Akira die Hölle los war.

Er wirkte neugierig, wer um Himmelswillen ihm zu diesem Zeitpunkt eine Subraumbotschaft schicken sollte, und als er Jordan erkannte, wurden seine Augen groß.

"Hallo Julian", grüßte ihn die Ärztin betreten und vergaß einen Augenblick ihre unruhig wartenden Gefährten.

"Jordan!", entfuhr es ihm. Er öffnete ein paar Mal den Mund, bevor er es schaffte, einen Ton herauszubringen. "Was ... wo ... ich verstehe nicht."

Die Terranerin schluckte, wischte jeden potentiellen Einwand jedoch mit einem Winken beiseite. "Ich befinde mich an Bord des Maquisshuttles. Nun ja, wir sind hier eigentlich nicht beim Maquis, aber das ist jetzt gleichgültig. Wir brauchen deine Hilfe."

In knappen Worten erklärte sie, was das Problem war und wie Julian ihr helfen könnte. Sie ließ ihn nicht wieder zu Wort kommen; einerseits, weil sie dafür nicht genug Zeit hatten, andererseits, weil sie Angst hatte vor dem, was er sagen könnte.

Schließlich verstummte sie. "Also?", fragte sie nur und blickte ihn ernst an.

--- USS Saratoga, Quartier 327

Julian starrte auf den Bildschirm und blinzelte ein paar Mal, bevor er trocken schluckte. "Du siehst schlecht aus", sagte er tonlos. Dann, mit besorgtem Unterton: "Wenn Thayen ... ich meine, wenn der Captain euch erwischt, macht er Kleinholz aus euch. Er ist auf einem der Shuttles und stinksauer"

Er starrte mit leerem Blick auf den Rand der Konsole, während er fieberhaft nachdachte. Dann fokussierte er wieder auf das Gesicht seiner Schwester, die ihn noch immer forschend ansah und nur mit wachsender Mühe ihre Ungeduld unterdrücken konnte. "Ich werde sehen, was ich für euch tun kann", sagte er ernsthaft und blickte Jordan in die Augen, "Ihr versucht, solange am Leben zu bleiben. Ich weiß noch nicht, was ich tun werde, aber ich bin sicher, ihr werdet erkennen, wenn es soweit ist" Er unterließ es, ihr zu sagen, für wie aussichtslos er die Lage hielt; aber er war entschlossen, sein Bestes zu geben.

Er sah noch ein dankbares Lächeln auf Jordans Gesicht, bevor die Kommunikationsverbindung mit einem unzeremoniellen Knacken abbrach und seine Konsole wieder die übliche Arbeitsumgebung darstellte, die bei ihm für seine Privatzwecke die unsägliche LCARS-Benutzeroberfläche ersetzte.

Unverwandt sah er auf den Monitor, auf dem gerade eine lächerliche kleine animierte Figur mit weitschweifigen Gesten und ausgeschaltetem Ton eine belanglose Sportnachricht rezitierte, die während der letzten zwei Minuten über den Subraumticker hereingekommen war. Genervt boxte Julian der Bildschirmfigur mit dem Mittelfinger in den Bauch, woraufhin sie mit aufreizender Gemächlichkeit die Hand zum programmierten Abschiedsgruß erhob und sich im Stechschritt zum linken Bildschirmrand aufmachte.

Ein kleines Fenster poppte in der rechten unteren Ecke auf und zeigte einen Fortschrittsbalken an, der sich langsam und kontinuierlich vom linken zum rechten Rand bewegte. "Block 136 ... 144 ... 152 von 1024 übertragen", teilte eine Statuszeile über dem Balken dem geneigten Benutzer mit.

Der junge Mann starrte die Statusanzeige an, als ob er sie noch nie zuvor gesehen hätte, während es in seinem Kopf arbeitete. Er blinzelte und wagte nicht zu atmen, als er wieder und wieder den in ihm aufkeimenden Plan durchdachte und fieberhaft nach Schwachstellen abklopfte. Ein Grinsen breitete sich langsam auf seinem Gesicht aus. Endlich hatte er eine Idee, wie er seiner Schwester und den anderen Leuten auf dem Maquisshuttle helfen konnte -- und dabei konnte er auch gleich noch zwei Fliegen mit einer Klappe erschlagen.

Ein Tastendruck öffnete ein Fenster auf dem Bildschirm, in dem Julian einige Befehle eingab. Lutger vom Zentralrechenzentrum des Sternenflottenhauptquartiers hatte dem Team der Akira-Piloten schon lange genug genüsslich vorgerechnet, welch aberwitzige Mengen ungenutzer Taktzyklen er in das OGR-Projekt des Lehrstuhls für Verteiltes Rechnen der Akademie zu stecken in der Lage war. Julians Team war hoffnungslos auf einen der hinteren Plätze abgeschlagen, während Lutgers Leute mit ungerührter Überheblichkeit Ast um Ast der vollständigen Darstellung aller möglicher Golomb-Maßstäbe mit 46 Markierungen von ihren unterforderten Computerkernen durchrechnen ließen, um den optimalen zu finden und auch OGR-46 für sich beanspruchen zu können.

Er grinste noch immer, als die Terminalsoftware ihm den erfolgreichen Aufbau der Datenkommunikationsverbindung zum ersten der beiden Akira-Shuttles signalisierte. Wer OGR-46 tatsächlich gefunden hatte, stellte sich erst ganz am Ende heraus; eine größere Zahl berechneter Äste erhöhte nur die Wahrscheinlichkeit, den richtigen zu erwischen.

Julian hatte beizeiten bereits eingesehen, dass weder er noch seine Teamkameraden mit ihren spärlich bemessenen Kontingenten an privat nutzbarer Rechenzeit eine nennenswerte Chance hatten, Lutgers Team --oder eines der anderen, die um die ersten Plätze rangen -- zu schlagen. Und so hatte er einige Stunden während seiner Freischichten auf langweiligen Routineflügen der U.S.S. Saratoga dafür genutzt, unter einem Vorwand als Pilot physischen Zugriff auf die Bordsysteme der beiden Akira-Shuttles zu erlangen und auf jedem der beiden einen säuberlich versteckten OGR-Client zu installieren, der die im Hangar ohnehin fast vollständig leerlaufenden Bordcomputer der Shuttles nutzbringend zum Durchrechnen von OGR-Kandidaten einsetzte und in schöner Regelmäßigkeit selbständig Datenblöcke zuerst an Julians Konsole und von dort an den Zentralrechner in der Akademie übermittelte.

In den letzten Wochen war das Akira-Team zu Lutgers ungläubigem Erstaunen bereits in großen Schritten von einem der nicht mehr nummerierten hinteren Plätze in die obersten zwanzig aufgerückt. Es fehlte nicht mehr viel, bis sie in direkter Konkurrenz auf den oberen beiden Plätzen stehen würden; der plötzliche Einsatz der Shuttles hatte den Fortschritt der Rechnerei allerdings deutlich gedämpft, als höher priorisierte Prozesse in den Bordsystemen sich wieder mit der hochauflösenden numerischen Lösung komplexer Differenzialgleichungen beschäftigten, um die Shuttles vom Fleck zu bewegen.

Über eine zu diesem Zweck in den OGR-Client eingebaute Hintertür räumte Julian sich Administratorrechte auf dem Bordsystem ein und rief eine Liste aller laufenden Prozesse auf seinen Bildschirm. Am oberen Ende, mit höchster Priorität, standen die Lebenserhaltungssysteme und nahmen einen fast verschwindenen Teil der Systemressourcen für sich in Anspruch, während sie den Sauerstoff- und Kohlendioxidgehalt der Bordatmosphäre auf konstanten Werten hielten und die Trägheitsdämpfer mit geringstmöglicher Verzögerung Beschleunigungen und Zentrifugalkräfte des Shuttles kompensieren ließen. Auf nur geringfügig niedrigerer Priorität liefen die Navigationssysteme.

Julian scrollte hinunter. Ganz, ganz unten sah er seinen OGR-Prozess, der auf niedrigster Priorität vergeblich auf Leerlaufzyklen wartete und keine bekam. Er tippte ihn an und zog ihn mit der Fingerspitze aufwärts, an der langen Liste sekundärer Systeme vorbei, und ließ ihn zwischen den Lebenserhaltungs- und den Navigationssystemen los. Ein Dialogfeld mit einer Sicherheitsnachfrage poppte auf und wollte wissen, ob er sich wirklich sicher sei. Genüsslich tippte er auf "Ja".

Mit befriedigtem Gesichtsausdruck beobachtete er, wie die Anzeige der dem OGR-Client zugewiesenen Prozessorressourcen von "0%" auf "99%" stieg. Er konnte die Navigationssoftware förmlich nach Taktzyklen japsen hören, als er die Prozessanzeige verließ, mit einem weiteren Befehl alle weiteren Logins bis auf den seinen deaktivierte, die Datenverbindung kappte und sich dem zweiten Shuttle zuwendete.

--- Shuttle Yang

Lieutenant Commander Jansen hatte sich bereits gemütlich in seinem Sessel zurückgelehnt, ein zufriedenes, feistes Grinsen im Gesicht. Aus seinem Mundwinkel hing eine bisher noch unentzündete Zigarre, was ihm bereits den einen oder anderen verwunderten Blick Lieutenant Jenkins, seines Begleiters eingebracht hatte. Jansen wartete nur darauf, endlich feuern zu dürfen, als sich plötzlich mit einem verhaltenen Piepen mehrere Systeme der Yang automatisch deaktivierten.

"Bericht!", knurrte er -- auch ein Wort, das er widerwillig in seinen geringen aktiven Sprachwortschatz aufgenommen hatte -- und musterte Jenkins widerwillig aus dem Augenwinkel, als sei es die Schuld des Briten, dass seine eigene Konsole flackerte und wohl kaum fähig sein würde, einen Statusbericht zu liefern.

"Ähm ..." Jenkins schien sich zunächst nicht im Klaren darüber zu sein, wo er beginnen sollte, zuckte dann jedoch mit der Gelassenheit des altgedienten Sternenflottenoffiziers mit den Schultern und begann einfach irgendwo: "Die Navigationskonsole reagiert nicht mehr, Sir, oder zumindest so stark verzögert, dass es auch keinen Unterschied mehr macht. Waffenkontrolle ausgefallen. Die Schilde sinken auf 50 ... 30 Prozent ... ich habe keine Ahnung, was hier los ist, möglicherweise ein Schaden im Hauptsystem" Der Brite schüttelte den Kopf. "Lebenserhaltungssysteme laufen allerdings normal. Schilde sinken auf 20 ... Schilde ausgefallen, Sir"

Entsetzt blickte Jansen aus dem Fenster zu seiner Rechten, wo nur einige hundert Kilometer entfernt vor Sekunden das Maquisshuttle in Sicht gekommen war, das jetzt allerdings wieder aus seinem Blickfeld verschwand. Die Yang trieb steuerlos im All.

"Rufen Sie die Ying", krächzte er, doch er erwartete die Antwort bereits in einer düsteren Vorahnung. All seine Hoffnungen auf einen wirklich guten Kampf brachen wie Alptraumgebilde auf ihn ein.

"Die Ying reagiert nicht, Sir. Die Saratoga reagiert ebenfalls nicht. Eventuell ist ihre Kommunikation ausgefallen. Ähm, eventuell ist es auch *unsere* Kommunikation, die nicht funktioniert" Jenkins kratzte sich am Kopf.

Jansen erbleichte. Der Alptraum aller Alpträume brach für ihn an. Er stand dem Maquis gegenüber, einem neuen, nein, dem letzten verbliebenen Feind, den er seiner Sammlung hinzufügen konnte. Er verfügte über den Befehl über eines der schnellsten und bestbewaffneten Shuttles der Sternenflotte. Er kämpfte Seite an Seite mit einem der am höchsten dekorierten betazoiden Offiziere der gesamten Flotte. Alles, was er tun musste, war seine Zigarre anzuzünden, sich ein paar wüste Schimpfworte zurecht zu legen und auf den grünen Knopf zu drücken -- ja, ein tolles Shuttle, und so leicht zu bedienen.

Nur: Das verdammte Ding funktionierte nicht.

--- Shuttle "Utopia"

Gorm blinzelte irritiert, als sein Blick auf die Sensoranzeigen der Konsole fiel, die er gerade übernommen hatte. "Beide Shuttle haben gerade ihren Antrieb deaktiviert", rief er verwundert und konnte nicht so recht glauben, was da gerade geschah. "Und jetzt senken sie ihre Schilde."

Jordan konnte nicht anders als zu grinsen, während sie dem Romulaner noch immer über die Schulter sah. Sie hatte mit einem Mal eine sehr klare Vorstellung davon, was genau sich ihr Bruder auf ihre Aufforderung hin ausgedacht hatte. Aus irgendeinem Grund hatte er schon immer eine Schwäche für diese merkwürdigen Rechenprogramme gehabt.

"Also gut", wandte sie sich an ihre Begleiter und sah in die Runde. "Welchen Shuttle nehmen wir?"

--- Brücke

"Ähm,... ja", knüpfte Veronica etwas unschlüssig an, nachdem der Redeschwall des Niederländers versiegt war und er dem anscheinend auch nichts mehr hinzuzufügen hatte. Was ein merkwürdiger Mann, befand sie mit einem leichten Kopfschütteln. Äußerlich höchstens unschön, eine Zunge wie ein Wasserfall, seinen bewundernden Blicken nach jedoch eindeutig männlich.

Nun gut, solche Reaktionen war sie bereits gewohnt. Sie räusperte sich, riss den konsternierten Blick von ihm los und wandte sich in Richtung McCarthys um.

"Captain, Mr. Wagenvoort konnte ein Programm einrichten, das uns wahrscheinlich helfen wird, die Nachrichten zu entschlüsseln. Auf ihren Befehl wären wir so weit."

Abwartend sah sie zu ihrem Captain hinüber.

Etwas überrascht drehte sich der Captain in seinem Sessel und musterte den dürren Menschen: Sollte der in 10 Minuten eine Aufgabe gelöst haben, an der Fähnrich Aillard bereits seit mehreren Stunden hing?! Aber wahrscheinlich war sie gedanklich wieder woanders.

"Starten Sie das Programm, Fähnrich!", antwortete er befehlend, "Falls das funktionieren sollte, haben sie beide sich ein Lob verdient"

Beinahe augenblicklich begannen die Zahlenkolonnen auf Aillards Konsole zu tanzen und wie ein endloser Strom durch das Display zu fließen. Bei der Rechengeschwindigkeit der Venture konnte McCarthy nur noch einen verschwommenen Zeichenbrei erkennen, aber dieser Wagenvoort haftete mit seinen Augen daran, als wenn er ihn lesen könnte.

Schließlich blieb der Datenstrom hängen und die übliche Eingabemaske füllte den Schirm wieder aus. Ruben analysierte noch die Log-Datei, während Veronica die Nachrichten abspeicherte. Etwas unruhig geworden meldete sie: "Captain, die Nachrichten sind dechiffiriert. Wenn Sie wünschen, werde ich sie auf dem Hauptschirm abspielen"

McCarthy nickte nur bestätigend, kurz bevor sich das Videobild aufbaute. Zu sehen war die Brücke eines der beiden Verfolgerschiffe und wenn sich Charles nicht allzu sehr täuschte, war diese in geradezu erbärmlichem Zustand. So erbat der Captain auch sichtlich wütend, dass das zweite Schiff die Verfolgung eines Maquisshuttles abbrechen solle, um bei den Reparaturen zu helfen. Stattdessen habe man zwei eigene Shuttles mit der Jagd beauftragt.

Die zweite Übertragung enthielt exakte Koordinaten des Verfolgungskurses und Instruktionen die Shuttles später zu treffen.

Was der Venture einen gewissen Handlungsspielraum gab:

"K'bal, gehen Sie auf einen Abfangkurs in Richtung der angegebenen Koordinaten. Vielleicht schaffen unsere Leute es nicht mehr bis hierher; falls sie tatsächlich ein Schiff der Akira-Klasse schwer beschädigt haben, dürfte von unserem Shuttle auch nicht mehr viel übrig sein. Ausserdem wird der kleine Umweg unsere Maquis-Freunde nicht viel stören. Miss Aillard, benachrichtigen Sie die Maquisschiffe, dass wird uns etwas verspäten werden. Anschließend nehmen Sie sich eine kleine Pause; bis wir unsere Crew aufgabeln werden noch circa zwei Stunden vergehen!"

"Aye, Sir. Danke, Sir" Die brünette Terranerin nickte und verkniff es sich, sich die Augen zu reiben. Warum hatte eigentlich immer ausgerechnet sie Dienst, wenn irgendwas Aufwendiges passierte? Knapp winkte sie Fähnrich Lloyd von der Nachbarkonsole, der daraufhin ihren Posten übernahm, nachdem sie sich mit einem Tastendruck ausgeloggt hatte.

Rasch warf Veronica, heute noch ohne Verabredung, Poulsen einen fragenden Blick zu. "Mannschaftsmesse?", flüsterte sie ihm zu und lächelte. Im Gegensatz zu vielen anderen Crewmen hatte sie mit dem Techniker niemals eine Beziehung gehabt, die über einen Kaffee hinaus ginge - dafür war das aber eine besonders nette.

Doch der zuckte nur entschuldigend mit den Achseln und nickte leicht in Richtung Turbolift - natürlich, er hatte Dienst im Maschinenraum, und vor allem so lange Yhea nicht an Bord war, konnte er da nicht weg.

Verärgert runzelte sie die Stirn und blieb einen kurzen Moment lang unschlüssig stehen, überlegend, wo sie jetzt hin sollte. Alleine in der Mannschaftsmesse aufzutauchen verbot ihr ihr Ehrgefühl - vor allem, nachdem sie sich dort mit dem gutaussehenden Ersten Offizier hatte blicken lassen, was ihrem Ruf bereits jetzt extrem gut tat -, und die Holodecks waren sicher belegt. Nun ja, vielleicht konnte sie ein gutes Buch lesen.

--- Shuttle, Pilotensitz

Yhea, der inzwischen die Ausweichmanöver eingestellt hatte und nun langsam auf die zwei feindlichen Shuttles zuflog, die nun antriebslos im All herum schwebten, musste beinahe grinsen, als er Jordan antwortete:

"Also ich wäre ja fast dafür, das Shuttle zu kapern, auf welchem der Captain dieses Kahns zurzeit sitzt. Würde bestimmt eine lustige Sache werden"

Vorsichtig stoppte Yhea die Utopia und ging in eine Warteposition. Die beiden fremden Shuttles waren jetzt nur noch etwa 200 Meter entfernt.

"Also, hat irgendjemand einen besonderen Wunsch, welches Shuttle wir uns nehmen sollen?", fragte er und schaute in die Runde, doch keiner schien antworten zu wollen. Einzig Jordan zuckte mit den Schultern und signalisierte, dass es ihr ziemlich egal war, welchen Shuttle sie nahmen.

"Ok, jeder holt sich jetzt einen Phaser. Denn da unser Transporter ausgefallen ist, müssen wir den Shuttle nach alt hergebrachter Weise kapern. Also andocken, Tür auf und alles betäuben, was sich rührt. Verstanden?"

Die Anwesenden nickten und zückten ihre Phaser. Währenddessen steuerte Yhea auf das rechtere der beiden Shuttles zu und startete den Andockvorgang. Immer näher kamen sich die beiden Schiffe und schon kurze Zeit später trennte sie nur noch ein paar Zentimeter.

"Haltet euch bereit. Sobald der Druckausgleich hergestellt ist, müsst ihr schnell rein. Wenn ich die Station gesichert habe, dann komme ich ebenfalls. Also, aufpassen."

Schnell gab Yhea die letzten Kommandos ein und mit einem vernehmlichen Klicken schlossen sich die Verriegelungsklammern der Andockschleuse und der Druckausgleich startete.

"Noch 3 Sekunden."

"2!"

"1!"

"LOS!"

--- Shuttle Ying

"Sir!", schrie Commander Shaira ungläubig und entsetzt, als die primären Bordsysteme nach und nach ausfielen. Thayen hatte sich die ganze Zeit auf den Marquisshuttle konzentriert, in der Hoffnung, die Gedanken der Besatzung lesen zu können. Allerdings war dies ohne visuellen Kontakt sehr schwer, und die Maquis taten ihm nicht den gefallen auf sein Ultimatum zu antworten.

Jetzt sah er zu seinem ersten Offizier und las ihre Gedanken. Trotzdem musste er selbst auf die Konsolen sehen, um sich von dem was ihm der Commander gerade mitteilen wollte selbst zu überzeugen. Shaira bemerkte die Reaktion des Captains und verzichtete auf einen Lagebericht.

"Was war das letzte was die Sensoren vor dem Systemausfall registriert haben? Gab es irgendwelche Übertragungen?", fragte der Betazoide in der für ihn typischen Ruhe in Notsituationen. Commander Shaira überprüfte die Sensorenlogs. Das System reagierte auf ihre Anfragen so träge als bestände die CPU der Konsole aus einem Rechenschieber.

"Ich glaube nicht, jedenfalls könnte ich das nur nach einer genaueren Prüfung sagen. Das letzte was ich gesehen habe war die Yang. Jansen ist ihren Anweisungen gefolgt und hat sich an den Maquisshuttle in einem seitlicheren Anflugsvektor angenähert"

Die Ying trudelte. Das farbenfrohe Panorama der Badlands zog am Aussichtsfenster vorüber, und bei jeder vollen Umdrehung kam der Maquisshuttle in Sicht: Es wurde ständig größer. Thayen und Shaira wechselten einen besorgten Blick.

"Sie wollen uns entern", stellte der Captain sachlich fest. Commander Shaira zog entschlossen ihren Phaser und entsicherte ihn. Nachdem sie die Einstellungen veränderte, bezog die blonde Terranerin an der linken Shuttlewand Stellung und zielte auf den Eingang der Andockluke…

--- Brücke

Unschlüssig stand Ruben weiter neben der Konsole und überlegte, wie er sich am geschicktesten entfernen konnte, ohne weiter aufzufallen. So druckste er leicht herum und entfernte sich leicht von dem Terminal.

"Ich werde dann wieder in mein Quartier verschwinden", gab er leise bekannt, "Vielen Dank für Ihre Hilfe, Miss Aillard"

Unsicher wartete er auf eine Erwiderung oder das Angebot zu bleiben, aber scheinbar hatte diese Veronica ihn gar nicht wahrgenommen und schaute noch immer dem fremden Techniker nach.

"Dann bis später, oder so", fügte er seufzend hinzu, während er in Richtung Turbolift schlurfte.

Schulterzuckend beendete Veronica derweil ihre fruchtlosen Überlegungen und folgte mit ein paar eiligen Schritten Wagenvoort, bevor sich die Türen des Turbolifts vor ihr schließen konnten.

--- Turbolift

"Deck 4, Mannschaftsquartiere", wies der Niederländer den Computer an, und da sie ebenfalls dorthin wollte, schloss sie den bereits geöffneten Mund wieder.

Der Lift setzte sich in Bewegung. Unangenehm schweigend verstrichen einige Sekunden, in denen die Fähnrich bemerkte, dass ihr Begleiter sie verstohlen und etwas schüchtern aus dem Augenwinkel musterte. Ein komischer Kerl, befand sie immer noch.

"Computer, Mannschaftsmesse", befahl sie dann unvermittelt. Der Computer bestätigte mit seinem üblichen Gedüddel.

"Ich glaube, ich gehe doch lieber noch eine Weile in die Bar", wandte sie sich erklärend an Ruben und fügte nach kurzem Zweifeln hinzu, "Wollen Sie mich vielleicht begleiten? Ich fände es sehr nett, wenn Sie mir bei einem Kaffee ein paar Abschnitte Ihres Skripts erklären könnten, denen ich nicht ganz folgen konnte. Sie verwenden eine Programmiersprache, die mir nicht ganz geläufig ist"

Immerhin, überlegte sie, könnte sie die neu gewonnene freie Zeit auch nutzen, etwas dazu zu lernen. Wenn die Sternenflotte das nächste Mal ihre Codierung änderte, würde immerhin kein Maquisoffizier da sein, um sie und möglicherweise die Venture zu retten. Manchmal hasste sie es, die Kommandolaufbahn eingeschlagen zu haben.

Verlegen schaute Ruben vom Boden auf und musterte die Frau skeptisch: Wieso sollte sie sich mit einem Trottel wie ihm abgeben? Bestimmt war sie nicht an seinem Wissen interessiert, höchstens um es ihm zu entreißen und sich dann lustig zu machen!

Andererseits.

"Wenn Sie interessiert sind, gerne", antwortete er und würde langsam mit der Vorstellung warm. Vielleicht war sie unter der Hülle eines Raubtieres doch noch irgendwie Vegetarier geblieben. Vom Standpunkt der Logik blieb der Versuch die einzige Möglichkeit, die Theorie zu überprüfen, auch wenn man sich die Finger verbrennen konnte.

"Allerdings bin ich wohl nicht sehr gut im Erklären, obwohl manche behaupten, dass ich zu viel rede, wenn ich erstmal begonnen habe. Eine schlechte Angewohnheit; sowas haben ja eigentlich alle. Glaube ich", lief der Holländer verbal schon wieder heiß, als er sich errötend seines Monologs bewusst wurde, "Oder was meinen Sie?"

Die letzten Worte brachte er hervor, als wäre er ein Mönch, der von Gott persönlich eine Absolution ersuchte.

Aillard sah den Niederländer einen Augenblick lang irritiert an, bevor sie zu lachen begann. "Ja, ich glaube schon", stimmte sie zu.

Die junge Frau war mit ihrem Latein, wie sie den Mann einschätzen sollte, ziemlich am Ende. Als eine Art Sternenflottenoffizierin ohne Urlaub, die den ganzen Tag nur mit ihresgleichen verkehrte, war sie so wirre Gestalten einfach nicht mehr gewohnt. Und die gutaussehenden Kolonisten, mit denen sie sich auf ihrem letzten Landgang umgeben hatte, hatten dazu ja auch ihr übriges beigetragen. Jedenfalls wusste sie nicht, ob Ruben sie jetzt schon nervte, oder ob sie ihn bemitleidete.

Bevor der Niederländer antworten konnte, kam der Turbolift jedoch schon lautlos zum Stehen und öffnete seine Türen.

--- Deck 3, Gänge

"Hier entlang", wies Veronica ihren Begleiter an und machte sich auf dem Weg zur Mannschaftsmesse. "Oh, und seien Sie nicht überrascht, wenn Sie die Bar sehen. Sie ist etwas... ungewöhnlich", warnte sie ihn noch nachträglich vor, bevor das leuchtende Schild "Zum tanzenden Liebesdiener" in Sicht kommen konnte.

Ein zaghaftes Lächeln legte sich auf Rubens Lippen: "Das glaube ich Ihnen gern, dieses Schiff und seine Besatzung scheint überhaupt recht ungewöhnlich zu sein. Auch wenn die Maquis ein richtig verrückter Haufen sein kann - wer würde auch schon mit einer Handvoll Raidern gegen eine Großmacht kämpfen, ohne im Kopf wirr zu sein"

Bei den letzten Worten hatte ihn Veronica etwas länger als vorher gemustert, genauer gesagt 3,4 Sekunden lang, und plötzlich hatte er Angst, dass sie innerlich seiner scherzhaft gemeinten Behauptung zustimmen würde. Die Schamesröte stieg ihm ins Gesicht und er versuchte schnell durchzuatmen, bevor der peinliche Moment in langes, peinliches Schweigen übergehen konnte.

Doch glücklicherweise öffnete sich in diesem Moment die Bartür.

--- Mannschaftsmesse

Staunend betrat der Niederländer die gut besuchte Lokalität und zählte 37 Personen, die sich über den Raum verteilten. Den Androiden hinter der Theke nicht mitgerechnet. Mengen oder Zeiträume zu erfassen, war eine Gabe, die er unterbewusst benutzte: Die Daten waren einfach in seinem Geist, auch wenn er sie selten benutzen konnte.

Was nutzten ihm schon 38 (mittlerweile hatte Ruben entschieden, die künstliche Intelligenz als gleichwertig mitzuzählen) Lebewesen, die alle schöner, glücklicher und selbstbewusster waren als er?!

Verlegen rieb er sich die Nase, die zu jucken begonnen hatte. Bestimmt der Beginn einer neuen Erkrankung. Mit etwas Glück war sie tödlich...

Im inneren Dialog ertrinkend hatte er Aillard vollkommen ignoriert, bis diese ihn mit leicht genervter Stimme auf sich aufmerksam machte und dann auf einen leeren Tisch zeigte.

Vorsichtig setzte Ruben sich, jede Sekunde damit rechnend, dass Veronica wieder lachend aufstehen würde. Doch es geschah nicht. Vielleicht mochte sie ihn ja.

Wenigstens ein bisschen.

Veronica unterdrückte ein Seufzen, während sie sich Ruben gegenüber niederließ und ihn noch einmal musterte, unschlüssig, was sie nun von ihm erwarten sollte. Etwas verunsichert sah sie sich dann in der Bar um, in der Hoffnung, eCroft würde mit seiner üblichen fröhlichen Stimmung die Situation entspannen können, doch der Androide stand gerade an der Theke und flirtete unverschämt mit dieser Schlampe Nadja aus der Botanik, die auch noch ebenso unverschämt zurückflirtete. So schnell würde der Barkeeper nicht wieder seine Runde machen.

Gerade wollte sie anheben, um auf das einzige Thema zurückzukommen, das ihr geeignet erschien, nämlich Wagenvoorts Programmierung der Sensoren. Sie hatte schon den Mund geöffnet, als sich ihr eine schwere Hand auf die Schulter legte: "Hi Veronica! Ich dachte, du hättest Dienst?"

Fragend wandte sie sich um und begann sofort zu lächeln, wie sie es immer schon automatisch in Jan Millers Anwesenheit tat. Der kleinwüchsige, breitschultrige Fähnrich war bereits mit ihr auf der Akademie gewesen, wenngleich in einem anderen Jahrgang, und auf der Venture hatten sie sich wiedergetroffen und angefreundet. Er zählte zu ihren ältesten und besten Bekannten hier auf dem Schiff. Erst vor ihrer letzten Schicht hatte er sie angesprochen, ob sie zur heute Abend steigenden Party kommen wollte, die man trotz der anwesenden Maquis nicht verschieben wollte. Jan als Sohn eines reichen Botschafters besaß einen unerschöpflichen Vorrat an nützlichen Partyutensilien.

"Oh, hallo Jan", grüßte sie ihn und wandte sich an Ruben, "Das ist Fähnrich Jan Miller. Jan, das ist Ruben Wagenvoort vom Maquis. Wegen seiner Hilfe auf der Brücke habe ich gerade etwas Freizeit gewonnen."

"Guten Abend, Mr. Wagenvoort, freut mich", grüßte der Offizier höflich, sprach den Namen aus wie eine klingonische Krankheit und scherte sich nicht darum. Er hatte sich bereits wieder an Veronica gewandt und sprach ohne Pause weiter. Dabei ließ er schamlos seinen Blick auf ihrer Brust ruhen, als trage sie einen metertiefen Ausschnitt anstatt einer Uniform. "Bist du sicher, dass du nicht zur Party kommen willst? Ohne dich ist es doch langweilig" Er grinste verschmitzt. "Außerdem kommt Johnson mal wieder. Du magst Johnson doch, dachte ich..."

Die junge Fähnrich seufzte. In der Tat mochte sie Lieutenant Johnson, und seit ihrem gemeinsamen ... Ausflug in die Trainingshalle letztens schätzte sie ihn sogar noch mehr. Niemand würde sich mehr freuen als sie, würde er Teil ihrer ... ähm, Veranstaltungen.

Andererseits musste die Geschlechtskrankheit, wegen der sie sich hatte behandeln lassen, laut Lisa Dallas noch immer ansteckend sein. Was brachte es, wenn sie Johnson oder Jan oder sonst jemanden ansteckte und die die Krankheit über das gesamte Schiff trugen, um am Ende wieder sie damit zu infizieren?

"Nein, ich kann wirklich nicht", wehrte sie ab und schüttelte unterstreichend den Kopf, "Es geht wirklich nicht, ich habe schon etwas vor"

"Aber laut Erkan wolltest du gestern noch kommen", protestierte er. Ruben hatte er bereits völlig vergessen, und Veronica merkte, dass sie langsam rot wurde. Was, wenn Jan sich verplapperte und der Niederländer erkannte, um welche Sorte Party es sich da handelte? Doch der junge Mann sprach wie immer ohne nachzudenken. "Ich nehme an, wenn du nicht kommst, wird er auch nicht kommen. Er findet Kelly so langweilig. Lisa mag er, aber die hast du ja bisher noch nie mitgebracht..."

Beinahe anklagend verstummte er. Sie vermutete, dass auch er es auf die konservative Krankenschwester abgesehen hatte.

Sie räusperte sich. Die Sache wurde ihr sichtlich unangenehmer. "Nein, Jan", erwiderte sie sehr betont, "Das nächste Mal wieder. Und jetzt entschuldige mich. Ich möchte etwas mit Ruben besprechen."

Unbewusst hatte sie den Niederländer beim Vornamen genannt, wie um sich von ihrem Freund für diesen Augenblick zu distanzieren. Der verstand den Wink endlich und verzog die Lippen zu einer Grimasse. "Na gut. Dann sehen wir uns morgen. Mr. Wagenvoort"

Er nickte noch knapp grüßend in Richtung ihres Gastes, dann quetschte er sich an ihrem Tisch vorbei in Richtung des Ausgangs. Wahrscheinlich fragte sie sich, was sie von einem wie dem Niederländer wollte. Veronica sah ihm kurz nach; noch immer fühlten sich ihre Wangen heiß an.

Nur sehr mühsam schaffte sie es, sich wieder auf Ruben zu konzentrieren und nicht in seiner Miene nach einer Regung zu suchen, die Aufschluss über seine Gedanken gab. "Also, wollen wir? Ich habe vor allem nicht verstanden, wie Sie ohne weiteres auf die Idee mit dem Brechungsraster kommen konnten..."

Abwartend sah sie ihn an und ignorierte, dass das Blut nur langsam aus ihrem Kopf abzufließen schien.

Abwartend hatte Ruben der Unterhaltung zugehört und sich beinahe tot gestellt. Er war es gewöhnt, von niemanden beachtet oder bemerkt zu werden und so fühlte er sich nicht verletzt, sondern verfiel lediglich in eine leichte Resignation. Dass Veronica bei den Worten des Fremden rot anlief hatte er natürlich registriert, aber die Ursache blieb ihm nach wie vor schleierhaft.

Immerhin war es nur um eine Party gegangen bei der anscheinend das halbe Schiff geladen war. Ob wohl etwas Bestimmtes gefeiert wurde? Die Stimme des Fremden hatte sehr vergnügt geklungen; vielleicht war es ja eine Überraschungsparty, von denen er ab und zu gelesen hatte. Selbst feierte er seinen Geburtstag nicht mehr, da außer seinen Eltern eh niemand kommen würde, der es ernst meinte und nicht nur heuchelte.

Die Frage der bezaubernden Frau ihm gegenüber lenkte ihn etwas von dem Fall in die Niedergeschlagenheit ab: Er hatte immer noch seine Fähigkeiten und sein Wissen, auch wenn er selbst das nicht ohne Hilfe von Gentechnikern erreicht hätte...

Schnell ignorierte er den letzten Gedanken und begann zögernd zu erklären: "Als ich diesen Zahlencode sah, habe ich mich irgendwie an eine Vorlesung von Prof. Smith erinnert, in der es um eben solche Raster ging. Es war also nur etwas Glück, dass mir genau das in dem Moment einfiel"

Verlegen schaute er kurz auf die Tischplatte, die von einem unauffälligen Streifenmuster überzogen war und dachte etwas über diesen Smith nach: Der Kerl war ein lüsternder alter Sack gewesen, der Studentinnen gegen zweifelhafte Dienste bevorzugte, während er die Forschung des Niederländers vollkommen ignoriert hatte, um weiterhin die führende Kapazität der mehrdimensional-orientierten Theoretiker zu bleiben. Diese fürchterliche Lungenentzündung hatte ihr übriges getan und kurz darauf hatte er seine Studien nach Vulkan verlegt, wo statt englischem Niesel-Wetter erholsame Hitze auf ihn wartete.

"Allerdings variiert die Föderation scheinbar relativ oft ihre Kodierungssysteme, was für uns recht schade ist. Mit dem Computer der Venture und etwas Mühe könnte man den Maquis wirkungsvoll schützen", fuhr er fort und hob seinen Blick wieder langsam, bis er kurz auf den Brüsten Fähnrich Aillards hängenblieb und stockte.

'Wirklich nach ästhetisch perfekte Form', dachte er wie in Zeitlupe gefangen, bis er sich des fragenden Blickes bewusst wurde, der auf ihm ruhte, "Ähh, ich war etwas in Gedanken, tut mir leid, wo waren wir stehengeblieben?"

--- Shuttle Ying

Es war eine schnelle Aktion. Auf Alnaks "Los!" stürmte die Besatzung des Ventureshuttles durch die offene Luke und feuerte ohne unterlass, jedoch auch ohne irgendwelche Treffer zu landen. Chi-Lo und Jordan stürmten als erste rein, gefolgt von Clint, dann Alnak und schließlich Gorm, der von dem Romulaner auf dem Weg zur Luke überholt wurde.

Jordan gab sich keinen großen Illusionen hin. Sie wusste, dass sie an der Spitze des Entertrupps nur Kugelfang war, aber angesichts ihrer Armverletzung erschien ihr dies sinnvoller, als im darauf folgenden Kampf die Heldin zu spielen. Das gegnerische Feuer erwischte sie natürlich zuerst, und sie fiel betäubt [NRPG aber in Zeitlupe und mit dramatischer Musikuntermalung] zu Boden.

Zwar wurde Chi-Lo ebenfalls getroffen, aber in seinem Kreislauf befanden sich immer noch jene sonderbaren Substanzen, die seine Widerstandskraft, und womöglich auch seinen Mut, signifikant steigerten. Er wankte noch einige Schritte nach vorn, wodurch er gleich mehrere Schüsse auf sich lenkte bevor er zusammenbrach.

Clint stürmte direkt hinter ihm herein. Er stand jetzt direkt vor einem der Verteidiger, einer blonden Terranerin die nun in den Nahkampf überging. Sie versuchte Clint dem Ellbogen in die Bauchgegend zu rammen, dieser wich aber aus und Alnak, der sich, sein Bewegungsmoment nutzend, auf die Terranerin stürzte, bekam den Hieb auf die Rippen ab, stürzte aber zusammen mit der Terranerin zu Boden.

Clint stürmte weiter vorwärts auf den zweiten Verteidiger zu. Der hochgewachsene Mann kam gar nicht dazu, noch einmal zu schießen, denn der Halbbreen schmetterte ihm mit einem Tritt den Phaser aus der Hand. Kurz darauf brachte der Föderierte aber seinen Widersacher mit einem Kinnhaken zu Boden. Er holte hinter seinem Rücken einen zweiten Phaser hervor und zielte auf den am Boden liegenden Clint.

Bevor er jedoch schießen konnte, sprangen ihn 40 Kilo Ferengi an. Gorm klammerte sich mit Füssen und Beinen am Oberkörper des Sternenflottencaptains fest und biss ihm in die Nase.

Alnak hatte inzwischen mit der Terranerin zu kämpfen, auf der er lag. Sie stieß ihm mit der Stirn ins Gesicht und wälzte sich zusammen mit ihm um, sodass sie nun oben lag. Auf dem Cheftechniker der Venture hockend, prügelte sie auf ihn ein. Er hielt sich die Arme schützend vors Gesicht, allerdings bewahrte ihn dies nicht vor ihren energischen Attacken.

Schließlich wurde er erlöst, als Clint auf die nicht gerade feine vulkanische Art, seinen Phaser als Keule nutzend gegen ihre linke Wange schlug. Sie wurde besinnungslos und gab den Romulaner frei. Gorm hatte sich fest in die Nase des Föderierten verbissen, dessen Blut in kleinen Fontänen nach allen Seiten spritzte. Der Sternenflottencaptain stürmte vor und schmetterte, den Ferengi als Rammbock nutzend, Clint gegen die nächste Wand.

Bevor er jedoch diesen auch noch zwischen Wand und Ferengi zerquetschen konnte, stürzte er zu Boden, als sich Alnaks Arme um dessen Beine schlangen. Ferengi und Föderierter fielen auf den bewusstlosen Chi-Lo. Alnak rappelte sich hoch, hob einen auf dem Boden liegenden Phaser auf und schoss auf den humanoiden Körperhaufen. Da sich die Phaserenergie zum Teil auf drei Körper übertrug, musste er zweimal schießen bis Ruhe herrschte.

"Gorm, alles OK?", fragte er besorgt in Richtung des Knäuels aus Armen und Beinen. Es erklang eine gedämpfte Stimme, die so etwas wie "Holt mich her raus!" sagte. Zusammen mit dem sich mühsam aufrichtenden Clint, befreiten sie den Ferengi von seinem föderativen Ballast.

"Das war’s dann wohl", sagte Alnak zufrieden, "Gorm sieh mal nach, was mit den Computern los ist, und Clint hilft mir mit dem Ballast" Zusammen trugen sie die beiden Sternenflottenoffiziere an Bord der Utopia und transportierten Viktor und Chedu an Bord des gekaperten Shuttles, letzten Endes auch Anjols Leiche.

Gorm hatte das Ressourcenfressende Unterprogramm inzwischen beseitigt, und bald darauf flog der eroberte Shuttle mit Maximalwarp Richtung Venture.

Stardust Venture