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Crossover 31 - Besäufnis im Arboretum

(Atlantis 36, Venture 60)

--- Venture, Deck 5, Gänge

Eilig warf Veronica einen hastigen Blick in die Spiegelung eines Fensters und kämmte sich die Haare noch einmal zurecht, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte. Verdammt, sie hatte völlig die Zeit vergessen. Als sie vor ein paar Tagen auf der Brücke vor sich hingeträumt und es versäumt hatte, ein paar Daten auszuwerten, hatte Hisaki sie beiseite genommen und ihr restlos klar gemacht, warum er in den nächsten Tagen ein paar Zusatzschichten von ihr auf der Brücke sehen wollte.

Ihre Kollegen sagten, Hisaki sei kein Schinder, aber Veronica war sich da nicht so sicher. Sie war überzeugt davon, dass der Mann ihren Namen nur kannte, weil sie ihm negativ auffiel. Bei der Erinnerung an ihren Patzer wurde sie automatisch rot.

"Huch!"

Sie war mit einem Vulkanier zusammengestoßen, den sie nicht kannte. Er warf ihr einen bösen Blick zu, murmelte etwas über respektlose Kinder in sich hinein und setzte seinen Weg fort, ohne sie weiter zu beachten.

"Muss sie finden... muss sie finden", hörte sie ihn murmeln, aber als ihr nachträglich sein Name einfiel und sie ihm ein fragendes "Tilek?!" hinterher rief, antwortete er nicht. Kopfschüttelnd setzte sie sich wieder in Bewegung, warf einen Blick auf ihr Chronometer und hatte den Mann nach wenigen Sekunden wieder vergessen.

--- Deck 4, Hauptlabor

Einige Minuten, nachdem Tilek mit dieser unsäglichen Kommunikationsfrau zusammengestoßen war, erreichte er das Wissenschaftslabor. Rasch sah er sich um. Von Hunter war keine Spur zu sehen. Nur an einer der hinteren Konsolen arbeitete Gorm, der Ferengi-Wissenschaftler vor sich hin.

Bewusst zügelte Tilek sich, um seine Emotionen wieder unter Kontrolle zu bringen, und nickte dem Ferengi steif zu. Er ging nicht zum ersten Mal in das Pon Farr - auch wenn es noch nie so heftig und verfrüht ausgebrochen war -, und er besaß viel Übung. Der logische Weg wäre, Jordan Kincaid zu informieren. Allerdings hatte die Brücke ihn auf seine Anfrage hin informiert, dass die Ärztin als medizinischer Notfall von Bord gebeamt worden war. Die medizinischen Hilfskräfte waren nicht qualifiziert, um ihm zu helfen.

So. Er brachte sich wieder unter Kontrolle. Der Drang, der wilden Bajoranerin nachzustellen, ließ langsam nach. Mit ruhigen Händen begann er, sich ein Medikament zusammenzustellen, das ihn beruhigen und ihm helfen würde, das Pon Farr mittels Meditation zurück in die richtigen Bahnen zu lenken. Da seine Instinkte sich auf die Bajoranerin versteift hatten, würde ihm nun genug Zeit bleiben, eine Simulation von ihr zu erschaffen und sich auf ein Holodeck zurückzuziehen, auf das Kincaid ihm uneingeschränkten Zugriff gestattet hatte.

Trotzdem reagierte er unwillkürlich gereizt, als Gorm neben ihm zu plappern begann.

"Ich studiere immer noch meine K'Nagh Würmer", bemerkte der Ferengi im Plauderton und sah mit glänzenden Augen auf ein Terrarium, das neben ihm stand. "Natürlich muss ich sie bald zurück zum Warpkern bringen, damit sie nicht sterben. Aber ich habe sie alle wieder eingefangen. Naja, fast alle. Ungefähr sechzig Prozent. Aber niemand hat sich über Würmer in seinem Bett beschwert, also nehme ich an, sie sind gestorben." Einen Moment lang fiel sein Gesicht zusammen. Dann hellte es sich wieder auf. "Aber es sind so faszinierende Wesen! Sie haben einen kollektiven Geist. Sie nehmen die Emotionen von telepathischen Spezies instinktiv auf und geben sie an ihre Artgenossen weiter. Und dann übertragen sie sie auf jeden, der sich in ihre Nähe begibt. Ist das nicht faszinierend?"

"Sehr faszinierend", gab Tilek abgehackt zurück, ohne den Vortrag wirklich gehört zu haben. Er brauchte dieses verd... Er brauchte das Medikament. Dringend. Der Bajoranerin weiter nachzustellen war indiskutabel.

Als er zu einer Konsole wechselte, die Gorm näher war, fingen die K'Nagh Würmer aufgeregt an zu zittern.

--- Irgendwo auf der Venture

Der K'Nagh Wurm hatte wochenlang in einem Zustand der Stasis an der Decke gehangen.

Jetzt begann er zu zittern.

Langsam begann er von innen heraus zu glühen - ein winziger rotpulsierender Punkt an der Wand.

Eine Minute später hatte er genug orangenen Schleim abgesondert, um sich mit einem leisen schmatzenden Geräusch von der Decke zu lösen, und fiel sanft hinab...

Er landete unbemerkt genau auf einem Kopf.

--- Atlantis, Krankenstation

Llewella blickte den Sicherheitschef der Venture irritiert an und fragte sich nicht zum ersten Mal, was McCarthy veranlasst hatte, ihm so einen Posten anzuvertrauen. Ein Sicherheitschef hatte in Llewellas Augen doch etwas anders auszusehen. Nichts gegen das brillante Gehirn des Niederländers, aber irgendwie tat sich die Schottin doch immer ein wenig schwer, den Mann ernst zu nehmen.

Ein Lächeln umspielte die Lippen der Rothaarigen, als sie an Pormas dachte. Der war da doch ein ganz anderes Kaliber...

Sie riss sich zusammen, als ihr Blick wieder auf Jordan fiel. Sie spürte, ein wenig peinlich berührt, wie leichte Röte ihr ins Gesicht stieg, als ihr klar wurde, dass sie hier stand und von Pormas träumte, anstatt ihre Arbeit zu tun. Hoffentlich hatten die beiden ihren kurzen Aussetzer nicht bemerkt.

Was hatte Wagenvoort gesagt gehabt? Ach ja ... etwas von wieder gehen. Fragend blickte Llewella Jordan an und ihre Augen schienen dieselbe Frage zu stellen wie vorhin zu Forges Anwesenheit.

Jordan hatte sich ein Lächeln verkniffen, als sie den verträumten Ausdruck bemerkt hatte, der über die Miene der Ärztin geglitten war. Sie hatte in Gesprächen ihrer tratschenden Mitarbeiter gehört, dass die Hormone gerade auf der Atlantis nur so erblühten. Vielleicht war ja auch ihre Kollegin betroffen.

Auf Llewellas fragenden Blick hin zögerte sie kurz. Einerseits wusste sie ihre Privatsphäre zu schätzen - legte deshalb auch bei ihren Patienten großen Wert auf Diskretion -, aber andererseits tat ihr Wagenvoorts Verlegenheit sofort leid. Sie fühlte sich geschmeichelt, dass er auf die Atlantis gebeamt hatte, um nach ihr zu sehen, und ihn wieder wegzuschicken, wäre unhöflich.

'Was soll's', dachte sie. 'Wir ermitteln zusammen an Sexorgien herum, sind gemeinsam vom Tal'Shiar verhört worden, und ich kenne seine Krankenakte auswendig. Fair ist fair.'

"Setzen Sie sich ruhig", wandte sie sich an den Sicherheitschef. "Es dauert nicht lange." Dann drehte sie sich erwartungsvoll zurück zu Llewella um. Sie war nicht oft selbst Patientin, und sie hatte entschieden, dass es ihr nicht gefiel. Es brannte ihr in den Fingern, in ihre Krankenstation zurückzukehren und selbst ein paar Scans durchzuführen. Sie war zuversichtlich, dass Dr. Campbell wusste, was sie tat, aber darum ging es nicht.

"Aye, in Ordnung", entspannt setzte sich die Schottin auf das benachbarte Biobett und überließ Wagenvoort den einzigen Stuhl in Reichweite. Niemand sonst war in der Krankenstation, so dass sie ganz unbefangen miteinander reden konnten. Die Schottin ließ ihre langen Beine baumeln.

"Um auf Ihre Frage zurückzukommen, Dr. Kincaid... Ja, vermutlich hängt es mit dem AV-Block zusammen. Den konnte ich nämlich vorher auch feststellen. Plötzliche Bewusstlosigkeit im Zusammenhang mit einem AV-Block passt ziemlich gut zum Adams-Stokes-Syndrom, das muss ich Ihnen sicher nicht näher erläutern. Dazu passt auch, dass Sie sich nicht an die letzten Ereignisse erinnern konnten."

Die Schottin blickte gutgelaunt zu ihrer Kollegin, die schon wieder einen recht passablen Eindruck machte. "Wenn Sie mich fragen - Sie haben kein Problem mit dem Herzen. Oder genauer gesagt - kein primäres Problem. Ihr Hauptproblem, wenn Sie mir die Offenheit gestatten, ist Ihr ...", Llewella suchte nach den richtigen Worten. Säße Wagenvoort nicht daneben, hätte sie nicht nach vorsichtigeren Formulierungen gesucht. "... nun ja, um es auf den Punkt zu bringen: Ein paar Kilo mehr auf den Rippen würden Ihnen nicht schaden."

So leise wie möglich hatte Ruben sich auf den freigewordenen Stuhl gesetzt, nachdem er sich mit einer nickenden Geste bei Llewella bedankt hatte.

Als er Platz genommen hatte, hatte der Stuhl leicht unter seiner Last geächzt, so als wenn er seinen neuen Benutzer nicht akzeptiert hätte. Und bei jeder weiteren Bewegung des Sicherheitlers knarrte er weiter leise vor sich hin.

Der Niederländer hätte schwören können, dass dies vorher bei der Ärztin nicht der Fall gewesen war. Und dabei war er ja nicht dick oder so. Wenn man so viele Lebensmittelallergien wie Ruben hatte, war es eigentlich unmöglich dick zu werden.

Er hätte wohl eher, wie Miss Campbell es formuliert hätte, "ein paar Kilo mehr auf den Rippen vertragen". Das wäre auch sicher gut für seinen Kreislauf gewesen. Morgens brauchte er bestimmt fünf Minuten, bevor er überhaupt aufstehen konnte...

Aber er war ja nicht wegen seiner eigenen Beschwerden hier, sondern um Jordan beizustehen. Aus vielen Büchern, die er gelesen hatte, wusste er, dass Mediziner im Ruf standen, selbst die schlechtesten Patienten zu sein.

Den Eindruck hatte Jordan eigentlich bisher nicht auf ihn gemacht.

Etwas verlegen wartete er trotzdem still ab, wie sie reagieren würde.

Jordan war bei den Worten der Ärztin immer unbehaglicher geworden. Es war wahrscheinlich eine natürliche Reaktion: Jemand mit der überlegenen Autorität eines Mediziners visierte einen an und zwang die Person, persönlichem Versagen ins Auge zu sehen, obwohl es natürlich unsinnig war, gesundheitliche Probleme als persönliches Versagen zu betrachten.

Aber Campbells vorsichtige Ausdrucksweise bei ihrer endgültigen Diagnose hatte sie dann doch wieder aufgeheitert. Innerlich schüttelte sie den Kopf über sich selbst. Das war alles sehr albern. Sie war mal eine hochrangige Sternenflottenoffizierin gewesen, sie sollte sich nicht so anstellen. Für Campbell bestand keinerlei Grund, um den heißen Brei herumzureden.

Vor allem, da sie in Männerkleidern auf dem Biobett saß, in denen sie aussah wie ein sehr großes Kind - und warum war das Jordan nicht vorher aufgefallen?

"Untergewicht", antwortete sie mit einem Funkeln in den Augen. "Sie meinen, ich habe Untergewicht." Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. "Damit haben Sie wohl Recht. Kann ich die Scanwerte mal sehen?"

Die Ärztin reichte ihr ihren Tricorder, und Jordan versenkte sich einen Moment lang in die Ergebnisse. Bei so einer kleinen Sache gab es nicht viel zu interpretieren. Ginge es um eine ihrer Patientinnen, würde sie sie um gut zehn Kilo aufpeppen. Untergewicht führte zu Herzproblemen, Kreislaufstörungen und einem schwachen Immunsystem. Sie fragte sich, warum Cailin sie nie darauf angesprochen hatte - oder hatte sie, und sie hatte nicht hingehört? Sie konnte sich nicht erinnern. In der Sternenflotte wäre sie jedenfalls in den Urlaub geschickt worden.

Dankend gab sie ihrer Kollegin das Gerät zurück. "Ich werde regelmäßiger frühstücken", versprach sie ihr. "Sie wissen ja, wie das ist. Ich bin den ganzen Tag im Dienst. Da bleibt manchmal keine Zeit für einen gesunden Tagesrhythmus." Mahlzeiten wurden übersprungen, Schichten wurden sehr frei als solche interpretiert, und wenn ein Notfall eintraf, während sie schlief, musste sie halt aufstehen und auftauchen, seit Cailin regelmäßig in ihrem Kokon verschwunden war.

"Vielen Dank für Ihre Diagnose, Doktor", fuhr sie fort. "Es tut mir leid, dass Sie wegen mir Arbeit hatten. Ich muss jetzt ebenfalls meinen Dienst wieder aufnehmen."

Als hätte sie Zeit oder Gelegenheit, um sich über ihre Ernährung Gedanken zu machen! Sie hatte nichts dergleichen vor. Sie gehörte einfach zu der Sorte dürrer Frauen, die von Stress ab- und nicht zunahmen, und an ihrem Dienstplan ließ sich einfach nichts ändern. Sie war untergewichtig, nicht krank. Damit war die Sache für sie erledigt.

"Aye, Sie können selbstverständlich jederzeit gehen", antwortete die hochgewachsene Ärztin leichthin und ließ sich von dem Biobett, auf dem sie saß, wieder auf den Boden hinab gleiten. Noch einmal warf sie einen Blick auf ihre Kollegin. Sie wurde das unangenehme Gefühl nicht ganz los, dass diese augenblicklich weniger Stress hatte, als sie zu haben vorgab.

Erst wollte sie mit ihr reden - dann wimmelte sie sie schnellstmöglich ab. Das kam der Schottin reichlich seltsam vor.

Lag es vielleicht an der Anwesenheit des Sicherheitlers? Kincaid hatte zwar explizit darauf hingewiesen, dass er bleiben könne - aber war sie auch wirklich von ihren Worten überzeugt gewesen?

Noch einmal wandte sich die Schottin Jordan zu, bevor diese ging. "Sie sollten daran denken, dass Sie niemandem einen Gefallen tun, wenn Sie noch einmal zusammenklappen, weil Sie Ihr Wissen ignorieren!", eindringlich blickte sie der kleineren Frau ins Gesicht. "Ich weiß sehr gut, wie die Arbeit auf einem Schiff aussieht, wenn man der einzige Arzt ist. Und die Atlantis ist nicht gerade kleiner als die Venture..."

Als sie bemerkte, dass Jordan sie mit einem beinahe grimmig anmutenden Blick betrachtete, fuhr sie fort: "Diese Bewusstlosigkeit war eine Warnung, das wissen Sie genauso gut wie ich. Was passiert, wenn Sie wieder zusammenklappen? Und die Atlantis nicht in Reichweite ist? Wer kümmert sich dann um die Besatzung?"

Um ihrer Kollegin nicht noch mehr zuzusetzen, brach Llewella ab, obwohl sie noch einiges mehr auf Lager gehabt hätte. Vermutlich machte sie sich gerade ziemlich unbeliebt. Die Schottin unterdrückte ein raues Auflachen. Irgendwie schien sie doch immer Differenzen mit Engländern zu haben - auch wenn sie es in diesem Fall wirklich nicht darauf angelegt hatte...

Jordan versuchte, nicht die Lippen aufeinanderzupressen. Sie wusste Campbells Hilfe ja zu schätzen, aber sie brauchte trotzdem nicht die Ärztin eines Piratenschiffs, kompetent oder nicht, um sich über die Implikationen des Adams-Stokes-Syndroms aufklären zu lassen. Hätte der Antrieb der USS Hannibal damals nicht versagt, wäre die Welt nur ein bisschen anders, würde sie heute immerhin wahrscheinlich in der Sternenflottenakademie stehen und über das verdammte Syndrom dozieren.

"Wie gesagt", wiederholte sie kühl und geduldig. "Ich werde frühstücken. Selbst, wenn ich es nicht täte, sind meine Mediziner alle gut ausgebildet und fähig, mit einer Ohnmacht fertig zu werden, zumal ich sie über das Problem in Kenntnis setzen werde. Das ist nur eine Frage der Organisation."

Sie erinnerte sich flüchtig an die Tatsache, dass sie Campbell vor nicht allzu langer Zeit eine vollkommen unorganisierte schiffsweite Impfung abgenommen hatte, während Campbell am Bett eines Patienten saß und sich dann, wie sie gehört hatte, in irgendein wildes Abenteuer des Sicherheitschefs verwickeln ließ - der gleiche Mann, wohlgemerkt, dessen Zustand sie zuvor noch als so kritisch eingestuft hatte, dass sie ihn über die Sicherheit ihres Schiffs stellte. Sie zweifelte Campbells fachliche Kompetenz nicht an (immerhin lebte Theocrates, im Gegensatz zu Jefferson und dieser Connor, und das sagte einiges), aber wer von ihnen beiden seine Krankenstation besser im Griff hatte, stand überhaupt nicht zur Debatte. Da musste sie sich nicht tadeln lassen, als sei sie eine Medizinstudentin.

Und dass sie in Wirklichkeit defensiv wurde, weil Campbell recht hatte, schloss sie ganz einfach aus ihrer Wahrnehmung aus. Ärzte waren halt wirklich miserable Patienten.

"Es wäre freundlich, wenn Sie mir die Untersuchungsergebnisse auf die Krankenstation der Venture übermitteln würden", fügte sie hinzu. "Für meine Akte. Noch einmal vielen Dank für Ihre Hilfe, und guten Tag. Ruben?"

Mit einem auffordernden Blick zum Sicherheitschef ihres eigenen Schiffes wandte sie sich zum Gehen.

"Äh, ja, sicher", erwiderte dieser.

Als die Unterhaltung sich zugespitzt hatte, war Ruben schon besorgt aufgestanden, hatte dann aber nicht wirklich gewusst, was er hätte tun oder sagen können.

Abwartend war er stehengeblieben, hatte das verbale Kräftemessen und die stechenden Blicke der beiden Frauen stumm beobachtet. Er hoffte wirklich, dass Jordan wusste, was sie da tat.

Sein medizinisches Halbwissen sagte ihm deutlich, dass die Engländerin fachlich im Unrecht war. Andererseits war er selbst wohl kaum in der Position, über sie zu urteilen. Immerhin sah er selbst aus wie eine Bohnenstange.

Kincaid war bereits vorgegangen, hatte Llewella mit keinem Blick mehr gewürdigt. Seufzend ging Wagenvoort hinterher, warf der Ärztin der Atlantis noch einen entschuldigenden Blick zu.

--- vor der Krankenstation

"Vielleicht sollten Sie doch auf den Rat hören, Jordan"

Zaghaft hatte Ruben die Worte an die Ärztin gerichtet; er konnte einfach nicht anders und hoffte, dass sie es sich zu Herzen nahm und sich nicht bewusst weiter in Gefahr brachte.

Auch wenn jetzt ein Unwetter über ihn hereinbrechen möge.

Im selben Moment bemerkte er, wie dieser Forge sich näherte. Anscheinend hatte er die ganze Zeit vor der Krankenstation gewartet.

Jordan warf dem Niederländer einen irritierten Blick zu.

"Ich werde auf ihren Rat hören", erwiderte sie spitz und ungeduldig. "Ich habe Untergewicht. Deshalb werde ich frühstücken und die wichtigste Mahlzeit am Tag zu mir nehmen." Rubens Gesicht war sichtlich zusammengefallen, und die Ärztin zügelte sich bewusst. Wagenvoort machte sich schließlich nur Sorgen. Wenn sie recht darüber nachdachte, war das wirklich rührend. Heute Morgen hatte sie sich noch Sorgen darüber gemacht, dass sie niemanden an Bord näher kannte. Jetzt erhielt sie von ihm Krankenbesuch - und alles dank ein paar wirklich hübscher Fische.

"Es gibt zu diesem Thema wirklich nicht mehr zu sagen", fügte sie in einem entschuldigenden Ton hinzu. "Dr. Campbell hat recht, wenn sie sagt, dass ich auf mein Gewicht achten muss. Warum sie das dermaßen impertinent betont hat, ist mir allerdings schleierhaft." Beim letzten Satz war eine leichte Spitze in ihre Stimme zurückgekehrt. Erst heute Morgen hatte sie versucht, Dr. Campbell zu kontaktieren, weil sie wusste, dass Selbstdiagnosen eine miserable Idee waren. Die Implikation, dass sie mit einer solchen Lächerlichkeit nicht zurechtkam, war eine Frechheit.

Ruben erwiderte nichts, anscheinend war die Ärztin mit dem Thema durch und er vermutete, dass jedes weitere Wort außer Widerstand zu nichts führen würde.

Vielleicht würde er es zu einem späteren Zeitpunkt nochmals versuchen.

Vielleicht würde er Jordan sogar zum Frühstück einladen...

Milde lächelnd hielt er sich an dem angenehmen Gedanken fest.

Sie richtete sich ein wenig auf, als Forge sie erreichte, der ein Stück abseits gestanden hatte und bei ihrem Auftauchen näher geschlendert war. "Mr. Forge", sagte sie förmlich und streckte ihm die Hand entgegen. "Vielen Dank, dass Sie mich herbringen lassen haben. Eine so schnelle Reaktionsfähigkeit ist sehr wertvoll."

Nach außen hin ein wenig peinlich berührt über das Gespräch, was er nicht überhören konnte, ergriff der Risaianer die Hand der Ärztin. "Vielen Dank Ms Kincaid, aber ich habe nur das getan, was jeder getan hätte... vielleicht einen minimalen Zacken schneller...", lächelte er sie charmant an.

--- Venture, Brücke

Entspannt saß Hisaki auf dem Kommandosessel der Venture und beobachtete das rege, wenn auch ruhige, Treiben auf der Brücke. Ein kurzer Blick auf den Chronometer zeigte ihm an, was er befürchtet hatte. Veronica Aillard kam mal wieder zu spät.

Die Stirn des Japaners legte sich in Falten, als er ihr letztes Gespräch in Gedanken abspielte. Die Frau verbarg irgendetwas. Aber ob es sie belastete, oder ins Gegenteil verschlug, konnte er leider nicht sagen. Dafür kannte er sie zu schlecht, obwohl er sich sicher war, dass sie eine nette Person war.

Auch wenn sie ihn offensichtlich nicht leiden konnte.

Mit einem Zischen öffnete sich die Turbolifttür und Veronica stürzte hinein und verharrte auf der Stelle, als sie des Japaners ansichtig wurde. Dieser stand auf und ging ins Besprechungszimmer, die junge Frau hinter sich her winkend.

--- Besprechungszimmer

Ohne ein Wort beschied Kuzhumo Veronica sich zu setzen. Er blickte sie fragend an, als er zu sprechen begann, "Ms Aillard. Wir hatten vor kurzem ein Gespräch. Möchten Sie mir nicht sagen, worum es dabei ging?"

Veronica schluckte, und sie spürte, wie ihr ein Hauch von Rosa in die Wangen stieg. Hisaki klang, als sei sie ein kleines Kind - aber wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich auch wie ein kleines Kind, sobald der erste Offizier sie wahrnahm.

Sie schätzte, dass das einer der Gründe war, aus denen sie sich auf der Brücke immer so still verhielt und nur zu Wort meldete, wenn sie unbedingt musste...

Sie räusperte sich. "Ich arbeite zusätzliche Schichten, Sir", rezitierte sie in bester Fähnrichsmanier. "Um wieder gut zu machen, dass ich vorige Woche nur körperlich anwesend war."

Aber Herrgott noch mal, sie langweilte sich auf der Brücke. Sie hatte kurz zur Beförderung zum Lieutenant Jr. gestanden, als die Hope zur Venture wurde, und dann hätte ihr der Weg in den diplomatischen Dienst freigestanden, oder wenigstens eine Kommandolaufbahn, weg von der verdammten Kommunikation.

"Aber Sir", fügte sie rasch hinzu. "Ich..." Sie erglühte unter Hisakis durchdringendem Blick. Sie räusperte sich und fixierte einen Punkt an der Wand. "Es war ein einmaliges Versäumnis, Sir. Es kommt nicht wieder vor."

Natürlich unterstützte sie die Mission der Venture, deshalb war sie ja hiergeblieben. Aber das hieß nicht, dass sie für den Rest ihres Lebens eingefroren als Fähnrich hinter der Kommunikationskonsole stehen *und* sich darauf konzentrieren konnte.

Hisaki antwortete nicht direkt, sondern ließ die letzten Worte im Raum hängen. Es war offensichtlich, dass die junge Frau vor ihm log. Sein Verdacht, dass sie mehr teilnahmslos als motiviert ihre Arbeit verrichtete wurde in dem letzten Vorfall nur bestätigt. Nachdem er ihr ins Gewissen geredet hatte, hatte er sich in Ruhe ihre Akte angeschaut.

Rückblickend fragte sich der Japaner, warum das niemand vor ihm, oder er selber früher, gemacht hatte. Schließlich saß vor ihm eine hochbegabte junge Frau, die nur durch den Umstand, dass sie höheren Idealen auf der Venture folgte, ihre zweifellos erfolgreiche Karriere verbaut hatte.

Angeregt durch die Beobachtung des Transporterchiefs, hatte sich der 1. Offizier einmal die Arbeitsbeschreibungen verschiedener Posten angeschaut. Der Posten der Kommunikation auf einem Schiff, welches von allen Seiten gejagt wurde, war mit Abstand der fadeste. Den Gedanken, warum er keinen Zugriff auf die Arbeitsbeschreibung der Transporterchiefs bekam, stellte er hinten an.

"Ms Aillard... wir wissen Beide, dass das nicht ganz der Wahrheit entspricht...", begann Kuzhumo und wie erwartet schien sich die junge Frau zu versteifen, "wir sollten uns über ihre Zukunft unterhalten.", auch diese Worte ließ Hisaki im Raum hängen. Interessiert beobachtete er, wie sich Veronica noch mehr zu versteifen schien. Kuzhumo wollte nicht wissen, was die junge Frau erwartete, oder von ihm dachte. Das Folgende bestimmt nicht.

"Sie sind eine begabte junge Frau. Nur die äußeren Umstände der Venture haben bis jetzt verhindert, dass Sie befördert wurden. Die Frage ist nun, wenn ich Sie jetzt befördere: welcher Posten würde Sie nicht langweilen?"

"Befördern, Sir?", wiederholte Veronica baff. Dann öffnete sie ihren Mund und schloss ihn wieder, weil ihr einfach nicht die richtigen Worte in den Sinn kamen.

"Man kann auf der Venture nicht befördert werden", fuhr sie schließlich verwirrt fort. "Schließlich wird niemand versetzt, und alle Posten sind besetzt... und K'bal kommt gut mit Cheyennes altem Posten zurecht, und ich habe so ein großes Schiff noch nie geflogen..."

Sie räusperte sich und kam verlegen zum Schweigen, um sich zu sammeln. Hisakis Frage war das letzte, was sie erwartet hatte. Ja, die Frage war Musik in ihren Ohren und ließ ihren Kopf schwirren. Aber sie hatte unzählige Male über genau dieses Problem nachgedacht und wusste, dass es nicht lösbar war.

"Ich wollte mich eigentlich auf einen Posten im diplomatischen Dienst bewerben", gab sie zu. "Und der alte erste Offizier der Hope hat mit mir über eine Kommandolaufbahn gesprochen. Das hätte mir gefallen. Aber ich verstehe, dass das jetzt nicht mehr möglich ist. Sir", schloss sie fest.

"Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.", entgegnete der Japaner streng. Er war immer wieder verblüfft, wie schnell junge Leute aufgaben, oder ihre Ziele verloren gaben. Sicher waren die Umstände auf der Venture nicht einfach, aber die Crew musste unbedingt wieder ihren Optimismus finden.

Nur deshalb hatte er seine Erlaubnis für die Motto-Partys gegeben. Der 1. Offizier nahm sich vor mit McCarthy über die Situation zu reden.

Jetzt galt es erstmal, wenigstens einen Einzelfall glücklich zu machen. Auch wenn dieser aufgrund der Schelte noch geknickter als zuvor zu sein schien.

"Ms Aillard. Hiermit befördere ich Sie zum Lieutenant Jr. Captain McCarthy und ich sind beide der Meinung, dass Sie dem Schiff in Zukunft wertvolle Dienste als Vermittlerin leiten können. Das ist zwar nicht zu vergleichen mit einer Karriere im diplomatischen Corps der Sternenflotte, aber nicht minder fordernd.

Sie werden mir direkt unterstellt sein und eine Ausbildung zum Kommandooffizier durchlaufen. Das bedeutet, dass Sie alle Brückendienste verrichten werden und auch erlernen werden.

Es bedeutet aber auch, dass Sie jede Arbeit an Bord einmal übernehmen werden, auch wenn das Hauptaugenmerk auf die Kommandoaufgaben liegt. Denn man darf von Untergebenen nichts verlangen was man nicht selber zu machen bereit ist."

Das Gesicht der jungen Frau spiegelte Fassungslosigkeit, gemischt mit einer unter der Oberfläche noch nicht realisierten Glückseligkeit. Der Japaner war sich bewusst, dass diese Neuigkeiten sie mehr oder weniger überrannten.

Schweigend ging Kuzhumo um den Tisch herum, bis er vor Veronica stand. Er griff in seine Tasche und holte ein kleines Samtkissen mit runden Rangabzeichen heraus.

"Eigentlich ist das alles die Aufgabe des Captains, aber ich hatte ihn gebeten mir die Ehre zu überlassen.", mit diesen Worten legte er den Gegenstand in die Hand der Frau, "Mir ist bewusst, dass Sie diese nicht tragen werden, aber nehmen Sie es als Zeichen meiner Wertschätzung an. Sie haben lange genug darauf gewartet und es sich verdient."

Überwältigt sah Veronica auf den Rangpin, den der erste Offizier ihr in die Hand gedrückt hatte.

Zum möglicherweise ersten Mal seit einem Jahr waren alle Gedanken an ihr aufregendes Privatleben vollkommen weggewischt. Sie hatte mit dem Traum von Karriere vollkommen abgeschlossen gehabt. Ruhm und Ansehen in der Sternenflotte waren ihr dabei nicht einmal wichtig gewesen: aber die Vorstellung, eine wertvolle Arbeit zu leisten und ihren Kopf für etwas zu benutzen, das wichtig war, das schon. Mit ihrer selbständigen Mutter als Vorbild, die in ihrem Beruf aufging, war das immer ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens gewesen, sogar als sie ein kleines Kind war.

In der Anfangszeit der Venture hatte sie sich die Sache noch nicht mal aus dem Kopf geschlagen. Immerhin brauchte Captain McCarthy immer noch kompetente Leute, und jedes Crewmitglied, das an Bord blieb, war hoch geschätzt worden, brachte notwendige Erfahrungen und Fähigkeiten mit. Es war eine Ehre gewesen, unter McCarthy an Bord zu bleiben, auch wenn sie den alten Knacker nie als Mensch gemocht hatte.

Aber dann waren Leute wie Anjol, Yhea Alnak, Jordan Kincaid und Ruben Wagenvoort an Bord gekommen, kompetente Offiziere und abgedrehte Genies, die in der Sternenflotte durchs Normraster gefallen wären oder, wie sie gerüchteweise über die Ärztin gehört hatte, wegen Direktivverstößen aussortiert worden waren. Nachwuchsoffiziere wie Veronica, denen noch etwas Erfahrung fehlte und die sich aus Nervosität im Hintergrund hielten, waren untergegangen. Spätestens, als sie die Kommunikationsstation so auswendig kannte, dass sie sie blind bediente, und ganz einfach das Interesse verlor, hatte sie diesen Teil ihres Lebens innerlich abgehakt. Immerhin war sie jetzt wirklich niemand mehr, der dem Captain positiv auffiel.

Sie hätte wirklich nie damit gerechnet, dass ausgerechnet Hisaki sie bemerken könnte. Sie hatte nur manchmal Alpträume davon gehabt, dass er eines Tages in eine ihrer 'Partys' stolpern und entrüstet versuchen würde, seine stoische Miene zu bewahren. Okay, zugegebenermaßen waren das keine Alpträume, sondern eher welche, aus denen sie erwachte, weil sie kichern musste.

Rasch vertrieb Veronica das Grinsen, das in ihr Gesicht stieg. Sie konnte es immer noch nicht fassen. Aber ihre Augen strahlten.

"Ich... danke, Sir", stotterte sie. "Ich werde Sie nicht enttäuschen." Jetzt musste sie doch breit grinsen, und sie konnte sich nicht verkneifen, formvollendet vor Hisaki zu salutieren.

Der Japaner nahm diese Geste positiv überrascht auf und erwiderte sie. Er hoffte ehrlich, sie würde Recht behalten und ihn nicht enttäuschen. Aber schon allein ihre Freude über die Beförderung und die ehrliche Respektsbezeugung waren mehr, als er je von ihr erwartet hatte.

Hisaki war froh, dass sie sich scheinbar mit der Beförderung aus ihrem Motivationsloch befreit hatte. Er hatte keine Zweifel, dass es noch einige Hochs und Tiefs geben würde, spätestens wenn sie der Putzkolonne zugeteilt werden würde.

Der erste Offizier nahm seinen Arm wieder runter und tippte auf eine Taste auf einem PADD. "Hiermit habe ich Ihnen alle Unterlagen zugeschickt, wie auch die Zuteilung für Zeit und Ort Ihrer Schichten. Zusätzlich dazu werden Sie ein paar Termine finden, an denen ich Ihnen ein paar Inhalte, die außerhalb des normalen Curriculums stehen, vermitteln möchte.

Wenn Sie zu alledem Fragen haben, können Sie das jetzt tun, oder jederzeit auf mich zurückkommen."

"Nicht im Moment, Sir", erwiderte Veronica. "Ich komme darauf zurück."

Sie schüttelte den Kopf. Das neue Konzept passte immer noch nicht ganz hinein. Sie konnte es nicht erwarten, ihrer Freundin Lisa davon zu erzählen! Es war lange her, dass sie etwas gehabt hatte, das sie Lisa erzählen konnte, ohne dass die Krankenschwester leicht angeekelt die Lippen verzog.

Sie räusperte sich. "Die Kommunikation ist nicht besetzt, ich sollte meinen Dienst wieder aufnehmen..." Unsicher sah sie Hisaki wieder an. "*Soll* ich meinen Dienst wieder aufnehmen?"

Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie ihr Dienstalltag in Zukunft aussehen würde.

"Gut, dass Sie fragen...", mit einem tiefgründigen Lächeln winkte er die Frau hinter sich her auf die Brücke.

--- Brücke

Mit gehobener Stimme setzte er an, "Lieutenant Jr. Aillard, bitte." Nach diesem kurzen Befehl, wies der Japaner die junge Frau auf den Platz des Piloten, den der Inhaber bereitwillig räumte und sich verabschiedete.

Die scheinbar verunsicherte Terranerin nahm Platz. Hisaki gab ihr darauf ihre Anweisungen, "Ihre erste Aufgabe wird sein, sich soweit mit der Navigationskonsole vertraut zu machen, dass wir in ein paar Stunden ein paar einfache Manöver fliegen können."

Ohne weiterführende Bemerkungen setzte der Erste Offizier sich auf den Kommandosessel und formulierte eine interne Mitteilung um die Mannschaft über den neuen Lieutenant zu informieren und beschäftigte sich danach mit dem üblichen Papierkram.

Unauffällig hatte er in einem kleinen Fenster auf seinem PADD die Navigationskonsole im Blick. So konnte Veronica sich noch so oft umschauen, Hisaki würde nicht einmal aufblicken und hatte trotzdem die Hand an der "Notbremse".

Der Japaner war gespannt, wie sie sich der Herausforderung stellen würde.

Veronicas Hochstimmung verschwand, wie sie gekommen war. Reglos saß sie einen Moment lang sehr vorsichtig in ihrem Sessel, sah betont nicht zu Hisaki auf und versuchte, einen Anfall von Panik zu bekämpfen.

Wie jeder Sternenflottenoffizier war sie natürlich qualifiziert, ein Schiff zu fliegen... zum Beispiel ein Shuttle. Sie hatte im Laufe der Zeit etliche Shuttles geflogen, und da die Venture in den Badlands operierte, wo schwere Turbulenzen an der Tagesordnung waren, war sie sogar ziemlich gut darin. Und sie hatte auf der Akademie mindestens einmal eine Einführung zur Handhabung größerer Schiffe gehört. Eine Stunde lang. Glaubte sie. Irgendwann im ersten Jahr.

Sie unterdrückte ein Schaudern, als das Zischen des Turbolifts erklang, der sich hinter Brengh, dem eigentlichen Piloten schloss.

Energisch fing sie sich schließlich und begann damit, dass sie die Bedienungsanleitung der Konsole, die Protokolllisten und die Manöveranweisungen aufrief. Eine Minute später war sie bereits völlig in ihre Arbeit versunken, jeder Gedanke an ihre abendliche Verabredung mit Forge vollkommen weggewischt.

--- "Zum tanzenden Liebesdiener"

Der Vulkanier war zurück geblieben, nachdem der Sicherheitschef sich in Luft aufgelöst hatte.

S'Tom war leicht verwundert gewesen, als Ruben Jordan auf die Atlantis gefolgt war. Bis jetzt hatte er den Sicherheitschef nur als im Grunde sehr rational handelnde Person kennengelernt. Es musste ihm klar sein, dass die Begleitung Jordans zwecklos war. Aus ihren offensichtlichen Symptomen schließend war ihr Zustand mit einer Wahrscheinlichkeit von 98% zeitlich sehr begrenzt und unkritisch, und nun nahm sich schon eine Ärztin ihrer an. Offensichtlich waren hier Emotionen im Spiel - ob menschliche Ausprägung von Freundschaft oder Sexualtrieb vermochte er aber nicht zu sagen.

Die Partie Kal-Toh wäre jedenfalls die logische Wahl gewesen. So würde der Vulkanier nun entweder einen anderen Partner benötigen - was er nach einem kurzen Blick durch die Bar wieder verwarf - oder sich alleine daran machen müssen, was jedoch seiner Ansicht nach nur eine minderwertige Variante darstellte.

Dann bemerkte er dank seiner gesteigerten Sinneswahrnehmung Schritte, die sich ihm von hinten näherten. Ruhig drehte er sich um und schaute in das Gesicht von Trustman.

"S'Tom, ich wurde über einen Notfalltransport informiert, der in der Bar initiiert wurde. Haben Sie zufälligerweise den Vorfall mitbekommen und würden mir ein paar Fragen dazu beantworten?"

Aus den Augenwinkeln musterte Eric die anderen Anwesenden. Die große Verbreitung von Cocktails und Blumenkränzen sprach Bände, das selbsternannte Partykommitee hatte wieder zugeschlagen.

Er hoffte, dass der Techniker etwas beobachtet hatte:

Vulkanier waren gute Zeugen. Ihr Geist war fast immer klar, sie erkannten Zusammenhänge, weil sie sich meist etwas vom Geschehen distanzierten. Leider fehlte ihnen das Grundverständnis von Emotionen, daher neigten sie zu Fehlbeurteilungen menschlicher Intentionen.

Aber man konnte nicht alles haben.

Erics Schritte hatten einen Teil der Gedankengänge des ehemaligen Borg rund um menschliche Emotionen und seine eigene verbleibende Freizeit unterbrochen. Vorbildliche Reaktionszeit des Sicherheitlers... "Ja, das habe ich; natürlich stehe ich Ihnen für Antworten zur Verfügung", antwortete er auf dessen Frage.

"Vielen Dank", erwiderte der Sicherheitler und deutete mit seiner linken Hand zu einem der freien Tische am Rand der Bar. Für eine Zeugenbefragung war es nach seiner Erfahrung förderlich, wenn man einen persönlichen Rahmen schuf.

Soweit das in der Bar überhaupt möglich war.

Aber er hatte auch die Erfahrung gemacht, dass einige Fragen sich immer besser am Ort des Geschehens klären ließen. Außerdem war es nie verkehrt, wenn die Sicherheit bei solchen Festivitäten Flagge zeigte.

Er hatte keine gesteigerte Lust, morgen wieder Berichte über Schlägereien zu lesen, die durch die Frage ausgelöst worden waren, "ob Klingoninnen oder Romulanerinnen im Bett besser waren".

Geschweige denn Berichte darüber, dass diese hochbrisante Frage später in der Nacht noch "unter Anwendung wissenschaftlicher Methodik empirisch untersucht worden war".

Schon gar nicht in der Trainingshalle.

Solche Vorfälle wurden meist ohne offizielles Verfahren aus der Welt geschafft. Trustman wusste, dass auf einem beengten Schiff bei vielen Crewmitgliedern die Nerven blank lagen.

Keine Unterstützung.

Kein Urlaub.

Keine Ablösung.

Auch wenn er keinesfalls manche Art von Amüsement gutheißen wollte, die Moral der Truppe zu erhalten war in Situationen wie diesen wichtiger als manche Regel.

Natürlich nur inoffiziell...

Mit neutralem Gesichtsausdruck wandte er sich wieder an den Vulkanier:

"Dann schildern Sie doch bitte den Ablauf, so wie Sie ihn wahrgenommen haben. Sparen Sie dabei keine Details aus, beschränken Sie sich jedoch auf direkte Beobachtungen und verzichten Sie auf Mutmaßungen"

--- "Zum tanzenden Liebesdiener", an einem Tisch

S'Tom war dem Sicherheitler an den Tisch gefolgt und saß nun diesem gegenüber. Eine hochgezogene Augenbraue kurz zuvor seine Verwunderung über diese Unterstellung ausdrückend antwortete er: "Ich mutmaße nie." Wenn, berechnete er für verschiedenste Szenarien fundierte Wahrscheinlichkeiten. Mit einem hochkomplexen Algorithmus. Jedoch waren weitere Ausführungen zu diesem Thema zur vorliegenden Fragestellung nicht relevant...

Daher begann der ehemalige Borg stattdessen mit einer detaillierten Beschreibung der beobachteten Geschehnisse in der Bar, alle involvierten Personen betreffend. Vom Eintreffen Jans bis zum Laborgang von Celia. Jedes gesprochene Wort, jeder signifikante Bewegungsablauf. Dass es vielleicht mehr Informationen als erbeten sein könnten, kam ihm nicht in den Sinn - der Sicherheitler hatte dezidiert auf Details bestanden.

Ruhig hatte Eric zugehört, zwischendurch lediglich ein paar kurze Stichworte auf seinem PADD aufgeschrieben. Erst als er sicher war, dass S'Tom seine stringente Schilderung abgeschlossen hatte, antwortete er:

"Sehr interessant, vielen Dank. Sollte die Analyse von Miss Hunter nicht zu einem auffälligen Befund führen, kann eine strafbare Handlung wohl ausgeschlossen werden. Gegebenenfalls komme ich auf Sie zurück."

In Gedanken formulierte Trustman schon seinen kurzen Bericht, während er sich erhob. Der Anfangsverdacht hatte sich bisher nicht erhärtet und er glaubte auch nicht, dass Hunter Reste einer toxischen Substanz fand.

Die letzten Worte des Sicherheitlers als Entlassung auffassend, nickte S'Tom diesem zu und erhob sich von seinem Sessel. Zielgerichtet ging er auf die Theke zu und wartete dort kurz, bis die Aufmerksamkeit von eCroft vom derzeit bedienten Wissenschaftler auf ihn fallen würde.

In der Zwischenzeit reflektierte der Vulkanier über die Vorgehensweise der Sicherheit. Dass die Befragung eingeleitet wurde, bevor Informationen über Jordans Zustand bekannt waren... Nicht sehr effizient. Hätte Eric fünfzehn Minuten zugewartet, wäre die Befragung mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits überflüssig gewesen. Entweder war er sehr paranoid - dann hätte er aber die Ermittlungen jetzt weiter fortgesetzt. Oder... es gab noch einige Alternativen. Vielleicht aktive Suche nach semi-sinnvoller Beschäftigung?

"Was darf es für Sie sein?", unterbrach der Androide die Gedankengänge des ehemaligen Borg. "Ein Kal-Toh. Und ein halbes Glas Wasser, 10°", antwortete er. Eric Trustman schätzte er ebenso wenig wie die übrigen Personen in der Bar als würdige Gegner ein, er würde es alleine versuchen.

Wenig später saß S'Tom an einem der kleineren Tische am Panoramafenster und konzentrierte sich darauf, wo er das nächste T'an platzieren sollte.

23 Minuten später saß der Vulkanier vor einer perfekt geometrischen Form, die er aus dem anfänglichen Chaos entwickelt hatte. Er reflektierte, dass es ein eher durchschnittliches Ergebnis war, er hatte bereits des Öfteren Formen mit höherer Symmetrie erreicht. Aber jede Partie bot gänzlich unterschiedliche Ausgangszustände, somit war der direkte Vergleich nur bedingt aussagekräftig.

--- Korridore

Kurz darauf beschloss S'Tom, sich auf den Weg in den Maschinenraum zu machen. Auf dem Weg blieb er noch bei einer der Wandkonsolen stehen und führte eine Anfrage bezüglich des Zustandes und Aufenthaltes von Jordan durch - inzwischen war es zu erwarten, dass aussagekräftige Informationen vorlagen. Das Ergebnis war zufriedenstellend, das wahrscheinlichste Ereignis war offensichtlich auch eingetreten - sie war bereits wieder auf die Venture zurückgekehrt und wohlauf.

--- Holodeck 1, Kaimauer

David war völlig überrascht vom Geschick seines Gegenübers. Sein Gegner trieb ihn immer weiter nach hinten und schon bald bemerkte er das Wasser hinter sich. Er hatte zuvor noch nie mit einem Schwert oder ähnlichem gekämpft.

Der Pirat holte zu einem wuchtigen Schlag aus, der David ins Wasser befördern würde. Gekonnt duckte er sich zur Seite weg und ließ die Klinge ins Leere fliegen. Blitzschnell machte David einen gezielten Hieb und traf das Handgelenk seines Gegners ... leider mit der stumpfen Seite seiner Waffe. Jedoch ließ der Pirat seine Waffe die Mauer hinunterfallen.

Wütend, mehr über sich selbst als über den Wicht, der sich die Frechheit herausnahm mit ihm zu fechten, grollte Wichmann und warf sich mit dem ganzen Gewicht in den Gegner hinein, während dieser noch sein Gleichgewicht suchte.

Auge in Auge stürzten die Kontrahenten von der Kaimauer.

--- Holodeck 1, irgendein Hafen

Carter hatte sich seines Angreifers entledigt, blickte sich zu den anderen um, sie schienen ganz gut zu Recht zu kommen. Außerdem hatte er auch keine große Lust, sich an dem weiteren Geschehen zu beteiligen, ihm bereitete es nur wenig Vergnügen, sich auch in seiner freien Zeit herum schlagen zu müssen, davon hatte er im Dienst genug.

Er hielt sich so weit von den Kämpfenden entfernt wie es gerade möglich war und drückte sich an ihnen vorbei um sich ein ruhiges Plätzchen zu suchen.

--- Holodeck 1, Kaimauer

Jean hatte mit eher mäßigem Erfolg das Brett nach ihrem Angreifer geworfen, welcher diesem Angriff mit einem schwachen und herablassenden Lächeln im Gesicht ausgewichen war.

Für einen Moment hielt sie nach Carter Ausschau und wunderte sich darüber, dass sich dieser so aus dem Spielgeschehen zurück zog. War das nicht eigentlich sein Programm?

Doch die Trill hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn im nächsten Moment sah sie aus den Augenwinkeln ein langes Brett auf sich zu schnellen.

Instinktiv drehte sie sich von ihrem Angreifer weg, zog den Kopf ein und wartete auf den Aufprall. Die Worte des Sicherheitlers, dass die Protokolle doch ausgefallen waren, hallten für einen kurzen Moment durch ihren Kopf und ließ den Adrenalinspiegel der jungen Frau nach oben schnellen.

Doch ihre Sorge stellte sich als unbegründet heraus. Im nächsten Augenblick spürte Jean einen dumpfen Druck auf ihrer Schulter und spürte, wie ihr Körper sanft auf den Boden gedrückt wurde bzw. das Programm ihr vorgaukelte, sie würde durch den Schlag den Boden unter den Füßen verlieren.

Mit einem erfreuten Grinsen im Gesicht drehte sich Jean auf den Rücken und blinzelte in die Sonne. Es dauerte nur einen Augenblick bis die Holofigur als dunkler Schatten vor ihr auftauchte und nochmals zu einem Schlag ausholte.

Dieses Mal war sie jedoch vorbereitet. Flink rollte sich die zierliche Frau aus dem Wirkungsbereich ihres Angreifers, dessen Schlag daraufhin ins Leere ging, und kam wieder auf die Beine.

Mit einem heftigen Tritt in die Seite brachte sie den Piraten dann aus dem Gleichgewicht, der daraufhin in Richtung der Kaimauer strauchelte.

Ein sichtlich amüsierter Gesichtsausdruck legte sich auf Jeans Gesicht, als sie den trägen Versuch des Mannes beobachtete, wie er mit den Armen rudernd versuchte sein Gleichgewicht wieder zu erlangen - jedoch ohne Erfolg.

Das laute Klatschen, als ihr Gegner ins Wasser eintauchte, ließ die Trill erheitert auflachen.

Der Sturz schien Ewigkeiten zu dauern. Mit einem lauten Platschen landeten beide im eiskalten Meerwasser. Davids Gegner versuchte ihn unter Wasser zu halten. Panisch versuchte der Psychologe sich zu befreien. Nach etlichen Sekunden ohne Luft verschluckte David einen Schluck Wasser und bemerkte dass es, zumindest für ihn, ein atembares Gemisch war.

Nun gefasster ließ er seine Bewegungen immer ruhiger werden, bis er ganz erschlaffte.

Zufrieden ließ Wichmann von dem leblosen Bündel ab und stieß sich von dem Körper zur Kaimauer. Das Ringen mit dem ziellos, aber wild umherschlagenden Fremden hatte ihn erschöpft und das kalte Wasser tat sein übriges.

Mühsam ruderte er ein paar Mal mit den Armen, um die Kaimauer endgültig zu erreichen. Seine Stiefel waren mit dem Wasser vollgelaufen und zerrten schwer wie Kanonenkugeln Richtung Grund.

Einen Moment erlaubte er sich zu verschnaufen, bemerkte dann, wie er anfing leicht zu zittern. Er musste aus dem Wasser heraus und die vollgesogene Kleidung ablegen!

Sonst würde er bald das Schicksal des armen Teufels mit dem zerfetzten Bein teilen: Tot im Wasser treibend auf Gottes Gericht warten.

David ließ sich noch einige Augenblicke im Wasser treiben bis sein Gegner einige Meter entfernt war. Danach schwamm er zu einer der Piratenleichen die regungslos und blutend im Wasser trieb und bewaffnete sich wieder mit einem Säbel. Zudem nahm er sich ein Messer, welches am Gürtel des Toten befestigt war und steckte es sich in seinen eigenen. Es war enorm anstrengend, gegen das Gewicht der Kleidung und der Waffen anzukämpfen. Gott sei Dank schien ihm das Wasser angenehm warm.

Wieder bewaffnet schwamm David zu einer in die Kaimauer eingelassenen Leiter und kletterte diese hinauf. Schnaufend oben angekommen marschierten gerade sechs Leute der Stadtwache die Mauer entlang an ihm vorbei. Sie schienen eine Gruppe Piraten einige hundert Meter weiter auf der Kaimauer abzufangen. David drehte sich herum und suchte Carter und Xen.

"Jean!", rief er laut. Jedoch war der Kampfeslärm unsagbar laut.

Für einige Augenblicke sah Jean der Romanfigur noch zu, wie sie wild mit den Armen rudernd versuchte, sich an einem im Wasser treibenden Holzbalken festzuklammern. Der wütende Blick, den der Mann ihr zuwarf, veranlasste Jean, ihm noch ein amüsiertes und neckendes Augenzwinkern zuzuwerfen - dann wandte sie sich von ihm ab.

Im ersten Moment hatte die Trill gar nicht vorgehabt, auf den Ruf ihres Namens zu reagieren. Zu viele Stimmen, zu viel Krach hatten sich um sie herum entwickelt, wodurch sie fast keine Zuordnung mehr treffen konnte, wer in diesem ganzen Durcheinander denn nun was gerufen hatte.

Doch dann erblickte die junge Frau den total durchnässten Terraner, etwa dreihundert Meter von sich entfernt, wie er sich suchend nach ihr umsah - sie hatte sich den Ruf ihres Namen also doch nicht nur eingebildet.

Bemüht, dem Chaos im Hafen auszuweichen, balancierte sie auf der Kaimauer zurück zu David und winkte ihm von weitem schon zu.

"Ich bin hier!"

--- Holodeck 1 , irgendein Hafen, abseits

Das laute Getöse und die immer näher kommenden Schiffe machten Carter immer verzweifelter. Was war nur aus seinem Roman geworden? Wie hatte all dies so ausarten können?

Während eine Abteilung der Stadtwache rasch an ihm vorbeimarschierte schaute er zu Jean und David hinüber. Wie konnten sie an diesem kindischen Spektakel nur solch eine Freude haben?

Kopfschüttelnd entschloss der Sicherheitler, dass er es gar nicht wissen wollte. Genau wie sein ganzer bisheriger Aufenthalt an Bord der Venture war das Holodeckprogramm eine einzige Enttäuschung gewesen.

Bei der nächsten Möglichkeit würde er das Schiff wieder verlassen und vielleicht auf einem anderen Kahn anheuern: Wo einem die Vorgesetzten Freiräume gewährten.

Unbemerkt von den anderen ging Carter Richtung Ausgang. Noch einmal betrachtete er das Schlachtgetümmel. Nein, so hatte er es sich wirklich nicht vorgestellt.

Schweigend verließ Chris Carter das Holodeck.

--- Holodeck 1, Kaimauer

Im ersten Augenblick war David erleichtert, als er Jean ausmachte. Auch wenn ihr eigentlich nichts hätte passieren können. Er machte einige Schritte auf sie zu, bis sie sich gegenüberstanden.

"Was sollen wir nun tun? Ich versteh nicht ganz das Ziel des ganzen Szenarios hier.", gestand David. "Und wo ist eigentlich dieser Carter?"

Jean zuckte ahnungslos mit den Schultern und sah sich noch mal im Getümmel der Menschen um. Chris war nirgends zu sehen.

"Computer, ist Mr. Carter noch auf dem Holodeck?", befragte sie den Computer. "Mr. Carter hat das Holodeck vor 3 Minuten und 24 Sekunden verlassen."

Erstaunt blickte sie zurück zu David, dem die Verwunderung ebenso im Gesicht geschrieben stand.

Dieser Carter war ein eigenartiger Mensch. Und Anstand hatte der Kerl auch nicht - er hätte sich ja wenigstens verabschieden können, wenn er schon an seinem eigenen Programm keine Freude hatte. Sie waren mittlerweile schon längst an einem Teil des Programms angelangt, der mit Sicherheit nicht mehr von dem Attentäter beeinflusst worden war.

"Scheint so, als wäre diesem Sicherheitler die Lust vergangen ...", kommentierte die Trill Davids zweite Frage. Eine kurze Pause entstand, in der Jean noch einmal über das ganze Treiben im Hafen blickte.

"Ich könnte noch mal in den Quellcode des Programms schauen - aber dann macht es irgendwie auch keinen Spaß mehr, wenn man schon weiß, was passiert..."

"Nein. Ich denke, wir sollten einfach spielen", sagte er mit einem Grinsen im Gesicht. "Vielleicht sollten wir schauen, ob wir uns nicht der Stadtgarde anschließen. Wobei ich gerne etwas zum äh... schießen hätte. Mit dem Ding hier kann ich irgendwie nicht umgehen". Er hob seinen Säbel und blickte Jean leicht verzweifelt an.

"Stimmt, das wäre praktisch ...", antwortete die Trill mit einem Grinsen im Gesicht. "Computer - zwei zeitgemäße Pistolen und jeweils ein Gewehr."

Eine kurze Pause entstand, in der Jean den Terraner von oben bis unten musterte. Sie trugen zwar Klamotten, welche sie in dem ganzen Durcheinander nicht auffallen lies - bei der Garde wären sie aber trotzdem eher wie zwei bunte Hunde.

"... und bitte noch für uns beide Gardeuniformen." Ein kurzes bestätigendes Piepen war zu hören und wenige Augenblicke später trugen David und sie schicke dunkelblaue Uniformen. An ihren Hüften hing jeweils eine Pistole mit dem entsprechenden Pulversäckchen und quer über dem Rücken hängend erschien eine Arkebuse.

Triumphierend warf sie David einen herausfordernden Blick zu, sprang dann von der Mauer herunter und wandte sich in die Richtung, in welche die Garde verschwunden war.

--- Holodeck 1, Fischmarkt

Die Gruppe der Garde hatte etwa - wenn Jean sich nicht verzählt hatte - mit ihnen beiden eingeschlossen 8 Personen. Auf der Suche nach dem entkommenen Freibeuter bogen sie gerade um eine Ecke der verwinkelten Straßenzüge, als sich mit einem Mal ein großer Platz vor ihnen auftat und den Blick auf hunderte von Verkaufsständen frei gab.

Im ersten Augenblick war Jean vom Anblick der geschäftigen Händler fasziniert, als ihr auf den zweiten Blick jedoch der massive Fischgeruch in die Nase stieg, änderte sich ihre Meinung rapide.

Angewidert blieb sie stehen und rümpfte die Nase.

"Boah ... warum hat dieser Carter auch solche Sachen so detailliert darstellen müssen?"

--- biochemisches Labor, etwas später

Zufrieden führte Celia Hunter die letzten Handgriffe aus. Alle notwendigen Analysen des Getränkes waren in die Wege geleitet, jetzt hieß es nur noch, auf die Ergebnisse zu warten. Die Lakota saß vor dem Terminal, auf dessen Bildschirm diese bald auftauchen würden. Gedankenverloren spielte ihre Hand mit dem Cocktailglas, das auch jetzt noch zu beinahe einem Viertel gefüllt war.

Schließlich - es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, auch wenn tatsächlich nur kurze Zeit vergangen war - erschienen die ersten Ergebnisse auf dem Bildschirm. Celia begann zu lesen.

Wenig später atmete sie tief durch, ergriff das Glas mit dem Mai Tai und nahm einen Schluck. Schmeckte eigentlich gar nicht so schlecht, dieses Getränk. Mit alkoholischen Getränken war die Lakota immer sehr vorsichtig. Man sagte, dass Indianer Alkohol nicht so vertrugen wie Weiße, irgendetwas mit anders funktionierenden Abbaumechanismen in der Leber, hatte jemand Celia erzählt. Sie wusste nicht, ob es stimmte - Tatsache war jedoch, dass der Alkohol vielen Stammesmitgliedern zum Verderben gereicht hatte. Auch wenn dies schon wirklich sehr lange her war...

Und so lange sie sich nicht sicher war, ließ sie lieber die Finger davon. Vielleicht sollte sie einmal mit Dr. Kincaid darüber sprechen.

Dann erinnerte sie sich wieder an ihren Auftrag. Über die Brücke übermittelte sie die Ergebnisse ihrer Analysen an Dr. Campbell.

Celia stellte den Mai Tai wieder fort und überlegte, was sie nun tun könnte. Zu Abend gegessen hatte sie ja schon. Aber sie verspürte auch noch keine Lust, in ihr Quartier zurückzukehren. Also machte sie sich wieder auf den Weg in die Bar, vielleicht ergab sich ja doch noch das eine oder andere Gespräch - diesmal in erfreulicheren Bahnen als mit Forge oder dem Vulkanier...

--- Atlantis, Krankenstation

Kopfschüttelnd blickte die Schottin den beiden Gestalten hinter her. Wagenvoort schien derjenige der beiden gewesen zu sein, der ihre Worte noch am ehesten verstanden hatte. Llewella hatte ihre Kollegin wirklich nicht maßregeln wollen - aber diese hatte es offensichtlich so verstanden.

Gut, sie war ziemlich deutlich geworden. Aber das war sie doch immer. Sie war dafür bekannt, dass sie nie mit ihrer Meinung hinter dem Berg hielt. Nun ja, vielleicht wusste Jordan das nicht. Immerhin diente sie auf einem anderen Schiff...

Das Piepsen ihres Kommunikators unterbrach Llewellas Gedanken. "Celia Hunter von der Venture, Doktor", meldete sich eine ruhige Stimme, die Llewella noch nie gehört hatte. Sie war der Frau auch noch nie begegnet, obwohl sie wusste, dass sie die Leiterin der Wissenschaft auf der Venture war. Sternenlicht könnte sie vielleicht kennen, überlegte sie. "Ich habe den Mai Tai analysiert, den Dr. Kincaid getrunken hat, bevor sie zusammenbrach. Er ist soweit vollkommen in Ordnung, keinerlei Beeinträchtigungen in Sensorik oder chemischer Zusammensetzung."

Die Ärztin überlegte kurz. Anscheinend war man auch auf der Venture paranoid genug, um ein Getränk sofort zur Analyse zu geben. Aber eigentlich war es kein Wunder - denn immerhin war Wagenvoort zur Stelle gewesen.

"Danke, Miss Hunter", antwortete sie der Wissenschaftlerin. "Dr. Kincaid geht es inzwischen wieder gut und sie hat die Krankenstation verlassen. Der Zusammenbruch hatte eindeutig andere Gründe", Llewella beendete die Verbindung nach ein paar verabschiedenden Worten.

Mit ihrem Tricorder trat sie an ein Terminal und überspielte die Daten, die sie anschließend zur Venture transferieren ließ. Dann konnte ihre Kollegin sich in einer dunklen Nacht noch einmal Gedanken darüber machen, falls sie Lust dazu verspüren sollte. Damit war das Thema für die Schottin zunächst einmal erledigt.

Gemütlich schlenderte sie zum Aufenthaltsraum des medizinischen Personals. Eliza Raili hatte es sich dort bequem gemacht und las ein Buch. Sie blickte auf, als die Schottin den Kopf durch die Türe steckte.

"Ich verschwinde dann hier mal wieder", informierte die Schottin ihre Mitarbeiterin, die sie gelassen ansah. Llewellas Blick fand das Wanddisplay, auf dem der aktuelle Dienstplan 'aushing'. Tatsächlich, Susan Lintons Schicht würde in einer halben Stunde beginnen. Es wurde in der Tat Zeit, die Krankenstation zu verlassen. Bis zum nächsten Morgen würde sich die meiste Aufregung schon wieder gelegt haben. Hoffte sie zumindest. "Ich bin in meinem Quartier", beschied sie Raili noch abschließend.

--- Gänge vor der Krankenstation

Als Llewella durch die Türe trat, waren Kincaid und Wagenvoort noch nicht wesentlich weiter gekommen. Dieser Forge stand auch dabei, was Llewella nur zu einem vagen Nicken in Richtung der drei veranlasste, um daraufhin ihren Weg fortzusetzen.

'Frag mich, was da abgelaufen ist...', überlegte Jan, als er der Schottin hinterher blickte. Dann wandte er sich, die Hand Jordans wie zufällig streichelnd, als er diese losließ, wieder ihr zu.

"Ms Kincaid ich muss aber gestehen, dass ich mich nicht ganz unschuldig fühle...", druckste er herum und blickte unsicher kurz zu Ruben und dann wieder zu der Engländerin.

'Hau ab, Mann...', beschwor der Risaianer ein Mantra, was der Holländer hoffentlich verstehen würde.

Bei den Worten wurde Ruben schlagartig aufmerksam.

Bevor Forge weitersprechen konnte, unterbrach der Niederländer das beginnende Geständnis des jungen Mannes: "Äh, ich muss Sie an dieser Stelle in meiner Funktion als Sicherheitsoffizier darüber belehren, dass jede weitere Äußerung, insbesondere ein strafrechtlich relevantes Schuldeingeständnis, gegen Sie verwandt werden kann. Haben Sie das verstanden?"

Ehrlich ungläubig starrte er den Holländer an. Jan bezeichnete sich nicht gerade als brillanten Analytiker, ganz im Gegensatz zu dem, was man dem Holländer nachsagte.

Er räusperte sich und wandte sich dem Holländer zu. Eigentlich nicht schlecht, hier eine Szene zu machen, vor allem, da Ruben scheinbar auch an Jordan interessiert war.

"Wie bitte? Glauben Sie ernsthaft, ich sei ein Idiot? Entweder denken Sie, ich hätte vergessen, dass Sie der Sicherheitschef unseres Schiffes sind, oder Sie halten mich einfach nur so für dumm... vielen Dank. Nicht jeder ist auf unserem Schiff als Genie verrufen, oder ist eins, aber das gibt Ihnen lange nicht das Recht, so arrogant über andere zu urteilen!"

Gespielte mit ehrlicher Empörung vermischte sich, als er fortfuhr, "Ist es Ihnen vielleicht in den Sinn gekommen, dass es sich nicht um einen rechtlich verwertbaren Tatbestand geht? Legen Sie Ihre Uniform niemals ab?"

Mit traurigem Blick wandte sich Forge wieder Jordan zu, "Ich bedaure zutiefst...", er seufzte, "_Ich_ habe Ihnen den Mai Tai bringen lassen.", wieder seufzte er, "Ich wollte damit nur meine Bewunderung für Sie zum Ausdruck bringen... für Ihr Engagement, wie Sie sich rund um die Uhr für uns einsetzen, wie auch... für Ihre Schönheit...

Sie sind sonst wesentlich bessere Gesellschaft gewohnt", sprach er mit einem Seitenblick zu Ruben und belegter Stimme weiter, "Ich sah es als Einzige Chance, Ihre Aufmerksamkeit zu erringen... es tut mir leid..."

Einen Augenblick blieb er noch vor den beiden verdutzten Menschen stehen, während eine Träne seine Wange herunter lief. Mit einem Schniefen und mit einer Hand über den Augen entschuldigte er sich und ging eilig den Gang hinunter.

Zur Salzsäule erstarrt sah Jordan dem Mann nach. Ein sanftes Rosa kroch ihren Hals hinaus und breitete sich ungleichmäßig auf ihren Wangen aus.

Zwar hätte Forge genauso gut Farsi sprechen können, so unbekannt kamen der Ärztin die Worte vor, die er an sie gerichtet hatte, aber die grundsätzliche Bedeutung drang zu ihr durch. Auf einer rein intellektuellen Ebene. So ähnlich, wie wenn Alnak ihr eine komplizierte Warpkernreparatur erklärte und sie nichts verstand außer 'Wenn es schiefgeht, sind wir alle tot'. Ja, so ungefähr.

Die Ärztin dachte daran, wie oft Forges Name an der einen oder anderen Stelle in ihrer Tereon Alpha-Akte erschien. Der Mann war ein Schürzenjäger, der mit jeder Frau an Bord geschlafen haben musste, die ... jung und... hübsch genug war. Sie wurde noch etwas roter.

Sie schluckte ein paar Mal. Dann fuhr sie zu Ruben herum.

"Meinen Sie, er hat das ernstgemeint?!", flüsterte sie, damit Forge sie auf gar keinen Fall hören konnte, und sah ihn mit großen Augen an.

Forge verschwand hinter der nächsten Gangbiegung und ließ Ruben wahrscheinlich nicht weniger irritiert zurück als die Ärztin.

'Aber ich muss doch darauf hinweisen...', hatte seine innere Stimme dem Hilfs-Wissenschaftler erklärend nachrufen wollen, dem seine Bürgerrechte wohl mehr als egal waren.

Die harten Worte des jungen Mannes hatten ihm aber einen Stich versetzt und er war stumm geblieben.

Hinter der freundlichen Fassade war blanke Abneigung zu Tage gekommen. In jenem Moment hatte Forge ihn nicht mehr als Mensch gesehen, sondern nur noch als arrogante Monstrosität der Natur, die es wagte über "die Normalen" zu urteilen.

Resigniert stellte der Niederländer fest, dass seine Überlegenheit ihn immer von den anderen abgrenzen würde.

'Nein, nicht meine Überlegenheit, ihre eigenen Minderwertigkeitsgefühle', korrigierte er sich selbst. Eigentlich war es aber egal, weil er weder das eine noch das andere ändern konnte.

Seine einzige Hoffnung waren Menschen, die diese trennende Kluft überwinden konnten - so wie Jordan.

Bei dem Gedanken drehte er seinen Kopf leicht, bis sich ihre Blicke trafen. Die Ärztin war etwas rot geworden. Einen Moment dachte er über ihre Frage nach.

"Ich bin nicht sehr gut darin, andere Menschen, nun ja, einzuschätzen, wissen Sie..."

Jetzt musste er selber auch schlucken.

"...aber...aber er hat in jedem Punkt Recht"

Zur Antwort lief Jordan schlagartig rot an.

Sie hatte in den letzten zwanzig Minuten mehr Komplimente erhalten als in den letzten zwanzig Jahren.

Erst Jan Forges offensive... Flirtrituale.

Dann förmlich ein emotionaler Zusammenbruch (sie musste mit Jeffrey über diesen Mann sprechen!).

Dann Ruben. Die Ärztin war ziemlich sicher, dass sie kein romantisches Interesse an Wagenvoort hatte, aber - aber! Unkommentierte Ausrufezeichen brachten ihre Bestürzung am besten zum Ausdruck.

"Wir sollten jetzt besser...", setzte sie überstürzt an, und gleichzeitig stammelte der Sicherheitschef los: "Auf der Venture wird sicher schon..."

Sie verstummten zugleich. Jordan zupfte ihre Uniform zurecht und sah nach überall außer in Rubens Richtung. Ruben trug einen hektischen Kampf gegen die roten Flecken in seinem Gesicht aus.

"Zurück zur Venture", stieß Wagenvoort mit sich überschlagender Stimme aus.

"Ja", stimmte Jordan hastig zu. "Unbedingt."

Mit großem Interesse für ihre jeweilige Seite des Gangs machten sie sich auf den Weg zum Transporterraum. Die Atmosphäre summte vor gegenseitiger Verlegenheit.

--- Quartier 430

Schnurstracks durchquerte Llewella den Wohnraum des Quartiers und registrierte am Rande noch das Whiskyglas auf dem Tisch. War es wirklich erst wenige Stunden her, dass sie diesen Whisky getrunken hatte? Irgendwie kam es ihr unwirklich vor...

Die Schottin wandte sich ihrem Kleiderschrank zu und nahm ein paar Dinge heraus. Mit den Kleidungsstücken auf dem Arm wandte sie sich dem Badezimmer zu. Sie gedachte eine ausgiebige Dusche zu nehmen, so heiß, wie sie es gerade gut aushalten konnte...

--- Trainingshalle

Aprils Inneres kochte vor Wut und in ihrer Phantasie malte sie sich gerade zum wiederholten Male aus, wie Pormas wohl mit einer gebrochenen Nase aussehen würde. Wie das Blut aus seiner Nase spritzen würde, wenn ihre Faust den zerbrechlichen Knochen im Nasenbein des Terraners treffen würde.

Die Sicherheitlerin fixierte Theocrates mit starrem Gesicht und eiserner Miene. Einzig und alleine die geballte rechte Faust und die weiß hervor   tretenden Knöchel selbiger verrieten ihre maßlose Wut.

"Ja, eine Frage hätte ich noch ...", presste die Kriegerin grimmig zwischen den Zähnen hervor.

Warum war ihr eigentlich das Veilchen des Sicherheitschefs nicht schon vorher aufgefallen?

"Welches Ungeheuer hat Ihnen eigentlich dieses Veilchen verpasst?"

Grinsend betrachtete Pormas die Bajoranerin vor sich. Ihn ihm verlangte eine innere Stimme sie zu rügen, den Ersten Offizier des Schiffes nicht als Ungeheuer zu bezeichnen, aber er ließ es dann doch.

Die Gerüchteküche über blutige Mordrituale des Sivaoaners nahmen ohnehin schon bedenkliche Formen an. Außerdem würde die Beantwortung der Frage nur noch mehr Fragen aufwerfen, die diese vorwitzige Person nicht angingen.

"Woher ich mein Veilchen habe, überlasse ich Ihrer Phantasie.", damit wandte er sich wieder der ganzen Gruppe zu, "Noch irgendeine ernst gemeinte Frage? ... Nicht? Auch gut. Mr Victor, Sie kommen mit mir, dem Rest wünsche ich einen schönen Abend."

Damit verließ der Südländer die Trainingshalle, mit Kai im Schlepptau.

Aprils Lippen umspielte ein leichtes Lächeln, während sich ihre Faust langsam entspannte. Dieser arrogante Schnösel würde sich schon noch umsehen - so leicht würde sie es ihm nicht machen.

Ja, er war vom Captain zum Sicherheitschef befördert worden - aber das war noch lange kein Grund, auf diese arrogante Art und Weise seine Befehle zu geben - und schon gar nicht SOLCHE Befehle.

April war sichtlich gespannt darauf, was Pormas Morgen früh zu bieten hatte.

Als sie sich noch einmal zu den anwesenden Kollegen umdrehte und deren fragenden Blick bemerkte, erstarrte ihr Lächeln buchstäblich.

"Was ist los?"

Ein zögerliches Brummeln ging durch die Reihe, woraufhin sie gleichgültig mit den Schultern zuckte und sich dann schwungvoll zur Tür begab.

"Dann halt nicht - bis Morgen!"

--- Deck 5 Gänge

Schweigend, mit energischem Schritt ging Pormas auf den Turbolift zu. Kai hatte alle Mühe, dem Sicherheitschef zu folgen. Zudem war ihm sehr unwohl, sich gleich alleine mit... seinem Vorgesetzten in einer geschlossenen Kammer zu befinden. Nichts desto trotz folgte er diesem pflichtbewusst und trat gerade durch die Tür, als der Südländer "Deck 15" anwies.

--- Turbolift

Der Amerikaner stand schweigend hinter dem massiven Rücken des Griechen, als dieser plötzlich "Turbolift stop" anwies. Kai sackte das Herz in die Hose. Was passierte jetzt? War er verdammt? Kam er hier lebend wieder raus?

Bedrohlich langsam drehte Pormas sich um und starrte ihn von oben herab in die Augen.

"Warum bist du hier?"

Der Blondhaarige schaute seinem Gegenüber verständnislos ins Gesicht. "Weil, weil...", stotterte er hervor, legte sich doch ein eisiger Griff um sein Herz. Der Blick des Sicherheitschefs wurde immer eindringlicher, als er endlich hervorbrach, "Meister Hisaki hat mich hierher beordert. Er sagt..."

"Ruhe", wurde Kai bei seinen beginnenden Ausführungen jäh unterbrochen, "Ich will nicht wissen, warum Hisaki meint, dich hierher schicken zu müssen. Ich will wissen, was DU glaubst, was der Grund ist, dass du hier bist. Was glaubst du, kannst du hier lernen, was du auf der Venture nicht bekommst?"

Verstört flüchtete der Blick des Amerikaners vom Lodernden des Gegenübers auf den Boden. War es eine Fangfrage? Gab es eine richtige Antwort darauf? Was würde Hisaki sagen?

"Was denkst du solange nach? Lass mich raten...", fuhr Pormas den Überlegenden erneut an, wobei jetzt seine Stimme ein paar Tonlagen nach oben schoss und er die Hände wie hilflos erhob, "Du denkst gerade 'Ojemine, was würde mein Meister jetzt machen! Ich bin doch so klein und habe keine Ahnung! Lieber kein Risiko eingehen und schnell nachfragen! Vielleicht bekomme ich sogar ein Fleißkärtchen!'"

Kai erstarrte. Sein Körper schien nicht gewillt, seinem Gedanken zu folgen, der diesen überheblichen Hünen am liebsten sofort erwürgt hätte. Oder es zumindest versucht hätte. Die Vorstellung dauerte eine gefühlte Ewigkeit, in der er einfach nicht in der Lage war seinen Blick abzuwenden, noch irgendetwas zu erwidern.

Schließlich beendete Pormas die Tortur. Zwar hätte der Sicherheitschef noch einiges auf Lager gehabt, aber er merkte, dass es genug war. Langsam beugte er sein Gesicht soweit herunter, bis die Nasenspitzen der beiden Männer sich fast berührten. Der Neuzugang seiner Truppe wich soweit zurück wie es die Turboliftwand zuließ.

"Sag mal", sprach er den verschüchterten Mann an, "Warum hast du mir keine reingehauen? Oder etwas gesagt? WARUM???", schrie er das letzte Wort heraus. Die Augen Kais schienen förmlich aus den Höhlen heraus zu treten. Ruhig fuhr der Südländer fort, "So wie ich gerade mit dir geredet habe, darf NIEMAND, wirklich NIEMAND mit dir reden. Nicht einmal der Captain. Scheiß egal, dass er der Captain ist, du bist auch jemand. Ich habe deine Akte gelesen. Du hast eine gute Veranlagung und hervorragende Fähigkeiten... aber das allein nützt nichts..."

Langsam richtete sich Pormas wieder auf und schaute Kai fest in die Augen, als er fortfuhr, "Um zu Überleben und eine Führungsposition einzunehmen brauchst du Respekt! Es ist egal, ob die Leute dich mögen und es ist ebenfalls egal, was du kannst, wenn diese es nicht wissen, oder dir die Umsetzung nicht zutrauen. Und das ist es, was dein verweichlichter Sternenflottenersatz dir nicht geben kann.

Einen Satz ordentlicher Eier in der Hose."

Mit diesen Worten ging der Sicherheitschef durch die sich öffnende Turbolifttür in Richtung der Sicherheitsstation.

--- Deck 5, Gänge

Zufrieden mit sich und der Welt machte sich der Risaianer auf zum Transporterraum. Es hatte unerwartet gut getan dem Holländer eins auszuwischen.

Er hatte sich immer gefragt, wie es dieser neurotische Schlacks geschafft hatte, Sicherheitschef zu werden. Und zu bleiben. Wie überflüssig war es, ihr auf die Krankenstation zu folgen, während ein möglicher Attentäter auf der Venture sein Unwesen hätte weiter treiben könnte.

Und dass die Möglichkeit bestand hatten die letzten Ereignisse gezeigt. Aber zum Glück war es auf der Atlantis passiert, hier wurde man scheinbar damit fertig, auch wenn Jan hier so schnell es ging abhauen wollte.

Es hieß, der hiesige Sicherheitschef sei ein Psychopath, auf den es die halbe Galaxis abgesehen hätte, nachdem er die andere umgebracht hatte. Zudem sollte es hier auch noch einen Dämonen in Katzengestalt geben, der auch manchmal Menschen fressen sollte.

--- Transporterraum 1

Lächelnd grüßte er Maria, die ihm entspannt entgegen kam und ihm zunickte. Scheinbar war Veronica mit ihr fertig, setzte der Risaianer innerlich grinsend hinzu.

Kurz vermerkte er sich im Geiste, dass er Jordan für Morgen früh eine Einladung zum Frühstück in seinem Quartier schicken würde. Während er dem Transporterchief kurz anwies ihn zu beamen, der offenbar ziemlich gestresst war soviel hintereinander arbeiten zu müssen, formulierte er schon den passenden Text, der eine große Entschuldigung, wie eine romantische Andeutung seiner Zuneigung beinhaltete.

Mit der richtigen Formulierung war er sich sicher, dass sie diese Einladung nicht abschlagen würde, allein um den scheinbar tief erschütterten Jan nicht zu verletzen.

Mit diesem Gedanken entmaterialisierte er sich.

--- Deck 15, vor der Sicherheitsstation

Kai war verwirrt. Nach dieser Karikatur seiner selbst und den Worten des Sicherheitschefs hatte dieser kein weiteres nicht-dienstliches Wort mit ihm gewechselt. Er wurde einfach nur in Dienst gestellt und mit allen Rechten der Sicherheitler versehen. Der Amerikaner war froh darüber. Es war einfach alles auf einmal zuviel für ihn. Vor ein paar Stunden noch hatte er mit Isabelle kuschelnd auf der Couch gelegen... und nun?

Kopfschüttelnd machte er sich auf dem Weg zum Arboretum. Als einzige Aufgabe heute sollte er Ms Intash Bescheid geben, dass sich der Aufräumtrupp verspäten würde, aufgrund des geänderten Programms. Danach hätte er frei.

Frei wofür? Um zu grübeln? Sich seinem seelischen Schmerz hingeben?

Der junge Sicherheitler entschied, Ms Intash seine Hilfe anzubieten. Sie war auch neu und vielleicht würde er einen neuen Freund treffen.

--- Arboretum

Der Kontrollraum war nicht schwer zu finden. Er lag direkt hinter den Trümmerhaufen in einer Ecke. Und auf den ersten Blick waren die Logs alle vollständig. Inara ließ sich auf einen Stuhl fallen, legte die Beine auf den Tisch und sah sie durch.

Offenbar kamen in unregelmäßigen Abständen ganz unterschiedliche Crewmitglieder her und nahmen sich der einen oder anderen Pflanze an. Ihre Miene verdüsterte sich, als sie sah, dass eines von ihnen dieser Theocrates war. Vielleicht gehörte ihm ja der vergessene ferenginarsche Bonsaibaum, der neben ihren Füßen auf der Arbeitsplatte thronte und aussah, als hätte ihn vor kurzem jemand mit detailverliebter Sorgfalt von Blattfäule kuriert. Sie hoffte nur, dass sie einen Weg fand, den Mann hier rauszuschmeißen, der logisch und autoritär klang.

Sie fragte sich, ob Besucher 'Anonym 383 - Zugangscodes überbrückt' auch eine Erlaubnis dafür besaß, in regelmäßigen Abständen und in ungesund großen Mengen alles Essbare - von Obst bis hin zu Regenwürmern - zu ernten. Sie sollte Theocrates... ja ne, eher nicht. Sie sollte Sternenlicht danach fragen.

Wenigstens verhielt der Symbiont sich jetzt still.

--- vor dem Arboretum

April hatte sich für einen Augenblick überlegt wieder zurück auf die Venture zu beamen, um dort die Nacht zu verbringen. Alex hätte sich sicher darüber gefreut ... doch andererseits wusste sie genau, dass sie dann mit Sicherheit morgen früh nicht pünktlich in der Trainingshalle erscheinen würde. Und sie hatte bei weitem keine Lust, Pormas eine Angriffsfläche zu bieten - nicht wegen so etwas wie Unpünktlichkeit.

Auf dem Weg nach Deck 15 hatte die junge Frau dem Techniker eine Nachricht zukommen lassen, in der sie sich für den Abend entschuldigt hatte.

--- Arboretum

Als sie nun durch die Tür ins Innere des Arboretums trat pfiff sie verwundert auf. Seit sie auf der Atlantis gestrandet war, war es ihr nicht gelungen, sich das ganze Schiff anzusehen. Zwar kannte sie die Deckpläne mittlerweile auswendig - schon alleine deshalb, um alle Sicherheitsrisiken erfassen zu können - aber in Räume wie diesem hier hatte es sie bis jetzt noch nicht verschlagen.

Wobei sie innerlich lächelnd zugeben musste, dass das unkontrollierte Wachsen von Pflanzen in Kombination mit einer Schuttablage auch zu einem Risiko führen konnte.

April durchquerte den Raum und wandte sich, ohne sich große Mühe zu geben ihre Ankunft zu verschleiern, in Richtung des Kontrollraumes, welcher ihr vom Computer als Aufenthaltsort der Trill genannt worden war.

Mit einem leisen Fluchen stieß sie einen Wandträger, der ihr im Weg war, mit dem Fuß zur Seite, der daraufhin rumpelnd einige Meter weiter auf dem Boden zum liegen kam.

"Ich habe mir gedacht, nachdem wir beide heute einen so schlechten Start mit unserem neuen "Sicherheitschef" hatten, haben wir uns auf jeden Fall eine kleine Belohnung verdient."

Bei diesen Worten lehnte sich die Kriegerin an den Türrahmen des Kontrollraumes und hielt die beiden Blutweinflaschen nach oben, die sie mitgebracht hatte. Es hatte sie einige Mühe gekostet, während ihres letzten Zwischenstopps auf einer Raumbasis den Blutwein an Bord zu schmuggeln. Vor allem, nachdem sie sich dazu entschlossen hatte, dem Klingonen die ganze Kiste abzukaufen und diese bei weitem nicht so unauffällig zu transportieren war, wie es vielleicht ein oder zwei Flaschen gewesen wären.

"Ich hoffe, Sie mögen Blutwein, Miss Intash."

In den vergangenen Minuten war Inaras Unbehagen über das Schweigen Intashs immer weiter gewachsen. Sie hatte sich so schnell daran gewöhnt, dass ihr ständig Gedankenfetzen, Erinnerungen und Gefühle in den Weg funkten, dass sie jetzt, wo er zum ersten Mal längere Zeit still war, nicht wusste, was sie damit anfangen sollte. Das Auftauchen der Frau mit dem Blutwein war also doppelt willkommen. Und natürlich war Blutwein grundsätzlich immer willkommen.

Ein fieses, zustimmendes Grinsen schlich sich in das Gesicht der Trill, während sie die Frau mit einem langen, wohlwollenden Blick bemaß. Sie hatte in ihrem Leben nicht genug Bajoraner getroffen, um zu bemerken, dass Aprils Nase für eine reine Bajoranerin nicht runzlig genug war und dass der Ohrring fehlte. Sie konzentrierte sich stattdessen auf den kupferroten langen Zopf, die athletische Figur und, nicht zu vergessen, den Blutwein. Alles an der Frau schrie 'Kriegerin'.

Attraktive Kriegerin.

Attraktive Kriegerin mit Blutwein.

Aus Inaras Perspektive der beste Ersteindruck, den man hinterlassen konnte.

"Wenn er so inkompetent wie arrogant ist, sind wir jedenfalls so gut wie tot", erwiderte sie mit Verweis auf Theocrates, warf ihr PADD in eine Ecke und wies auf einen freien Stuhl. "Er weckt in mir dieses ungeheure Verlangen, ihm die Nase zu brechen." Sie grinste düster und fing die Flasche, die die Bajoranerin in ihren Schoß warf. "Nenn mich Inara."

"... April", antwortete die Halbbajoranerin mit einem angedeuteten Nicken, während sie sich von einem anderen Tisch einen Stuhl heran zog und darauf Platz nahm.

"Das Bedürfnis, dem Kerl die Nase zu verbiegen kenne ich verdammt gut!", fügte sie mit einem breiten Grinsen hinzu, während sie sich daran machte, den Verschluss ihrer Flasche zu öffnen.

"Und es wundert mich auch nicht wirklich, dass es einige Leute gibt die Theocrates lieber mausetot sehen wollen ..."

Ein lautes Flopp unterbrach sie, als der Verschluss der Blutweinflasche seinen Widerstand auf gab und geräuschvoll in der Ecke landetet. April fragte sich zum wiederholten Mal, welches klingonische Genie auf die Idee gekommen war, Flaschen einen so ... unpraktischen ... Verschluss zu geben - vor allem weil sie wusste, dass die klingonische Art, diese Flaschen zu öffnen bei weitem nicht auf sehr viel Geduld schließen ließ.

Nur dummerweise mochte April keine Glassplitte in ihrem Wein...

Mit einem breiten Lächeln prostete sie der Trill zu. Inara war so erstaunlich ... unkompliziert. Kein skeptischer Blick, kein hintergründiger Kommentar. April war sichtlich erstaunt, aber auch erfreut darüber, von der Trill so direkt empfangen worden zu sein - sie schienen wohl auf einer Wellenlänge zu liegen.

Wobei sich die Kriegerin im nächsten Moment auch die Frage stellte, was ihr Gegenüber wohl auf die Atlantis verschlagen hatte. Bis jetzt hatte sie auf diesem Schiff kaum jemanden getroffen, der nicht die eine oder andere Leiche im Keller zu verbergen hatte - sie selbst eingeschlossen.

Andererseits war jetzt auch nicht die Zeit, sich über solche Dinge Gedanken zu machen - dafür war der Blutwein viel zu teuer gewesen. Und Fragen zu stellen bedeutete ja nun mal, auch Fragen selbst beantworten zu müssen – etwas, was sie selbst auch nur sehr ungern tat.

"Nun, aber erst mal auf Ihre ... Deine Ankunft an Bord und gute Zusammenarbeit."

"Und auf Theocrates' Nase", gab Inara mit einem Grinsen zurück, bevor sie die Flasche kippte und einen großzügigen Schluck ihre Kehle runter rinnen ließ. Ah, Blutwein. Auf einen Schlag wurde ihr bewusst, dass ihr Körper nach einer guten Flasche Schnaps geschrien hatte, seit das ganze Desaster seinen Anfang genommen hatte - aber nach Elija Intashs Tod war auch alles drunter und drüber gegangen, und jetzt gerade hatte sie zum ersten Mal einen Moment, indem sie einfach nur herumsaß.

Die Gesellschaft verbesserte die Situation zusätzlich. Aus dem Augenwinkel nahm sie den Anblick der Bajoranerin noch einmal in sich auf. Aber April war entweder vollkommen blind dafür, dass Inara sie mit Blicken auszog, oder tat so, als sei sie blind.

So oder so war es ein Jammer.

Mit einem innerlichen Seufzen trank Inara noch einen Schluck. Verdammt, das Zeug brannte im Magen. "Erzähl mir mehr von Theocrates", forderte sie April auf. "Oder von diesem Ferengi, Narbo. Ich glaube, er stiehlt hier Würmer. Muss ja ein merkwürdiges Schiff sein." Sie schüttelte den Kopf und dachte bei der Gelegenheit auch an den Katzenmann Sternenlicht sowie Captain O'Connor, der all diese Leute auf sein Schiff geholt hatte. Eine Bajoranerin, die Blutwein trank... und nicht zu vergessen: eine Trill mit einem gestohlenen Symbionten.

Wahrscheinlich hatten einfach alle an Bord der Atlantis einen Schlag.

Das Brennen des Blutweins in ihrem Magen ließ nach dem zweiten Schluck etwas nach und es breitete sich nun die vertraute wohlige Wärme in Aprils Magen aus. Eine Wärme, die nicht lange andauern würde - spätestens fünf bis sechs Schlucke später würde ihr Rachen und ihr Magen erneut anfangen zu brennen ... der Geist eines ungeübten Trinkers würde dies dann jedoch nur noch am Rande wahrnehmen können.

April ließ für einen Moment ihren Blick auf ihrem attraktiven Gegenüber ruhen. Ihre dunklen Augen hatten die Kriegerin fest fixiert und für ein paar Momente hielt April dem Blick der Trill stand - dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf einen imaginären Punkt weit in die Ferne auf der Wand hinter Inara.

"Nun, Theocrates. Er war schon inoffizieller Sicherheitschef auf der Atlantis, bevor ich hier gestrandet bin - und wir hatten eigentlich von Anfang an ziemliche Reibereien.

Er ist ein ziemlicher Macho - aber das hast du ja auch schon bemerkt."

Ein Lachen kam über Aprils Lippen, welches ihre Verachtung für Pormas nur noch verdeutlichte.

"Und er muss eine sehr bewegte Vergangenheit hinter sich haben. Ein paar Tage, bevor du an Bord gekommen bist, haben wir uns erfolgreich eines Attentäters entledigt, dem Theocrates anscheinend ordentlich auf die Füße getreten ist." April biss sich auf die Unterlippe, während sie an die letzten Ereignisse zurück dachte - und an Connor und Jefferson, die einfach nur das Pech gehabt hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.

April nahm einen weitern Schluck aus der Blutweinflasche und sah dann wieder zu Inara. Die Art und Weise, wie die Trill sie ansah, kam der Kriegerin doch langsam sonderbar vor. Nicht dass es ihr unangenehm gewesen wäre, nur war April eigentlich eher gewohnt, von Männern so begierig angesehen zu werden.

Ein vierter Schluck ... oder schon der Fünfte?

Vorsichtig zauberte sie ein Lächeln auf ihre Lippen und schob entschlossen die dunklen Gedanken an den Tod ihrer Kolleginnen aus ihren Gedanken.

"Narbo ... Narbo ist ein kleiner Halsabschneider - ein Ferengi halt. Ob er Würmer stiehlt, weiß ich nicht, aber es würde mich auch nicht wundern, wenn dem so wäre.

Ihm gehört die Bar hier an Bord und wenn man irgendwelche Informationen haben möchte, die nicht im offiziellen Logbuch stehen, dann ist man bei ihm an der richtigen Adresse. Vorausgesetzt, man hat das entsprechende Latinum parat.

Aber ich glaube ja fast, er hat noch einen anderen Job - was auch immer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Captain ihn und seine schiefen Geschäfte sonst so lange dulden würde."

Der Blutwein in der Kehle der Kriegerin fing nun wie erwartet das zweite Mal an zu brennen. Ein angenehmes Brennen, das an viele gute Abende unter klingonischen Freunden erinnerte.

"Oh... Entschuldigung...", entfuhr es Victor, als er beim Betreten und ersten überwundenem Schrottberg die zwei Frauen trinken sah, "Ich wollte nicht stören..."

April gluckste etwas, als sie sich beinahe an ihrem Blutwein verschluckt hätte und warf dem blondhaarigen Terraner einen neugierigen und durchdringenden Blick zu. Ihr neuer Kollege bei der Sicherheit erinnerte sie fast ein wenig an einen zurückhaltenden Schuljungen, der gerade schuldbewusst bemerkt hatte, dass man ihn beim Klauen von Süßigkeiten entdeckt hatte.

Auf dem Gesicht der Kriegerin breitete sich ein breites Grinsen aus - je länger sie ihn anblickte, desto unsicherer schien Kai zu werden.

"Sie stören nicht, Mr. Victor!", antwortete April und winkte den Mann in den Raum herein. "Nehmen Sie sich einen Stuhl und setzen Sie sich zu uns - wenn Sie noch ein Glas auftreiben, dann gibt es auch etwas Blutwein."

Die Sicherheitlerin schob ihren Anflug von Sentimentalität beiseite. Der Wein und die Gesellschaft waren viel zu gut, um nicht fröhlich zu sein.

Zumindest, wenn Sie sich beeilen!", fügte Inara hinzu und hob die Hand zu einem überschwänglichen Prost, bevor sie noch einen größeren Schluck trank.

Langsam ließ der Blutwein eine angenehme Leichtigkeit in ihrem Kopf zurück. Sie hatte das Zeug zu lange nicht getrunken. Junge, sie sollte mehr von diesem Zeug trinken. Am besten jeden Abend oder so.

Sie warf einen prüfenden Blick auf ihre Flasche. Sie war noch fast zwei Drittel voll.

"Bald ist nämlich nichts mehr übrig."

Das ließ Kai sich nicht zweimal sagen. In all dem Trubel am heutigen Tag konnte es eigentlich nichts Besseres geben, als in angenehmer Gesellschaft ein Gläschen zu trinken.

Es war sein erster freundlicher Empfang, den er hier genoss. Zwar schienen beide Frauen vor allem durch die Abneigung zu seinem neuem Chef zueinander gefunden zu haben, aber das störte den Amerikaner im Augenblick wenig.

Wichtig war es erstmal, ein paar Kontakte zu knüpfen. Und was das freundschaftliche Miteinander anging war er auf vertrautem Gebiet. Zwar war er kein Frauenheld, alleine da er schon glücklich vergeben war, aber unterhalten konnte er.

Ein bisschen unbeholfen kletterte er von dem Müllberg hinunter und kam schlitternd auf dem Boden zum Stehen. Dann nahm er sich einen allein stehenden dreckigen Übertopf ohne Loch und säuberte ihn schnell unter einem Wasserhahn.

Grinsend setzte er sich an den Tisch und schob sein "Glas" zu April hin, die die Flasche schon zum Einschenken erhoben hatte. Mit einem "Danke" nahm er das gefüllte Behältnis zurück und hob es zum Toast hoch.

"Zwar habe ich kein Gastgeschenk mit, aber die Nachricht, dass Mr Theocrates Sie heute nicht mehr aufsuchen wird, hat hoffentlich auch was für sich!"

--- vor Quartier 430

Zufrieden mit sich und der Welt stand Pormas vor der Quartiertür seiner Liebsten. Nachdem er diesen Victor auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hatte und ihm in dem Sicherheitsbüro mit allem ausgestattet hatte. Sein erster Auftrag, sich mit Intash zu beschäftigen würde recht interessant werden. Aber das war ihm jetzt egal. Nachdem er eine Einladung für das morgige Training an Sternenlicht geschickt hatte, hatte er sich direkt auf den Weg zu Llewella gemacht.

Sternenlicht gegen diese blutigen Anfänger... das könnte interessant werden und vor allem lehrreich im Kampf gegen nicht so richtig Humanoide. Zumindest nicht nach Pormas Verständnis.

"Sicherheitscode Pormas, Omicron, Theta, Gamma, Alpha, Omega, Zirkon.", der Sicherheitschef grinste immer wieder bei der Nennung seines Sicherheitscodes. Obwohl ihm gerade einfiel, dass die alltägliche Erinnerung an die sechs Damen mit diesen illustren Namen Llewella sicher nicht gefallen würde. Er beschloss, es demnächst zu ändern.

--- Quartier 430

Leise schlich der Südländer in das Quartier. Der Laut der Dusche klang verheißungsvoll in seinen Ohren. Lautlos zog er sich aus und ging auf Zehenspitzen ins Bad der Ärztin.

Dort angekommen sah er den verführerischen Schatten der Rothaarigen hinter dem Duschvorhang. Pormas wollte schon zu ihr springen, als ihm plötzlich bewusst wurde, dass die Schottin sich eine Wasserdusche genehmigte. Der Gedanke an prasselndes Wasser, so dicht, dass man kaum atmen konnte...

Das Herz des Griechen schlug mit einem Mal erheblich schneller...

Pormas kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich. Schnell konnte er sich wieder beruhigen, schließlich stand er ja nicht unter der Dusche.

Stattdessen legte sich ein schelmisches Grinsen auf sein Gesicht. Mit laut erhobener Stimme rief er: "Sicherheitsüberprüfung! Computer Dusche aus, Quartiertür verriegeln!", er musste sich stark zusammenreißen, als er den Schatten der Ärztin gehörig zusammenfahren sah. Nach dem ersten Schock schien ihr Temperament die Oberhand zu gewinnen und ein erboster Kopf schaute aus dem Duschvorhang heraus.

Der Südländer grinste über das ganze Gesicht, als er sich lässig an die Wand lehnte und sie mit einem Finger heranwinkte. "Alle attraktiven Frauen werden zu einer Leibesvisitation gebeten..."

"Das könnte Dir so passen!", rief die Schottin und versuchte krampfhaft, ihren erbosten Gesichtsausdruck aufrecht zu erhalten, obwohl ihre Augen bereits zu funkeln begonnen hatten. Sie zog ihren Kopf wieder in die Dusche zurück und ergriff das Seifenstück, das sie kurz zuvor erst in seiner Ablage deponiert hatte. Schwungvoll warf sie es in Richtung des Südländers.

Dieser fing es geschickt mit einer Hand ab, bevor es ihn am Kopf erwischte. Das glitschige Stück Seife entschlüpfte fast im selben Moment aus seiner Hand, als er versuchte, es fest zu greifen.

In dem Instinkt es nicht fallen zu lassen, stieß Pormas sich von der Wand ab und beugte sich nach vorne, wild mit den Armen nach dem Seifenstück rudernd. Zwei-, dreimal erwischte es der Südländer, ohne es aber festhalten zu können.

Der Sicherheitschef mühte sich redlich, die widerspenstige Seife zu fassen zu kriegen und begleitete es mit den Worten, "Pormas Theocrates ist noch niemand entwischt!"

Llewella erschwerte die Sache noch, indem sie lauthals lachend Pormas mit Wasser bespritzte. Dieser merkte es nicht einmal, bis er auf dem feuchten Boden den Halt verlor und rücklings zu Boden ging.

Ein erschrockenes "A chiall" entfuhr der Schottin, als sie den Hünen wie einen gefällten Baum auf dem Boden aufprallen sah. Sie riss den Duschvorhang beiseite und eilte zu Pormas, der mit leicht verzerrtem Gesicht auf dem Rücken lag.

In seinen Augen stand trotz des Sturzes noch immer der Schalk. Die Ärztin kniete sich neben den Griechen. Während Wassertropfen aus ihrem Haar auf ihn perlten, meinte Llewella feixend: "Das kommt davon, wenn man harmlose Frauen beim Duschen erschreckt!"

Ein wenig Besorgnis mischte sich nun aber doch in ihren fröhlichen Blick, als Pormas laut aufstöhnte, "Alles in Ordnung?"

Der Südländer linste durch die nun fast geschlossenen Augen und musste bei dem Anblick des besorgten Gesichtes des Ärztin laut auflachen. Die Besorgnis wandelte sich blitzartig in einen süß-verärgerten Blick.

Bevor Llewella etwas sagen konnte, erfasste Pormas sie an ihrem Nacken und zog sie zu einem leidenschaftlichen Kuss zu sich herunter.

Als die Lippen des Griechen die ihren berührten, fiel jeder Gedanke an harte Badezimmerböden, der ihr vorher noch durch den Kopf geschossen war, von ihr ab. Ihre Umgebung vollkommen vergessend erwiderte sie den Kuss und genoss die immer noch ungewohnten Gefühle, die er hervorrief.

Die Haut des Südländers brannte unter den Berührungen der Ärztin. Seine Lippen verzehrten sich nach ihren und seine Brust erbebte, als er ihre Brüste auf sie nieder senken spürte. Für ihn gab es nur noch Llewella und sich selber, die Welt und das Universum um ihm herum war vergessen. Sie war sein Zentrum und zugleich Alles. Niemals zuvor hatte er solche Empfindungen gespürt. Jede Berührung schien wie eine neue Offenbarung, so dass er zugleich hoffte und bangte, wenn sich ihre Lippen voneinander entfernten, nur um sich wieder zu treffen.

Nach einer schier endlos erscheinenden Zeit löste sich die Schottin widerstrebend aus dem Kuss. Sie erhob sich langsam und streckte dem Südländer die Hand entgegen, der ebenfalls aufstand. Llewella schlang ihre Arme um Pormas und schmiegte sich an ihn. Die Zeit schien still zu stehen, als die völlig verzauberte Rothaarige und der Grieche einander festhielten.

"Sollen wir es uns etwas bequemer machen?", fragte Llewella leise, warf einen bedeutsamen Blick in Richtung der Badezimmertüre und hauchte einen Kuss auf Pormas Kinn.

Das ließ sich der Südländer nicht zweimal sagen und hob die Ärztin hoch. Nicht aber wie noch vor einigen Stunden über die Schulter, sondern richtig in die Arme, ohne seinen Blick von ihren Augen abzuwenden. Zwar genoss er auch den Blick auf ihren makellosen Körper, aber ihre blauen Augen waren für ihn der wahre Grund für ihre Schönheit. Denn sie waren das Tor zu ihrer Seele.

"Du bist der schönste Mensch, der mir je begegnet ist", flüsterte er ihr mit ernster Stimme zu, als er sie zum Bett trug und sanft darauf ablegte.

Langsam stieg er zu ihr, legte sich neben sie und fing an, ihren Körper mit Küssen zu benetzen. Er fing mit ihren Zehenspitzen an und ließ seine Lippen den Weg zu den ihren suchen, bis sie sich trafen. Seine Augen strahlten die ihren an und er konnte nicht anders, als ihr eine nasse Haarsträhne liebevoll aus dem Gesicht zu streichen. "Ich werde nie aufhören, dich zu lieben..."

Llewella spürte ihre Augen feucht werden. Sie war gerührt über diese Worte und das Herz floss ihr über. "Das ist nur, weil ich so glücklich bin", mit diesen erklärenden Worten wischte sie sich die kleine Träne aus dem Augenwinkel.

Während sie Pormas zärtlich küsste, gingen ihre Finger auf Wanderschaft, folgten sanft der Kontur seines Schlüsselbeins, strichen vorsichtig über seine Brustwarzen. Wanderten weiter abwärts, umfassten kosend seine Pobacken, so dass sie sich noch enger an ihn schmiegen konnte, während sich ihr Atem beschleunigte und aus dem zärtlichen Kuss ein beinahe fordernder wurde.

Das Herz des Südländers schlug immer heftiger, als er ihre sanften Berührungen an seinem Körper spürte. Zum ersten Mal in seinem Leben fand sich nicht nur sein Körper, sondern auch sein Geist in höchsten Glücksgefühlen wieder. Allein der Atem der Ärztin auf seiner Haut erregte ihn mehr als alles Andere, was er kannte. Fast zögernd fand seine Hand den Weg zu ihrem Gesäß und schmiegte sich noch enger an sie, während er merkte, dass seine Erregung fast wie von alleine den Weg in ihren Schoß fand. Er stöhnte leise auf und verbiss sich darauf in ihren Hals, den Moment festhaltend, als ob es kein Morgen mehr geben würde.

Hatte Llewella schon vorher das Gefühl gehabt, zu glühen, so schien sie jetzt regelrecht in Flammen zu stehen. Jede Berührung sandte wahre Hitzewellen durch ihren Körper, jede Bewegung schien diese immer mehr zu vergrößern, bis sie schließlich über ihr zusammenschlugen und sie nicht mehr denken, sondern nur noch fühlen konnte. Schwerelos trieb sie in einem Meer an Gefühlen, ekstatisch, wunschlos glücklich...

--- Venture, Büro der Sicherheit

Ruhelos ordnete Wagenvoort die Arbeitsutensilien auf seinem Schreibtisch neu, bis alle Stifte ein harmonisches Zwölfeck bildeten.

Vor seinem inneren Auge erschienen alle 54 Diagonalen des Dodekagon...

Seufzend schaute Ruben auf, er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Ihm war nicht nach geometrischen Formen, schon gar nicht nach Harmonischen. Noch immer war er aufgewühlt wegen Jordan.

Fast den ganzen Rückweg von der Atlantis hatten sie beide geschwiegen und erst als ihre Wege auf der Venture sich trennten, verlegene Verabschiedungen gemurmelt.

Vielleicht hätte er sich nicht so weit vorwagen sollen?!

Er wusste es nicht, aber in dem Moment hatte es sich richtig angefühlt.

Er betrachtete wieder die Stifte auf dem Tisch, doch schon nach einer Sekunde verschwamm die Form vor seinen Augen. Kurz schüttelte er den Kopf, um die unwillkommenen Gedanken zu vertreiben.

Zur Ablenkung überflog er dann die Berichte auf dem Bildschirm:

Keine besonderen Vorkommnisse.

In der Bar war es trotz der Feier noch immer zivilisiert. Zumindest waren noch keine weiteren Sicherheitler gerufen worden...

Erneut seufzte er.

Das würde ein langweiliger, langer Abend werden...

Stardust Atlantis