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Venture 27 - Der Bat'leth-Zwischenfall

--- Büro des Captains

Seufzend betrachtete Charles die vorbeiziehenden Sterne, die sich hinter der Venture scheinbar in Nichts auflösten und verschwanden. Das Universum war manchmal sehr flüchtig und die Lebewesen, die es hervorgebracht hatte oft nur ein Lidschlag in der galaktischen Geschichte.

Ihr Handeln blieb so unbedeutend, auch wenn Kriege oder wissenschaftliche Neuerungen das Ergebnis waren. Selbst der Tod eines Bajoraners; nicht mehr als ein Detail im großen Ganzen.

Vor dreieinhalb Monaten hatten sie Anjol zu Grabe getragen, seine sterbliche Hülle in eine nahe Sonne geschossen, die nun für alle Ewigkeit von ihm berichten würde. Und der Captain hatte festgestellt, dass sie alle sterblicher waren, als er sich gerne vormachte. Sicher hatte er schon vorher Personen unter seinem Kommando verloren, aber diesmal füllte er sich wie um tausend Jahre gealtert.

"Captain, wir sind jetzt abflugbereit", verkündete K'bals Stimme mit einem Hauch Genugtuung, "Alle Systeme arbeiten innerhalb normaler Parameter und die Mannschaft ist vollständig an Bord"

Gedankenverloren bestätigte McCarthy die Nachricht und betrat die Brücke. Vielleicht würde er dort etwas abgelenkt werden...

--- Brücke

"Lösen der Andockklammern, jetzt!", befahl der Captain und ließ sich in seinem Stuhl nieder. Das Leder fühlte sich hart und unbequem an, gab ihm aber das angenehme Gefühl von Halt. Seine Finger vergruben sich kurz in dem Material, entspannten sich dann sichtlich, "Flug zu angegebenen Koordinaten mit Warp 3 aufnehmen, Energie! Miss Aillard, schicken Sie dem Maquis Grüße und Dank für die Gastfreundschaft - wir werden uns sicher wieder sehen."

Befriedigt lauschte er dem Summen des perfekt eingestellten Antriebs und der stummen Harmonie der Brückencrew. Selbst dieser Wagenvoort hatte sich irgendwie integriert, auch wenn Charles sich nach wie vor fragte, was der Niederländer in einer Nahkampfsituation machen würde.

Immerhin war er nun Sicherheitschef, nachdem Kuzhumo in Rot gehüllt als Erster Offizier hinter ihm stand. Lieutenant Victor hatte nach den Ereignissen auf dem Maquisstützpunkt um Zeit für weiteres Lernen gebeten und Hisaki hatte willig zugestimmt sie ihm zu gewähren.

Früher oder später würde Kai Sicherheitschef werden, aber nach Anjols Tod war noch nicht die Zeit dazu gewesen. So wie es aussah würde Ruben sich aber höchstwahrscheinlich bei dem ersten Einsatz aus Ungeschicklichkeit selbst erschießen, auch wenn er was Organisation und Fachwissen anging sogar Kuzhumo ebenbürtig war.

"Ende der Alphaschicht", verkündete die Computerstimme in diesem Moment und alle Brückenoffiziere schienen erleichtert aufzuatmen, als die Betaschicht die Brücke betrat und die Stationen übernahm.

McCarthy selbst würde wohl noch etwas hier bleiben und die vorbeiziehenden Sterne auf dem Hauptschirm verfolgen...

--- Krankenstation

Auf der Krankenstation herrschte Hochbetrieb. Ein Replikator im Bereitschaftsraum des Reinigungspersonals hatte aufgrund einer Fehlfunktion stundenlang versucht, bei Bestellungen zeitgleich auf die terranische und die purnäsische Getränkedatenbank zuzugreifen, bis jemand den Fehler bemerkte. Die Wirkung der so synthetisierten Aminosäureketten, an denen jeder Biologe seine wahre Freude gehabt hätte - Cailin hatte bereits eine Probe beiseite gelegt und dem wissenschaftlichen Labor übersandt -, trat erst nach einigen Stunden ein, und die beiden Ärztinnen hatten die Hälfte ihrer Schicht damit verbracht herauszufinden, wie sich die gelben Pusteln wieder beseitigen ließen.

"Fertig", stellte Jordan fest und sah von ihrem Tricorder auf, um ihre Patientin anzusehen. "Wir denken nicht, dass sich irgendwelche anderen Auswirkungen zeigen werden, nachdem sie jetzt noch nicht eingetreten sind. Aber sicher ist sicher - kommen Sie auf jeden Fall auf die Krankenstation, wenn sie irgendetwas Ungewöhnliches an sich bemerken."

"Natürlich, Doktor. Danke, Doktor", erwiderte die Afrikanerin erleichtert, nachdem sie immerhin Stunden unter Quarantäne hinter einem Kraftfeld verbracht hatte, bis ein Techniker Entwarnung gab, dass es sich wohl um keine unbekannte Seuche handelte, "Kann ich jetzt gehen?"

Die Ärztin nickte und sah der Frau nach, während sie sich von ihrem Biobett erhob und mit großen Schritten zum Ausgang lief. Dann sah sie sich um und stellte erleichtert fest, dass niemand mehr wartete. Cailin behandelte am anderen Ende der Station gemeinsam mit Lisa Dallas den letzten Patienten.

Ein weiterer Blick auf das Schiffschronometer sagte ihr, dass die Schicht gerade beendet war. Wunderbar, überlegte sie trocken - ihr Dienst begann. Auf der Venture pflegten manchmal Tage zu vergehen, ohne dass sie eine freie Minute hatte. Die gesamte Belegschaft des Reinigungspersonals zu versorgen, konnte auch der beste Arzt schwerlich alleine schaffen.

Andererseits hatte sie für die nächsten Stunden lediglich Bereitschaftsdienst, mit dem die Purna und sie sich abwechselten. So konnten Dallas, Norgaard oder Jones sie rufen, wenn es erforderlich war.

Jordan nickte der Purna noch kurz zu, dann verstaute sie alle Geräte ordnungsgemäß, wo sie hingehörten, und trat in das Büro des Chefarztes im hinteren Bereich der Station.

--- Krankenstation, Büro

Bei dem Büro handelte es sich möglicherweise um das unpersönlichste im gesamten Schiff. Offiziell stand Jordan als stellvertretende leitende medizinische Offizierin auf der Gehaltsliste. Inoffiziell gab es keine Gehaltsliste und faktisch teilten beide Ärztinnen die Arbeit zu gleichen Teilen unter sich auf. Als ehemalige hochdekorierte Sternenflottenoffizierin besaß die Britin ein größeres Maß an Erfahrung und teilte dies nun mit ihrer Vorgesetzten, die vor diesem Posten niemals eine leitende Position eingenommen hatte. Zu Besprechungen beim Captain erschienen beide abwechselnd; die bürokratischen Aufgaben der Krankenstation erledigte größtenteils Jordan, so dass Cailin mehr Zeit für ihre Aufgabe als Hilfscounselor blieb.

Da sie nun beide den Raum teilten, hatte keine von ihnen ihn mit persönlichen Gegenständen ausgestattet, und bis auf das vereinsamte Bild einer schottischen Berglandschaft, einem Überbleibsel der früheren Chefärztin, wirkte er kahl und steril.

Die Engländerin achtete kaum darauf. Als sie den Raum betrat, heftete sich ihr Blick auf die wenigen wartenden Padds; da Cailin den Bericht über die Auswirkungen der Replikatorfehlfunktion verfassen würde, war nichts Dringendes dabei.

Sie runzelte die Stirn, als sie sich auf ihrem Stuhl niederließ und ihr Blick dabei auf einer der vielen Notizen hängen blieb; kurzerhand ergriff sie das Padd und überflog es ein weiteres Mal. Es zeigte einen Bericht über ein Phänomen, das seinen Anfang genommen haben musste, als sie ihren ersten Tag an Bord verbrachte und sie den Bajoraner Anjol auf eine Geschlechtskrankheit hin untersuchte.

Als sie sah, dass Norgaard in seiner präzisen Art in der letzten Schicht zwei weitere Patienten - eine russische Botanikerin und einen Sicherheitsoffizier - in die länger werdende Liste eingetragen hatte, seufzte sie. Die Botanikerin hatte den gleichen Sexualpartner angegeben wie beim letzten Mal, doch Jordan traute dem monogamen Frieden an Bord schon lange nicht mehr. Alle Behandlungen hätten ein Netz aus Beziehungen zwischen den an Tereon Alpha Erkrankten herstellen müssen, taten es allerdings nicht. Eine Hochrechnung in einer müßigen Minute hatten zu schwindelerregenden Ergebnissen geführt - im Gegensatz zu Anjol bemerkten die meisten Männer den Erreger nicht.

Nun gut; da sie die ersten Tereon-Patienten behandelt hatte, lag der 'Fall' in ihren Händen. Sie konnte genauso gut jetzt dagegen vorgehen wie morgen, nur dass sie jetzt gerade nichts zu tun hatte.

Die schmächtige Britin heftete den medizinischen Tricorder ohne den man sie nie außerhalb der Krankenstation sah, an ihren Gürtel, nahm das Padd in die Hand und verließ den Raum.

--- Brücke

Als die Türen des Turbolifts sich öffneten wandte McCarthy sich in seinem Sitz um und sah Jordan entgegen, die gerade die Brücke betrat.

"Captain", sprach ihn die Ärztin an und blieb gelassen neben einer Konsole stehen, "Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?" Sie nickte in Richtung seines Büros um anzudeuten, dass es wichtig war.

Überrascht schaute McCarthy von einem PADD auf, welches die neuesten Personalbeurteilungen der Crew enthielt: Drei Beförderungen, eine Degradierung sowie eine Vielzahl von Kleinkram; die übliche Mischung, welche kaum seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Kuzhumo erstellte ähnliche Berichte jeden Montag, was aufgrund der gewissenhaften Art des Japaners selten weniger als zwei Stunden beanspruchte, so dass der Captain die einzelnen Punkte nur überflog und genehmigte.

Der Besuch der Ärztin dagegen kam eher einer Seltenheit gleich und hatte sicher nichts mit einer negativen Beurteilung zu tun. Im Gegenteil beschrieb Cailin ihre fachlichen Leistungen als überdurchschnittlich, was Charles bei dem selbstbewussten Auftreten der Frau auch kaum wunderte.

"Aber natürlich, Doktor", gab er im Aufstehen zurück und wies mit einer Hand in Richtung des Büros, während er sich über die Abwechslung zu freuen begann.

--- Büro des Captains

Miss Kincaid trat vor ihm durch die Tür und wartete stehend, bis der Captain den Tisch umrundet hatte und sich die Uniform glattziehend setzte. Erst dann nahm sie ihm gegenüber Platz und Charles musterte sie kurz, doch ihrem Gesicht war nichts zu entnehmen.

"Wie kann ich Ihnen helfen, Doktor?", fragte er, um gleich stirnrunzelnd hinzuzufügen, "Gibt es wieder Ärger mit diesem Abraham?!"

"Nein, Captain, keine Probleme", erwiderte Jordan und nutzte die Gelegenheit, sich kurz in dem Raum umzusehen, in dem sie immerhin noch nie gewesen war. Akkurat eingerichtet entsprach er dem Bild, das sie von McCarthy hatte. Auf Anhieb fühlte sie sich wohl in seiner Gegenwart; der Mann war vor allem ein guter Offizier und erst später ein Mensch. Genau die Sorte, mit der die Ärztin gut umgehen konnte. "Abraham steht jetzt unter der Aufsicht von Mr. Norgaard und scheint sich mittlerweile einzuleben."

Sie reichte dem Captain das Padd, das sie mitgebracht hatte, bevor sie weitersprach. Er sah sie kurz fragend an, begann es dann allerdings schweigend zu studieren, während sie erzählte. Selbstverständlich nannte ihr Bericht keine Namen, sondern listete lediglich Patientenzahlen und eine Hochrechnung zur wahrscheinlichen Verbreitung der Krankheit.

"Es geht um ein anderes Problem. An Bord grasiert seit einigen Monaten ein Virus namens Tereon Alpha. Es handelt sich dabei um eine sehr leichte Erkrankung, die niemanden gefährdet, durch ihre Hartnäckigkeit allerdings ein Problem darstellt. Vor anderthalb Monaten glaubten wir, sie eingedämmt zu haben, was sich nun aber als Fehleinschätzung herausstellte."

Jordan verzichtete darauf, McCarthy zu erklären, worum es sich bei dem vulkanischen Virus genau handelte. Es erschien ihr absolut nicht notwendig; wenn es ihn interessierte, sollte er fragen. Sie hielt überhaupt nichts von eifrigen Sternenflottenoffizieren, die vor einer Besprechung erst mühselige Präsentationen vorbereiteten, um allerlei nutzloses Zeug anhand süßer kleiner Bildchen erklären zu können. Außerdem hatte sie niemanden, an den sie die Aufgabe delegieren könnte.

"Tereon Alpha bricht nicht bei jedem aus, der sich infiziert hat. Wir sind daher auf die Angaben der Patienten angewiesen, die jedoch unvollständig zu sein scheinen. Zur Lösung des Problems bieten sich zwei Vorgehensweisen an", fuhr sie fort, "Einerseits könnten wir eine schiffsweite Behandlung an allen Crewmen durchführen, wie es die Sternenflottenverordnungen in dem Fall diktieren. Dafür würden wir Zeit, zusätzliches Personal und eine größere Menge Replikatorleistung benötigen"

Selbstredend hatte sie auch dafür ein passendes Padd zur Hand. Am Stirnrunzeln des Captains erkannte sie, dass ihm die Idee nicht besonders gefiel. "Andererseits machen mich die lückenhaften Angaben der Patienten misstrauisch. Es gibt da ein Muster, das ich nicht durchschaue. Vielleicht wäre es nützlich, wenn Sie der Krankenstation einen Sicherheitsoffizier zuteilen, der der Sache auf den Grund geht. Wenn er dem Kern allen Übels nicht auf die Spur kommt, können wir immer noch auf die andere Möglichkeit zurückkommen"

Fragend sah sie den Captain an und erwartete seine Entscheidung.

Nur mühsam unterdrückte McCarthy jegliche sichtbare Regung, während er sich über die große Diskretion der Ärztin amüsierte: Als Sternenflottenoffizier hatte er nicht selten Fälle von Geschlechtskrankheiten beobachtet, zwar nicht in diesem Ausmaße, aber anscheinend lag dies an der besonderen Hartnäckigkeit des Erregers.

Vor Jahrhunderten waren bei der Marine Präservative verteilt worden und manchmal fragte sich Charles, wieso das Flottekommando mit dieser sinnvollen Tradition gebrochen hatte. Wenn so viele Frauen und Männer auf engem Raum zusammenlebten, bedeutete das oft eine sehr hohe Intimität und das All beherbergte Millionen Krankheiten, die nur auf eine Gelegenheit warteten.

'Wenn sie ein Geheimnis draus machen will', überlegte der Captain innerlich achselzuckend, 'Vielleicht hat sie ja ein Problem damit, über Sexualität zu sprechen'

"Fürs erste sollte der Sicherheitler reichen und ich denke, mit Mister Wagenvoort haben wir auch genau die geeignete Person an Bord - wenn es ein Muster gibt, wird er es früher oder später auch finden", antwortete er der Ärztin emotionslos, um gleich darauf das PADD zurückzureichen.

"Sir", sie nickte ihm nur noch einmal zu, da sie alles für gesagt hielt, und verließ das Büro.

--- Turbolift, kurz darauf

"Mannschaftsmesse", gab Jordan an, nachdem sie die Brücke verlassen hatte. Sie wartete, bis der Computer den Befehl bestätigt hatte, dann aktivierte sie ihren Kommunikator. Wenn sie schon einmal freie Zeit hatte, konnte sie die genauso gut nutzen, um gleich den neuen Sicherheitschef anzusprechen.

Sie hatte den Mann, der immerhin ebenfalls Europäer war, bisher nur flüchtig bei Besprechungen gesehen. Er schien sich nicht oft zu gesellschaftlichen Anlässen zu zeigen. Er war ihr nicht gerade als... typischer Offizier erschienen, aber wenn er in dem Job arbeitete, den Hisaki wohl sehr gut ausgefüllt hatte, wusste er wahrscheinlich, was er tat:

"Kincaid an Wagenvoort. Treffen Sie mich in der Bar? Der Captain hat mich in einer medizinischen Angelegenheit an Sie verwiesen."

--- Fitnessraum

'siiiieeebenundzwanzig, hch, hch, achchchchtundzwwwwwwanzig, hch, hch, hch, nnnnoiiii......., ufff'

Schwer atmend ließ der Chinese die Hanteln in ihre Halterung zurücksinken.

28 Pushs beim Bankdrücken mit den 70-Kilo-Hanteln.

Nicht schlecht. Er war zufrieden.

Völlig ausgepumpt lag er auf der Bank und spürte den Schweiß nicht, der sein Hemd durchtränkte.

Nur hier im Fitnessraum konnte er sich derzeit wohl fühlen.

Shania war weg, einfach verschwunden. Hatte wohl doch noch Fracksausen bekommen. Das war der Fluch seines Lebens. Er wurde nie irgendwo heimisch, und er wurde immer verlassen. Im besten Falle.

Im ungünstigsten Falle wurde er von allen gemieden und geschnitten.

Auf der Venture hatte er es mal wieder geschafft, innerhalb kürzester Zeit die Außenseiterrolle zu spielen, die er auch schon anderswo so oft inne gehabt hatte.

Auch wenn Kai Viktor in höchsten Tönen die Kampffertigkeiten von Chi-Lo gelobt hatte, alle wussten, dass er im Shuttle durchgedreht war. Und nicht wenige machten ihn für den Tod von Anjol verantwortlich.

Captain McCarthy hatte reagiert wie ein Sternenflottencaptain: Vorläufige Suspendierung vom Dienst (was recht kurios war, weil Chi-Lo seinen Dienst nie offiziell angetreten hatte, aber für diesen Sonderfall sahen die Sternenflottenstatuten naturgemäß keine Regelung vor, und so nahm McCarthy eben die Dienstvorschriften, die auf diesen Fall noch am Ehesten zutrafen. McCarthy war eben immer noch ein Sternenflottenoffizier und kein Guerillakämpfer, immer wieder blitzte das bei seiner Art, das Schiff zu führen, durch), bis der Fall untersucht und endgültig geklärt war.

Die Genesung in der Krankenstation (Jordan hatte sich zwischenzeitlich sehr besorgt gezeigt, dass Chi-Lo vielleicht gelähmt werden könnte, aber inzwischen war er körperlich wieder voll hergestellt, fast besser als im "Originalzustand") hatte fast zwei Monate in Anspruch genommen. Erst danach war er mehrmals zu den Vorfällen auf der Maquisbasis und im Shuttle befragt worden, aber immer wieder kam es zu Verzögerungen, neuerlichen Auswertungen der stark beschädigten Daten, und so weiter.

Zudem wurde noch immer nach der vulkanischen Verräterin gefahndet, wer sie wohl war und im welchem Auftrag sie handelte.

Waagenvoort, der neue Sicherheitschef, schien wenig geneigt, den Chinesen schuldlos sprechen zu wollen, allerdings hatte er noch nichts wirklich Stichhaltiges in der Hand. Und deshalb, so vermutete der Chinese, waren die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Er war sich sicher, dass er es einzig und allein der Fürsprache Kai Viktors zu verdanken hatte, dass er noch nicht verurteilt worden war. Aber so lange die Untersuchungen noch liefen, durfte er das Schiff auch nicht verlassen.

Nun gut, Chi-Lo hätte bei der ersten Begegnung mit Waagenvoort auf der Krankenstation nicht unbedingt...

Der Chinese wischte diesen Gedanken beiseite. Erste Begegnungen mit Vorgesetzten verliefen bei ihm grundsätzlich katastrophal.

Jedenfalls konnte Chi-Lo seit sechs Wochen nichts anderes tun, als sich Gedanken über Shania zu machen und im Kraftraum auszutoben. Selbst Gorm und Chedu mieden ihn.

Wenn er nicht bald eine Aufgabe bekam, würde er noch wahnsinnig werden.

Er richtete sich auf, ging zu einer Bodenmatte und begann mit einer Reihe von einarmig ausgeführten Liegestützen.

'Eins, zwei, drei, vier, fünf sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn, neunzehn, zwwwwwanzig, einnnnnundzwwwwanzig,...'

--- Büro des Sicherheitschefs

Innerlich seufzend blickte Ruben hinter dem Stapel von PADDs auf, welchen Trustman in einem üblichen Anfall von Korrektheit vor wenigen Minuten aufgetürmt hatte. Aber nicht genug, dass der Afrikaner scheinbar jeden Schritt der gesamten Besatzung protokollierte.

Nein, jedes Mal blieb er abwartend direkt vor dem Tisch des Sicherheitschef stehen und musterte ihn wie eine Statue, während der Niederländer sich durch die belanglosesten Details kämpfen musste: Wen kümmerte es schon ernsthaft, dass in den letzten drei Wochen mehrere Werkzeuge als verschwunden gemeldet worden waren.

Nichts von größerem Wert, aber dummerweise fiel eines der Laserschweißgeräte unter die recht wage Definition einer Waffe, was Lieutenant Trustman auf den Plan gerufen hatte. Zweifelsohne lagen alle vermissten Geräte in irgendwelchen Röhren, aber solange dies nicht geklärt war, würde Eric die Angelegenheit als kriminelle Bedrohung sehen.

'Vielleicht erwägt er schon das Kriegsrecht auf den unteren Decks zu verhängen', spukte es dem Holländer durch den Kopf, während die funkelnden Augen seines Untergebenen weiterhin jede seiner Fasern zu durchdringen schienen.

"Ähh, das ist ja alles sehr interessant und ich denke, wir sollten eine Untersuchung in Erwägung ziehen, Mister Trustman", brachte Ruben stockend hervor, ohne seinem Gegenüber irgendeine Regung zu entlocken, "Vielleicht sollten wir diesen Chi-Lo mit der Ermittlung beauftragen, nachdem keine weiteren Daten die Anschuldigungen gegen ihn untermauern..."

Zum Ende hin war Wagenvoort immer leiser geworden, nachdem Erics Unterkiefer plötzlich missbilligend zu knirschen begonnen hatte.

'Wo bekommt die Sternenflotte bloß diese Psychopathen her?', fragte er sich händeringend, als sich ein interner Kom-Kanal öffnete und die Nachricht der Ärztin ihn erreichte...

--- Bar

Nach wenigen Minuten hatte Jordan die Bar erreicht.

Schon lange hatte sie sich an das leicht anrüchige Ambiente des "Tanzenden Liebesdieners" ebenso wie an seinen kuriosen Titel bemerkt und beachtete beides nur noch, wenn man sie darauf hinwies. Es handelte sich nun mal lediglich um einen weiteren Aspekt des Alltags auf einem nicht sehr alltäglichen Schiff wie der Venture.

Sogar mit eCroft hatte sich die spröde Engländerin mittlerweile arrangiert und der Androide, der seine Annäherungsversuche erst gar nicht gestartet, dann nachdrücklich nachgeholt und schnell wieder eingestellt hatte, nickte ihr nur kurz von der Theke aus zu und machte sich daran, ihren Tee zu replizieren, ohne dass sie ihn erst darum bitten musste.

Kai Victor, der mit seiner Freundin Isabelle an einem Ecktisch saß, grüßte sie freundlich, und das eine oder andere Mannschaftsmitglied tat es ihnen nach.

Als Jordan einen Tisch am Panoramafenster erreicht hatte, sich setzte und die Padds beiseite legte, nahte eCroft bereits mit ihrem Tee. Während sie die Milch darin verrührte, sah sie hinüber zur Eingangstür und wartete auf den Sicherheitschef.

--- Gänge, Deck 5

Auf dem Weg hatte Ruben sich immer wieder umgedreht und gehetzt versichert, dass Trustman ihm nicht nach Blut lüsternd folgte. Der Kerl war ihm einfach nicht geheuer; sprach kein überflüssiges Wort und dann dieser Blick... Er war erleichtert, als er die Bar erreichte.

--- Bar

Dem Niederländer fröstelte es noch immer etwas, doch nach Betreten der Bar fühlte er sich ein wenig sicherer: Bei so vielen Zeugen konnte einem eigentlich nichts passieren. Plötzlich fühlte er sich etwas lächerlich, immerhin war _er_ der Sicherheitschef und fürchtete sich vor seinem eigenen Untergebenen. Doch diese Crew war anders.

Seeeehr viel anders.

Einen kurzen Moment später hatte er Jordan an einem der äußeren Tische entdeckt. Die restliche Mannschaft ging ihrer Freizeit nach und wirkte recht entspannt. Ein ganz normaler Tag also; ein normaler Tag, der Ruben kaum forderte.

"Sie wollten mich sprechen, Doktor?", begrüßte Wagenvoort die Ärztin fragend. Vielleicht ergab sich ja aus dieser geheimnisvollen Anfrage eine anregende Aufgabe...

--- Alnaks Quartier

Angestrengt durchsuchte Yhea den ganzen Berg von PADDs, die sich auf seinem Schreibtisch auftürmten. Geschlagene fünfzehn Minuten war er jetzt schon damit beschäftigt, dass PADD zu suchen, auf welchem er sich den neuen Personalplan notiert hatte. Daran hatte er etliche Stunden gearbeitet und er hatte absolut keine Lust, sich wieder dran zu setzten und die Liste neu zu erstellen.

"Verdammt noch mal, irgendwo muss dieses Mistding doch sein", fluchte er und schob einen weiteren Berg beiseite, den er schon durchgesehen hatte. Doch trotzdem war das Ding nicht auffindbar. So langsam gingen ihm die Möglichkeiten aus, wo er suchen konnte. In seinem Quartier hatte er an sämtlichen Stellen nachgeschaut und auch im Maschinenraum hatte er es nicht gefunden. Wo konnte es denn noch sein?

Als ihm eine Idee kam, sprang er auf und lief zum Kleiderschrank. Schnell durchkramte er sämtliche Taschen der Kleider, die er in den letzten Tagen angehabt hatte. Doch auch diesmal tauchte das PADD nicht auf.

"Das darf doch nicht wahr sein. Irgendwo muss ich es doch hingelegt haben", überlegte er.

Ziellos irrte er durch sein Quartier, doch eine neue Eingebung kam ihm dabei nicht. Doch als er am Replikator vorbei kam, blieb er kurz stehen und holte sich einen neuen Kaffee.

Nach der Sache damals im Maschinenraum hatte er beinahe vier Wochen keinen Kaffee mehr getrunken, doch irgendwann siegte die Sucht über die Angst. Und zu seiner Überraschung war dann auch nichts mehr passiert. Bis heute waren ihm beim Genuss einer Tasse Kaffee keine irrsinnigen Figuren mehr erschienen und ehrlich gesagt dachte er kaum noch an den Vorfall. Nur manchmal schoss die Erinnerung zurück und ließ ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen.

Nach ein paar weiteren Runden durch sein Quartier und ein paar Schlucken Kaffee, kam ihm die Idee, dass er das PADD, welches er suchte, vielleicht beim letzten Essen in der Bar liegen geblieben war. Denn dort hatte er die letzten Feinheiten notiert. Sofort tippte er auf seinen Kommunikator:

"Alnak an eCroft"

"Hier eCroft", kam es kurze Zeit später zurück, "Was kann ich für Sie tun Mister Alnak?"

"Kann es sein", antwortete Yhea, "dass ich gestern ein PADD in der Bar liegen gelassen habe? An dem Tisch, wo ich gegessen habe?"

"Hmm, nicht das ich wüsste. Also ich habe nichts gefunden. Vielleicht hat es jemand mitgenommen?"

Wütend auf sich selbst, dass er das PADD verschlampt hatte, ballte Yhea die Hände zusammen und antwortete schlecht gelaunt: "Danke, dann habe ich es wo anders hingelegt. Alnak Ende"

Er könnte sich prügeln. Stundenlange Arbeit umsonst. Und dann auch noch Arbeit, die hm überhaupt keinen Spaß machte. Nur leider fielen Personalfragen in seinen Bereich als Abteilungsleiter.

'Wahrscheinlich sind das die Dinge, die keiner leiden kann', dachte er und ließ sich einen Sessel fallen. Und während er weiter seinen Kaffee trank, dachte er darüber nach, wie er das PADD wieder finden konnte.

--- Bar

Mit kritischem Blick musterte Jordan den Niederländer einen Augenblick lang. Wie durch ein Wunder war sie ihm noch nie auf der Krankenstation begegnet, und so hatte sie keine Ahnung davon, dass die letzte Gute-Nacht-Lektüre ihrer Vorgesetzten die Krankenakte Rubens gewesen sein müsste.

Jetzt bemerkte sie mit dem geschulten Auge einer Ärztin dessen Blässe und die blutunterlaufenen roten Augen, die sie zwar früher schon zur Notiz genommen, aber nie bewusst registriert hatte. Wenn sie nicht alles täuschte, war er außerdem erkältet. Ihr Blick wanderte weiter auf seine Hände, die auf dem Tisch lagen und etwas unruhig zitterten. Vor ihr saß definitiv ein potentieller Patient.

Doch dazu später - nun ging es erst einmal um Tereon Alpha:

"Es geht nicht direkt um eine Angelegenheit der Schiffssicherheit, sondern vielmehr um fehlerhafte medizinische Angaben von Crewmitgliedern, aus denen ich nicht ganz schlau werde. Vielleicht können Sie mir ja helfen"

Knapp schilderte Jordan das Problem, wie sie es auch vorher dem Captain erklärt hatte. Schließlich reichte sie Wagenvoort die dazugehörigen Padds mit den nötigen Daten und sah ihn aufmerksam an.

Die musternden Augen der Ärztin irritierten den Niederländer zunächst, doch dann versank er ganz in den Berichten, die in den Padds gespeichert waren. Zwar enthielten sie keinerlei Daten über die Art der Erkrankung oder gar die Namen der Betroffenen, jedoch war die Inkubationszeit angegeben, sowie statistische Daten über Alter, Spezies und Geschlecht der Patienten.

Danach waren hauptsächlich Personen der Altersgruppe 20-35 betroffen, wobei der Wert bei Männern bis in die mittleren Altersschichten variierte. Gemessen an dem Besatzungsanteil waren Menschen überdurchschnittlich häufig erkrankt...

'Moment mal!', schrie plötzlich eine innere Stimme in Wagenvoort auf und schnell scrollte er ein paar Seiten zurück, um erstaunt seine Beobachtung überprüft zu sehen. Eine Basis, die Ausgangspunkt für erste Ermittlungen sein würde.

"Da Sie verständlicherweise an der ärztlichen Schweigepflicht festhalten ist eine Untersuchung mit rein statistischem Material selbst für mich sehr schwer. Allerdings sind mir einige Details aufgefallen, bei denen Sie mir vielleicht Auskunft erstatten könnten", bat er Jordan und vermied es ihr lange in die Augen zu sehen.

Als medizinischer Offizier hatte Cailin sie sicher von seinem Krankenprofil informiert, welches sehr umfangreich war. Also kannte sie jetzt jede seiner Erkrankungen, wodurch der Niederländer sich beinahe nackt fühlte.

Bisher hatte er es stets vermieden, privat mit Ärzten zu tun zu haben, da ihre Präsenz ihn ständig an seine Leiden erinnerte. Unsicher sog er etwas Luft in seine Lungen ein, die jetzt besonders unangenehm zu kribbeln schien.

"Nach dem erstmaligen Auftreten breitete sich die Erkrankung wellenförmig aus: Betrachtet man die Inkubationszeiten, so scheint das ansteckende Ereignis alle drei bis vier Tage stattzufinden, was mich zu der Frage der Übertragungsart bringt.

Außerdem finde ich es erstaunlich, dass ein von Vulkan stammendes Virus sich trotz eines Besatzungsanteils von 13,89 Prozent auf keinen Vulkanier ausgewirkt hat. Haben Sie eine Erklärung dafür?", schloss er seine erste Analyse und wartete auf eine Antwort, die hoffentlich etwas Licht in die Sache bringen würde.

"Ihre beiden Fragen laufen auf dieselbe Antwort hinaus", erwiderte Jordan etwas verwundert. Der Niederländer irritierte sie - warum wich er ihrem Blick aus? Es schien fast, als sei es ihm unangenehm, mit ihr umzugehen. Die Ärztin bedauerte mit einem Mal, dass es keinen Counselor an Bord gab, der sich um solche Fälle kümmern konnte. Die Anstrengungen Cailins bedeuteten da auch nur einen geringen Ersatz. Der Mann hatte ja offensichtlich irgendein Problem.

Außerdem amüsierte es sie ein wenig, dass ihm ein so versteckter logischer Zusammenhang sofort ins Auge springen konnte, ihm aber die sehr menschliche Erklärung dafür zu entgehen schien.

"Es handelt sich um eine Geschlechtskrankheit", fuhr sie fort, obwohl das doch auch sicher irgendwo in ihren Aufzeichnungen gestanden hatte, "Und sie wird ausschließlich beim Geschlechtsverkehr übertragen. Die Vulkanier hier an Bord sind allerdings verheiratet und mit ihrem Ehepartner an Bord - und offensichtlich treu", konnte sie sich nicht verkneifen, trocken hinzuzufügen, "oder, im anderen Fall, momentan nicht im Pon Farr und somit nicht auf Partnersuche.

Allerdings sind die meisten Spezies für das Virus empfänglich", fuhr sie erklärend fort, "Es reicht, dass sich irgendwann irgend jemand damit infiziert und es auf die Venture eingeschleppt hat. Mein erster Patient kann allerdings nicht mehr dazu befragt werden, und es muss uns ja auch nicht interessieren, woher es ursprünglich kommt, sondern wie wir es loswerden"

Sie sah ihn aufmerksam an, doch Wagenvoort wich ihrem Blick erneut aus und musterte nervös seine Finger, die unruhig auf dem Tisch trommelten. Stirnrunzelnd rührte Jordan in ihrem Tee, bevor sie einen Schluck trank, und ließ ihn dabei nicht aus den Augen. Vielleicht war ihm das Thema ja einfach nur peinlich, aber daran glaubte sie nicht so recht. Irgendwas war da doch los.

Bei der Erklärung der Ärztin war Ruben leicht errötet: Eine so auf der Hand liegende Lösung nicht zu erkennen beleidigte geradezu seinen Intellekt.

Andererseits war dieses Thema ihm ja auch nicht vertraut...

Was seine Ermittlungen aber nicht beeinflussen würde! So versuchte sich der Niederländer wenigstens zu motivieren, aber irgendwie blieb ein Rest innerer Zweifel zurück. Grübelnd musterte er die Tischplatte und wie seine bleichen Fingerknöchel unruhig auf ihr herumtrommelten.

"Nun, das erklärt wirklich einiges", brachte er schließlich mühsam hervor, nicht ohne den besorgten Blick der Frau zu bemerken. Rasch zog er seine Hände zurück und zwang sich krampfhaft seine Verspannung nicht weiter zu zeigen. Mit Sicherheit wäre es äußerst unhöflich sie auf seine Hemmungen im Umgang mit Medizinern hinzuweisen.

"Bei der schnellen Verbreitung an Bord", fahrig wies Ruben auf eins der Padds, "scheint die Mannschaft sich ja rege ähhh zu betätigen. Ich bin nicht sonderlich bewandert was Sex angeht, aber sollte die Partnerwahl nicht in deutlich sittlicheren Bahnen verlaufen?"

Der letzte Satz hatte Wagenvoort die Bleichheit aus dem Gesicht vertrieben und seine Wangen in Tomaten verwandelt. Warum hatte er nur die Vermutung, dass dieser Fall mit nichts zu vergleichen war, was ihn bisher gefordert hatte?!

Schweigen.

Scheinbar hatte er einen wunden Punkt bei dieser Jordan berührt, aber vielleicht musste sie auch bloß aufstoßen und machte deshalb den Mund nicht auf - Ruben passierte das öfters mal, wenn er dieses Mittel gegen seine beinahe chronische Gastritis einnahm - jedenfalls war eine äußerst lange und peinliche Pause eingetreten, während immer noch das Wort "Sex" in der Luft hing.

Die Röte stieg ihm ins Gesicht und er senkte verlegen den Kopf; tat so, als wenn er vertieft in dem Padd lesen würde, aber eigentlich war ihm nur etwas schwindelig geworden.

"Wir können diese Frage natürlich auch später erörtern...", durchbrach der Niederländer leise die Stille und war von seiner eigenen Stimme beinahe erschreckt, so dass er den Satz in einem leichten Hustenanfall untergehen ließ.

Jordan räusperte sich ein wenig und schaffte es endlich, den Blick von Ruben zu lösen und weiterzusprechen, wobei sie die entstandene Pause überspielte, in der sie sehr ernsthaft überlegt hatte, ob der Niederländer sich gerade über sie lustig machte oder nicht. Nun, offensichtlich nicht.

"Ähm, nein, Sie haben völlig recht. Terraner sind in der Regel weitaus monogamer", erwiderte sie todernst und verbot sich gewaltsam jedes unangemessene Grinsen, "Und ich nehme an, zumindest auf einen Großteil der Besatzung der Venture trifft das auch zu"

Die Ärztin runzelte die Stirn und fügte etwas verärgert hinzu: "Und von mir aus kann die Mannschaft auch so viele Orgien feiern, wie sie will. Nur sollen Sie mir nicht aus falschem Schamgefühl die Arbeit unnötig erschweren"

Die andere Möglichkeit erwähnte sie dann doch lieber nicht: vielleicht hatten ihre Patienten auch einfach den Überblick verloren.

--- Alnaks Quartier, 2 Kaffees später

Schwungvoll stellte er die leere Kaffeetasse auf seinen Schreibtisch und stand auf. Er hatte es aufgegeben, das PADD zu suchen und stattdessen während des Kaffeetrinkens seine Gedanken schweifen lassen. Er hatte über die letzten Monate nachgedacht. An seinen Aufenthalt an Bord der Venture, an die zurückliegenden Missionen und deren Ausgang; und natürlich auch an die Zukunft.

Was würde wohl ihre nächste Aufgabe sein? Soweit er wusste, waren die Verhandlungen mit dem Maquis abgeschlossen und in der neutralen Zone, wo sie normalerweise waren, war zurzeit auch alles in Butter. Die Romulaner verhielten sich im Moment sehr ruhig und die Kolonisten waren schwer mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Was konnte also noch kommen? Da passte das Sprichwort "Abwarten und Kaffeetrinken" wie die Faust aufs Auge.

Er nahm die Tasse vom Schreibtisch und trug sie zurück zum Replikator, wo sie mit einem Surren dematerialisierte.

'Das war jetzt die letzte Tasse Kaffe für die nächsten Stunden", dachte Yhea und verließ sein Quartier.

--- Gänge

Ziellos schlenderte Yhea über die zurzeit ziemlich leergefegten Gänge der Venture. Anscheinend waren fast alle im Dienst oder gingen ihren Freizeitbeschäftigungen nach. Egal. So war es wenigstens schön ruhig. Als er an einem Terminal vorbei kam, rief er kurz einen technischen Statusbericht.

"Aha, Alex hat wieder gute Arbeit geleistet", sagte er leise zu sich und nickte zufrieden. Dann brauchte er wenigstens nicht im Maschinenraum vorbei zu gehen. Da würde er sich sowieso nur langweilen. Alles lief perfekt. Und wahrscheinlich hätte er dann nur wieder einen Kaffee getrunken.

Langsam schlenderte er weiter, horchte auf die leisen Maschinengeräusche, die immer zu hören waren, und hing wieder seinen Gedanken nach.

--- Technisches Magazin

Chi-Lo hatte die letzten Minuten damit verbracht, die Bestandlisten des Computers mit den Lagerbeständen zu vergleichen.

McCarthy hatte ihm endlich eine Aufgabe zugeteilt, dann auch noch in der Sicherheit, eigentlich sollte der Chinese also zufrieden sein. Das war er aber ganz und gar nicht! Das war kein Job in der Sicherheit, sondern ein verdammter Buchhalterposten!

Allerdings waren die Fehlbestände hier auf dem Schiff Besorgnis erregend. Der frisch gebackene Sicherheitler konnte sich einfach nicht vorstellen, wie es zu diesen horrenden Verlusten an Geräten hatte kommen können, ohne dass jemand etwas davon bemerkt hatte!

Es fehlten: 3 Laserschweißgeräte, 2 Antigrav-Tragbahren, 3 Kraftfeldspulen, 4 Werkzeugkoffer Klasse VII samt Inhalt und jemand hatte einige Ersatzteile für einen Replikator entwendet!

Es war ein Glück, das wenigstens die Waffen vernünftig gegen fremden Zugriff gesichert waren.

Aber das war das technische Magazin eigentlich auch. Nur hatte fast die ganze Crew Zugang zum Magazin - technische Geräte und Ersatzteile benötigte fast jeder einmal.

Also musste irgendein Crewmitglied in diese Sache verwickelt sein.

Chi-Lo hatte auch schon so einen leisen Verdacht, wo die ganzen Gegenstände gelandet sein mochten, zumindest so ungefähr.

Er verließ das Magazin.

--- Bar

Jordans Antwort bestätigte Rubens Vermutungen. Es handelte sich um einen einfachen Fall von Sittenverfall, der sich aber früher oder später auf die Disziplin auswirken würde.

Nicht, dass er sich sonderlich für die Disziplin interessierte, immerhin arbeiteten seine Sicherheitler ausgezeichnet, aber...

Plötzlich weiteten sich Rubens Augen, der Blick verhärtete sich und er starrte durch die Ärztin hindurch. So unvorstellbar war der Gedanke, so quälend die Vorstellung. Nur langsam konnte er sich innerlich wieder lockern und verdrängte jegliche bildliche Interpretation einer Teilnahme von Trustman an solchen "Orgien" in einen entlegenen Teil seines Gehirns.

Den entlegensten!

"Wenn es sich um einen separaten, kleinen Teil der Besatzung handelt, sollten sich die weiblichen Teilnehmer durch die Notwendigkeit einer regelmäßigen Therapierung leicht identifizieren lassen. Da ihre Daten aber scheinbar eben jenen Schluss nicht zulassen, drängt sich die Vermutung auf, dass nicht alle Behandlungen erfasst werden. Dies wäre der Fall, wenn die Infizierten selbst auf Replikatoren zurückgreifen würden, oder wenn jemand aus ihrer Abteilung bei der Verdunkelung hilft. Möglicherweise ist diese Person selbst Teil der Zielgruppe",

analysierte der Niederländer die vorhandenen Hinweise, blieb aber dennoch rot angelaufen. Dieser Trustman würde Ruben noch den Verstand kosten, vor allem wenn er sich ungehindert in seiner Phantasie austoben konnte.

"Ich persönlich vermute, dass nicht alle Männer sich behandeln lassen und nicht all meine Patienten all ihre Partner angeben", fügte Jordan hinzu, "Ansonsten stimme ich Ihrer Einschätzung so weit zu."

Die Hand der Ärztin griff von selbst nach dem Löffel, um ihren Tee umzurühren, und das Klirren von Metall gegen Glas ließ sie darauf aufmerksam werden, dass sie ihn bereits ausgetrunken hatte. Ein Winken in Richtung eCroft, und der Android nickte. Fast schade, dass seine biologische Existenz unwiderruflich beendet war; Jordan hätte sich zu gerne mal wieder mit einem lebenden Landsmann unterhalten...

Sie wandte sich wieder Ruben zu. Immerhin überraschte es sie milde, dass der Niederländer die Situation so rasch überblickte und nicht etliche unnötige Fragen stellte, die eigentlich bereits auf dem Padd beantwortet wurden.

"Die Frage ist nur, wie wir hinter eine Liste aller Betroffenen kommen, ohne gleich jedes Crewmitglied auf die Krankenstation bitten zu müssen. So lieb mir letzteres wäre, aber dem Captain ist das zu aufwendig"

Sie zuckte mit den Achseln, um ein lautloses "Dann halt nicht" anzudeuten, und sah sich stirnrunzelnd nach eCroft um.

"Wenn es einen Helfer im medizinischen Stab oder eine außenstehende Person mit Replikatorzugang gibt, sollte über diese die Natur und gegebenenfalls Organisation der Kontakte ausfindig zu machen sein. Da sich die Krankheit laut ihren Daten nur medikamentös behandeln lässt, sollte eine Abfrage der Replikatordatenbank alle nicht autorisierten Benutzungen aufzeigen können", antwortete Ruben nach einer kurzen Pause und versuchte Jordans Blick zu folgen.

Scheinbar war sie gerade eher an dem künstlichen Barkeeper interessiert oder es war ein Zeichen, dass sie ihn nicht mochte. Bestimmt lachte sie innerlich über seine Unerfahrenheit.

Verlegen kratzte er sich an der Nase, welche heute mehr als sonst zu jucken schien. Ob Cailin wohl auch als Hautarzt ausgebildet war?

"Ich bezweifle, dass das für eine vollständige Erhebung ausreichen wird", erwiderte Jordan mit kritischer Miene. Dann zuckte sie mit den Achseln, "Aber es wird ein erster Schritt in die richtige Richtung sein - ich bin sehr gespannt auf Ihre Ergebnisse."

In diesem Moment brachte der Androide ihren Tee, doch Jordan wäre ohnehin nicht auf die Idee gekommen, Rubens Reaktion auf ihre selbstverständliche Aufgabenverteilung zu beobachten. Nachforschungen dieser Art fielen ihrer Meinung nach eindeutig nicht in ihren Aufgabenbereich.

In diesem Augenblick bemerkte sie, dass der ihr durch zahlreiche Krankenstationsaufenthalte wohlbekannte Chi-Lo die Bar betreten hatte und auf sie zuhielt.

Innerlich stimmte Ruben Jordans Antwort zu. Selbst wenn er den Helfer im medizinischen Stab fand, war das erst der Anfang. Das Gefühl freie Hand in dieser Ermittlung zu haben war jedoch mehr als gut, schärfte die Sinne und eröffnete eine ganze Palette an Maßnahmen.

Gedankenversunken machte er sich ein paar Notizen...

Der Chinese blickte sich kurz um. Er mochte Bars eigentlich gar nicht, aber der Computer hatte ihm die Bar als Aufenthaltsort Wagenvoorts angegeben.

Er erblickte den Holländer sofort, der wohl in ein Gespräch mit der Ärztin vertieft war.

"Mr. Wagenvoort, ich sollte Ihnen Bericht erstatten!", begann er ohne Umschweife. "Also, es fehlen: 3 Laserschweißgeräte, 2 Antigrav-Tragbahren, 3 Kraftfeldspulen, 4 Werkzeugkoffer Klasse VII und etliche Replikatorersatzteile. Sir, es sieht für mich ganz so aus, als hätten einige der evakuierten Siedler der Maquisbasis recht dringend Geräte für einen Neuanfang auf einem anderen Planeten benötigt und sich dabei der Venture bedient. Irgendein Crewmitglied muss ihnen geholfen haben, in das Magazin zu gelangen. Wer genau die Sachen entwendet hat, kann ich Ihnen allerdings nicht sagen. Wie viele Siedler befinden sich eigentlich noch an Bord?"

Mit rasendem Puls versuchte sich der Niederländer zu beruhigen. Wenn er eins nicht mochte, waren es Personen, die sich anschlichen und einem dann das Blut in den Adern gefrieren ließen. Wie ein Igel, der sich zusammenrollte, war er in einer Starre versunken und versuchte nun, sich wenigstens etwas zu lockern.

"Vielen Dank, ähh, Mr. Hu-Wang, da scheint ja doch eine ganze Menge verschwunden zu sein. Allerdings glaube ich kaum, dass die Diebe sich unter den restlichen 23 Maquisarden befinden", antwortete der Sicherheitschef dem Asiaten. Irgendwie tat es ihm jetzt leid, dass er ihm wegen dieser Lappalie Trustman auf den Hals gehetzt hatte.

Nur um seine eigene Haut zu retten.

Die Qualität der Ermittlung zeigte aber dennoch, dass aus diesem Chi-Lo noch etwas werden konnte, auch wenn seine Personalakte eher ein ganz anderes Bild zeichnete.

Zerstörerisch.

Irre.

Provokativ.

Scheinbar hatte der frühere erste Offizier ihn nicht gerade gemocht, als er kurz vor seinem Tod die letzten Personal-Berichte abfasste. *scnr*

Allerdings war vielleicht genau so ein Mensch die Lösung: "Chi-Lo, haben Sie eigentlich schon einmal Undercover gearbeitet?! Wir haben einen Fall, der Infiltration nötig machen könnte..."

Der Chinese konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. 'Sicher habe ich das schon', dachte er, 'Als ich das das letzte Mal getan habe, wollte mich Denningham, die rechte Hand Bragmas, meines Auftragebers, anschließend umbringen. Und seitdem werde ich als Terrorist gejagt, und nur deshalb bin ich auf diesem Kahn mit realitätsfremden Altruisten gelandet'

Laut sagte er: "Undercover? Hört sich gut an!" Vielleicht gäbe das ihm ja die Chance, mal von diesem Schiff herunterzukommen. "Sagen wir einfach mal, ich war längere Zeit in einigen Gewerben tätig, deren Ausübung ein gewisses Maß an ... Diskretion ... verlangte."

Das in der Tat nichts als die reine Wahrheit. Waffenschmuggel und Sklavenhandel erforderten sogar äußerste Diskretion, so man nicht den Rest seines Lebens auf Delora VII nach Dilithium für die Föderation buddeln wollte.

"Ich bin Ihr Mann. Worum geht's?"

"An Bord hat sich eine Geschlechtskrankheit ausgebreitet, welche jedoch scheinbar von der infizierten Personengruppe teilweise verschleiert wird. Aufgrund der besonderen Natur der statistischen Daten, gehen wir davon aus, dass polygame Treffen stattfinden. Sie sollen einen möglichst großen Personenkreis entlarven, jedoch ohne selbst enttarnt zu werden", weihte der Niederländer Chi-Lo ein, brachte jedes Wort nur mit äußerster Überwindung hervor. Auf die Vergangenheit des Chinesen ging er erst gar nicht ein.

Vielleicht war es besser, wenn er es gar nicht wusste.

"Als, ähh, Sicherheitschef würde man mir sicher nicht vertrauen, weshalb ein einfacher Sicherheitler diese Gruppe aufspüren muss", fügte er noch hinzu und hoffte händeringend, dass niemand etwas gegen die allzu offensichtliche Lüge sagen würde.

Scheinbar hatte er Glück und seine Gesichtsröte blieb die einzige Reaktion, während er das peinliche Briefing zu Ende brachte: "Da die Sache sehr delikat ist, hoffe ich auf ein angebrachtes Feingefühl und Verschwiegenheit. Sollten Sie-"

Wenn das vorbei war, würde er sofort auf die Toilette rennen und sich mehrmals übergeben. Wo waren nur Beruhigungsmittel, wenn man sie brauchte?

"-sich anstecken, wird Dr. Kincaid Sie privat behandeln"

Ruben konnte es nicht fassen: Er hatte einem Untergebenen eben befohlen, mit wechselnden Partnern Sex zu vollziehen und sich einen weg zu holen. Er würde wohl einige Details in seinem Bericht für McCarthy auslassen müssen...

Je länger der Holländer sprach, desto mehr verschwand das Grinsen aus dem Gesicht des Asiaten.

Als Wagenvoort schließlich geendet hatte, stand Chi-Lo nur noch mit ungläubig herunterhängendem Unterkiefer da.

"Ääääh..., Öööhm..., Was..., Wie bitte?", stammelte er fassungslos. Der Asiat wünschte sich, der Holländer hätte ihm befohlen, das zentrale Latinumlager auf Ferenginar auszurauben. Das wäre wohl angenehmer gewesen...

Er wog die Möglichkeiten ab. Befehlsverweigerung war eine klare Option. Niemand konnte von ihm erwarten, diesen Auftrag wirklich auszuführen. Eingedenk seines Desasters mit Shania hatte er selbst heftige Zweifel daran, ob er überhaupt die notwendigen Qualifikationen für diesen Job mit sich brachte...

Chi-Lo fragte sich, wer wohl roter leuchtete, Wagenvoort oder er selbst. 'Hoffentlich beobachtet uns niemand, sonst denkt er, es ist roter Alarm!', dachte er trocken.

Auf der anderen Seite... Was hatte er zu verlieren? Wenn ihm die Ermittlungen zu unerwünschten Partnern führten, dann könnte er ja immer noch behaupten, er sei keinen Schritt weiter gekommen.

Und wenn die Ermittlungen zu guten Partnern führten, dann konnte er haargenau das Gleiche behaupten, was das anging...

"Welche Krankheiten, ääääh, ich meine... und wer ist eigentlich verdächtig?"

Der Asiat schwitzte so stark, dass einige Tropfen von seinem Gesicht auf die Tischplatte fielen. Seine Ohren mussten gleich in Flammen aufgehen, so sehr brannten sie.

Dem Chinesen war die Scham deutlich anzusehen, aber an diesem Punkt mussten sie beide das einfach durchstehen, versuchte sich Ruben einzureden. Abgesehen davon konnte es ja nicht so schwer sein, immerhin war der Asiat athletisch gebaut.

"Dieses Padd enthält alle Informationen über Tereon Alpha. Verdächtig ist derzeit jedes Besatzungsmitglied. Sinn der Untersuchung ist jedoch keine Strafverfolgung, sonderlich lediglich die Aufklärung im Sinne einer medizinisch einwandfreien Behandlung", beantwortete er die Fragen und versuchte ruhig durchzuatmen.

Sein Gesicht leuchtete mit Chi-Lo um die Wette, während Jordan abwartend schwieg und vorgab sich ihrem Getränk zu widmen. Himmel, wieso musste sowas immer Ruben passieren?

--- Brücke

"Captain, wir erreichen die Koordinaten in fünfzehn Minuten", meldete Kuzhumo ausgeglichen wie immer und Charles blickte von einem ganzen Stapel von Berichten auf. Seit der Japaner sein Erster Offizier war, hatte er viel mehr zu lesen.

Größtenteils unwichtige Dinge.

Wie die Randnote, dass einige Werkzeuge verschwunden waren...

Wenn er dagegen an die nächsten Tage dachte! Sie würden soviel Dilithium schürfen, dass selbst so mancher Ferengi arm gegen die Venture ausschauen würde. Zwar hatten sie sich mehrere Monate aus der Region ferngehalten, nachdem das unglückliche Zusammentreffen mit der Sternenflotte das öffentliche Interesse geweckt hatte, aber so einen Schatz konnte sich niemand langfristig entgehen lassen.

"Brücke an Führungsoffiziere, Missionsbriefing in einer halben Stunde im Konferenzraum. Alnak, sorgen Sie dafür, dass zwei Raider in einer Stunde startklar sind, McCarthy Ende", wies er seine Leute an und war zuversichtlich, dass der Job schnell über die Bühne gehen würde.

--- Gänge

Immer noch schritt Yhea gedankenverloren durch die Gänge des Schiffes, als ihn der Ruf des Captains erreichte. Nachdem er den Befehl quittiert hatte, beschleunigte er seinen Gang und steuerte den Maschinenraum an.

--- Maschinenraum

Im Maschinenraum angekommen, schaute er sich kurz um und entdeckte Chedu und Alex, die gemeinsam an einer Konsole saßen und sich unterhielten. Sofort ging er auf die Beiden zu und begrüßte sie.

"Ich hoffe, ich störe auch nicht bei irgendwas Wichtigem", fragte er und schaute Alex an.

"Nein, tust du nicht", antwortete der Techniker und zeigte auf Chedu, "Ich habe ihr nur ein paar Dinge erklärt."

"Gut, wir haben nämlich gerade einen neuen Auftrag erhalten. Alex, kannst du zwei Raider bis in einer Stunde startklar machen?"

Alex überlegte kurz und nickte dann.

"Ja, wird erledigt. Ich werde Jimmy dazu rufen und dann sind wir in einer Stunde fertig"

"Prima", antwortete Yhea und schaute Chedu an, "Wir Beide werden gleich zu der Missionsbesprechung im Konferenzraum gehen. Haben Sie noch irgendetwas vorher zu erledigen oder können wir gleich los?", fragte er die Klingonin.

Währenddessen war Alex schon los zur Shuttlerampe, um die Shuttles vorzubereiten.

--- Shuttlerampe

Gerade als Alex die Shuttlerampe betreten hatte und sich dem ersten Raider zugewandt hatte, kam auch schon Jimmy Robsen mit einem Werkzeugkoffer bewaffnet herein. Alex hatte ihn direkt nach verlassen des Maschinenraums benachrichtigt, doch genaueres hatte er nicht erzählt. Deswegen hatte Jimmy auch das Werkzeug dabei. Man konnte ja nie wissen, ob man es nicht doch noch brauchte.

"Melde mich wie befohlen", sagte Jimmy mit einem kurzen Grinsen, als er bei Poulsen ankam.

"Danke für das schnelle Kommen. Ich weiß, dass du eigentlich frei hast, doch das hier ist wichtig. Ich hoffe, ich habe dich nicht bei was Wichtigem gestört", fragte er.

"Nein, nein", winkte Jimmy ab und stellte den Werkzeugkoffer auf den Boden, "Ich war gerade dabei, den Computer im Poker fertig zu machen. Es fehlt nicht mehr viel und er steckt die Schlappe seines Lebens ein!" Ein breites Grinsen schlich sich in das Gesicht des jungen Technikers.

"Aber das kann ich auch nachher noch machen. So, aber nun zum Wesentlichen. Wie kann ich für dich tun?", fragte Jimmy.

"Befehl vom Captain", beantwortete Alex die Frage, "Wir sollen zwei Raider bis in knapp einer Stunde startklar machen"

"Aha, hmm. Steht schon fest wofür?"

Alex schüttelte den Kopf: "Keine Ahnung. Alnak und Chedu sind gerade zur Besprechung. Ich denke, wir werden noch früh genug erfahren, was los ist. Außerdem weiß ich noch nicht, wer die Raider fliegen wird. Vielleicht Yhea den Einen. Aber egal. Ich würde sagen, machen wir uns an die Arbeit"

Jimmy nickte und drehte sich zu den Raidern um. Die großen Schiffe nahmen beinahe den ganzen Platz in der Shuttlerampe ein. Er blickte zu Alex zurück, der ihm kurz zeigte, um welchen Raider er sich zu kümmern hatte. Robsen nickte und schritt auf das Gezeigte zu.

'So, dann wollen wir mal', dachte er und betrat das Schiff.

--- Raider Silver Sun

Schwungvoll ließ sich Jimmy in den Pilotensitz fallen. Mit ein paar Befehlen schaltete er die Beleuchtung ein und fuhr er den Hauptcomputer hoch. Während der Computer die einzelnen Systeme aktivierte, überprüfte Jimmy anhand der Checkliste sämtliche Schiffssysteme. Wenige Minuten später war er durch. Er nickte zufrieden, speicherte den Diagnosebericht ab und startete die Vorwärmsequenz des Warpantriebes.

Während sich der Warpantrieb auf die erforderliche Betriebstemperatur aufwärmte, aktivierte Jimmy die Impuls- und Manövriertriebwerke. Das bekannte Brummen ertönte und die Anzeigen der Antriebe gingen auf Grün. Wieder nickte Jimmy, dann schaltete er alles auf Stand-By und wartete darauf, dass auch die Anzeigen des Warpantriebs ihr OK zum Start gaben.

Währenddessen testete er noch die Transporter und die Replikatoren, befand auch die Systeme für gut und schaltete dann zum Schluss noch kurz die Tarnvorrichtung der Silver Sun ein. Auch hier alles in Ordnung.

Gerade hatte er den Tarnmantel wieder gesenkt, da war auch der Warpantrieb bereit. Er sicherte alle Systeme und gab Poulsen bescheid. Der war noch nicht ganz fertig und so replizierte sich Jimmy noch einen grünen Tee, während er auf Alex wartete.

--- Bar

McCarthys Durchsage erreichte Jordan als medizinische Offizierin im Dienst gerade, als sie sich schon ernsthaft überlegte, bei eCroft einen Eimer Wasser für den Chinesen zu bestellen - zum Drüberschütten und Abkühlen. Es amüsierte sie extrem festzustellen, dass Chi-Lo ebenso entsetzt reagierte, wie sie es etwas vom Captain erwartet hätte, den sie als recht verklemmt einschätzte.

Dagegen atmete der Niederländer erleichtert aus, pfiff dabei unwillkürlich wie eine kaputte Blockflöte. McCarthy wusste, wann der richtige Moment für einen Befehl war!

"Mr. Hu-Wang, Sie begleiten uns zu der Besprechung, da Sie vielleicht einige nützliche Informationen geben können!", wies er den Asiaten an, der sich ebenfalls über die Unterbrechung zu freuen schien. Zwar war sich Ruben nicht sicher, ob eine Rückkehr zu dem Asteroidenfeld wirklich ratsam war, was er dem Captain auch mehrmals vergeblich mitgeteilt hatte, aber zumindest jetzt wäre ihm auch ein Angriff der Borg willkommen gewesen.

"Entschuldigen Sie mich", wandte die Ärztin sich an die beiden Männer und schob ihre Tasse von sich, "Ich sollte noch mal auf der Krankenstation vorbei gehen. Wir sehen uns gleich"

Sie nickte ihnen in ihrer üblichen korrekten Art zu und ging.

Eine gewisse Erleichterung konnte sie sich nicht verwehren, dass sie mit der Ausführung von Wagenvoorts Idee nichts zu tun haben würde... für solche Sperenzien fühlte sie sich definitiv zu alt.

Erleichtert nahm der Chinese den Themenwechsel zur Kenntnis.

Alles, nur nicht weiter über diese unmögliche "Mission" nachdenken!

Und offensichtlich schien man ihm langsam auch seinen Fauxpas im Asteroidengürtel zu verzeihen. Sonst hätte ihn Wagenvoort mit Sicherheit nicht dabei haben wollen. Ja, er würde gerne an einem Missionsbriefing teilnehmen. Vielleicht ergäbe sich ja daraus auch die Möglichkeit, für die Sexmission nicht zur Verfügung stehen zu können, überlegte der Asiat.

Ja, und vielleicht endlich mal eine Gelegenheit, zu beweisen, dass der Vorfall im Asteroidengürtel nur ein dummes Missgeschick war.

Eine neue Mission, und der Asteroidengürtel wäre vergessen. Er hoffte im Stillen, nie wieder etwas mit Asteroidengürteln zu tun haben zu müssen.

--- Raider Dark Moon

Angestrengt tippte Alex auf der Steuerkonsole herum. Es ärgerte ihn ein wenig, dass Robsen wieder einmal schneller mit seiner Arbeit fertig war als er. Gut, wahrscheinlich war Jimmy auf keine Probleme gestoßen. Er hingegen hatte zweimal die Vorwärmsequenz des Warpantriebes starten müssen, weil jedes Mal irgendein Fehler dazwischen kam. Doch nun sah alles gut aus. Der Warpantrieb lief endlich und auch die anderen Systeme arbeiteten zufriedenstellend.

Also schaltete er auf Stand-By um und verließ den Raider.

--- Shuttlerampe

Schnellen Schrittes durchquerte er die Shuttlerampe und steuerte die Silver Sun an. Er warf einen kurzen Blick auf die Außenhülle des Schiffes, bevor er den Raider betrat.

'Könnte auch mal wieder einen neuen Anstrich vertragen', dachte er. 'Aber das kann dann jemand anderes machen'

Ein Lächeln erschien in seinem Gesicht. Für solche tollen Aufgaben fand sich immer jemand Dummes.

--- Raider Silver Sun

Er entdeckte Jimmy im Pilotensitz, mit einer Tasse Tee in der Hand. Dem Geruch nach zu urteilen, war es wohl irgendetwas mit Früchten. Doch Alex kannte sich da nicht so gut aus. Er trank dann doch lieber mal einen Kaffee. Auch wenn er mitnichten die Menge an Kaffee zu sich nahm, wie Alnak. Er fand es sowieso faszinierend, in was für Größenordnungen der Romulaner dieses Getränk konsumierte. Vor ein paar hundert Jahren wäre Yhea wahrscheinlich schon in jungen Jahren an einem riesigen Magengeschwür gestorben. Doch heute...

Bevor Poulsen sich neben Jimmy setzte, holte er sich noch schnell ein Glas Wasser vom Replikator. Irgendwie fand er, dass es hier ungewöhnlich warm war. Doch ein kurzer Check der Klimaanlage zeigte ihm nur, dass sie normal funktionierte. Also lag es an ihm. Vielleicht hatte er sich irgendwo eine Erkältung eingefangen. Ein Besuch in der Krankenstation würde bestimmt nicht schaden.

Schweigend saßen die beiden Techniker nebeneinander, hingen ihren Gedanken nach und genossen die Ruhe. Nur die leisen Betriebsgeräusche des Raiders waren zu hören. Doch wenn man längere Zeit auf einem Raumschiff war, nahm man solche Geräusche nicht mehr wahr, oder zumindest nicht mehr viel.

Alex warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Er musste zugeben, dass sie diesmal richtig schnell gewesen waren. Na, dann hatten sie noch etwas Zeit bis zum Start.

Jimmy schien das ebenfalls aufgefallen zu sein. Deswegen fragte er Alex: "Sag mal, du hast nicht zufällig Lust auf eine Partie Poker gegen mich und den Computer?"

"Gegen dich UND den Computer?", antwortete Alex entsetzt, "Da hab ich ja gar keine Chance."

Er lachte und stellte sein Glas ab: "Aber bevor wir uns hier zu Tode langweilen ... Und außerdem kann ich dann noch was lernen"

"Alles klar. Dann legen wir mal los entgegnete", Jimmy und zog ein Pokerspiel aus der Tasche.

--- Maschinenraum

"Wir können los", entgegnete die Technikerin nachdem sie sich bei dem Menschen mit einem knappen Nicken für seine Erläuterungen bedankt hatte, bevor dieser Richtung Shuttlerampe verschwand.

Chedu trat vor dem Romulaner aus dem Maschinenraum und drehte sich nach ihm um: "Wissen Sie, um was es bei der Besprechung gehen soll?"

--- Deck 4, Gänge

Langsam gingen Yhea und Chedu in Richtung Turbolift, während Alnak die Frage der Klingonin beantwortete.

"Ich nehme mal an, es geht um die bevorstehende Mission. Vor allem, da wir zwei Raider startklar machen sollen. Können Sie sich noch an die Sache mit dem Asteroiden erinnern? Vor 3 Monaten? Ich vermute mal, dass wir nun doch noch etwas von dem Dilithium bergen sollen."

Ein unsicheres Nicken kam von Chedu als Antwort.

"Ach stimmt ja", fügte Yhea hinzu, "Sie können sich ja gar nicht dran erinnern. Sie waren ja die ganze Zeit bewusstlos. Oder etwa nicht?"

Als Antwort bekam Yhea nur ein unverständliches Gemurmel zu hören und Chedus Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien es ihr unangenehm, über das Thema zu reden.

Deswegen bohrte der Romulaner auch nicht mehr nach. Zudem erreichten Beide auch gerade Turbolift 3.

--- Turbolift 3

Die Erwähnung eben dieses Shuttle-Fluges durch Alnak, weckten erneut unangenehme Gefühle in der Klingonin. Es war ihr immer noch furchtbar peinlich durch einen Unfall so lange außer Gefecht gesetzt worden zu sein. 'Wenn es wenigstens im Kampf passiert wäre...'

Aber nein, sie hatte nichtmal verhindern können, dass dieser völlig übergeschnappte Chinese mit dieser irren Aktion, das Shuttle und seine Insassen derart in Gefahr gebracht hatte. 'Wenn dabei Gorm was passiert wäre...'

Chedu wagte gar nicht erst diesen schrecklichen Gedanken zu vollenden. Zu schmerzlich wäre der Gedanke, dass dieser ungewöhnliche und liebenswerte Ferengi ihr Leben nicht mehr mit seiner Gesellschaft bereichern könnte.

Während sie durch die Deck-Anzeige des Turbolifts hindurchstarrte, ließ sie ihre Gedanken lieber zu angenehmeren Erinnerungen abschweifen. Vor Chedus innerem Auge entstand das Bild, wie sie gerade dabei war ihr Quartier etwas wohnlicher zu gestalten. Nachdem sie dieses schrecklich zu weiche Bett, hinausgeworfen und der Recycling-Anlage zugeführt hatte und sich stattdessen lieber ein großes Fell auf den Boden breitete, machte sich die Technikerin daran den Schrank ab zu montieren um ihn an eine andere Stelle des Zimmers zu versetzen.

Zu ihrer Überraschung fand sie dahinter eine Verbindungstür, die zu Gorms Quartier führte. Scheinbar, hatten diese beiden Räume mal ein gemeinsames Quartier gebildet. Chedu fand den Gedanken, diesen Zustand wieder herbei zu führen, sehr verlockend.

Die Verriegelung der Tür stellte kein Problem für die Technikerin dar. Ein paar Minuten später stand sie mit der Unschuldsmiene die einem bajoranischen Vedek alle Ehre gemacht hätte und nur mit einem Handtuch über ihren Arm "bekleidet" in Gorms Quartier und fragte den völlig perplexen Ferengi, ob sie seine Schalldusche benutzen könne, da ihre kaputt sei.

--- Deck 4, Labor

Clint sah gerade einige Daten durch als ihn die Durchsage des Captains aufhorchen ließ. Der Wissenschaftler wusste, worum es bei der Besprechung gehen würde. Die Mission wurde von den Führungsoffzieren bereits erwartet, nur der Zeitpunkt war bisher unbekannt. Er verschwendete deshalb keine Zeit und ging zu Gorms Arbeitsstation.

"Dr. Gorm? Wenn ich mich nicht irre wird man ihre Fachkenntnisse bei der kommenden Mission benötigen. Deshalb erscheint es sinnvoll dass sie an der Besprechung teilnehmen. Wenn sie mir bitte folgen würden?" Der Ferengi hatte sich gerade in irgendwelche Gedankengänge vertieft und fand nicht so schnell aus seinen abstrakten Überlegungen in die Welt der Normalsterblichen.

Verwirrt und verunsichert folgte er dem Wahlvulkanier.

--- Gänge, Deck 5

Schweigend marschierten die beiden so unterschiedlichen Sicherheitler nebeneinander zum Turbolift. Ab und zu äugte der Niederländer auf den Asiaten hinab, den er um einen ganzen Kopf überragte. Trotzdem hatte er sich schon besser gefühlt, ganz abgesehen von der Sex-Sache.

Chi-Lo entsprach viel mehr dem, was sich die meisten unter einem Sicherheitler vorstellten. Während Ruben sich durch Berichte wühlte, wütete der Chinese mit einem Phaser an vorderster Front. Und obendrein hatte er auch nicht unter dieser juckenden Nase zu leiden...

--- Turbolift 1

"Ähh Deck 1, bitte", wies Ruben den Computer räuspernd an und versuchte verkrampft ein Gespräch zu beginnen, welches das drückende Schweigen durchbrechen konnte,

"Kannte sich von der ursprünglichen Gruppe eigentlich außer Gorm noch jemand mit Geologie aus? Wenn wir zurückkehren, zu dem Asteroidenfeld meine ich, wären mehrere Experten sicher besser..."

"Äääääh,... Astero,... ich meine..., ob wir G-g-geologen da..., also, ich weiß,... ich meine, keine Ahnung!", stammelte der Asiat fassungslos.

Asteroidenfeld? Die Götter trieben wieder einmal ihr sadistisches Spiel mit ihm.

Vor seinem geistigen Auge sah er schon McCarthy während der Mannschaftsbesprechung. 'Mr. Hu-Wang, welche Ideen zur Bergung des Dilithiums kamen Ihnen während Ihres Amoklaufes? Wie könnten wir es am besten schürfen? Ach ja, und haben Sie auch eine Idee, wie wir Sie an der totalen Zerstörung unseres Schiffes hindern können, wenn sie wieder ausrasten?'

Die Gesichtszüge des Asiaten waren eindeutig entgleist und Ruben bemühte sich den Blick von dem Chinesen zu lösen. Er wüsste recht wenig über dieses Volk, aber begingen sie nicht Selbstmord, wenn Schmach über sie kam?

Oder waren das die Japaner?!

Nein, die Japaner waren es eindeutig nicht. Schon das hohe Alter von Kuzhumo sprach nach eingehender Überlegung dagegen! Jedenfalls war der Niederländer froh, dass man in seiner Heimat derartige Riten abgelegt hatte und sich der hohen Kunst des Tulpenzüchtens widmete...

"Ähh, naja, der Captain wird das Personal schon kennen", antwortete der Sicherheitschef schließlich und schluckte vergeblich ein kratziges Gefühl im Hals hinunter.

Der Aufzug stoppte.

--- Deck 1, Besprechungsraum

Einsam und verlassen lag der Besprechungsraum vor ihnen. Zum ersten Mal seit Betreten der Bar schaute Wagenvoort auf seinen Chronometer und riss die Augen erschreckt auf. Er war so darauf bedacht gewesen, der peinlichen Situation in der Bar zu entfliehen, dass er ganze 50 Minuten zu früh dran war.

Gefangen.

Mit diesem Chinesen, der jeden Moment Selbstmord begehen konnte.

"Einen Baldrian-Tee, extra beruhigend", wies er den Replikator mit zitternder Stimme an, dachte dabei an seine flatternden Nerven.

War der Holländer eben noch glühend rot im Gesicht gewesen, so wirkte auf einmal kreidebleich. Mit zitternden Händen nahm Wagenvoort den Tee aus dem Replikator, so dass eine beachtliche Menge überschwappte.

Nun ja, die Mimositäten dieses Wagenvoort interessierten den Chinesen herzlich wenig. Er schaute sich im Raum um. Es gab einen riesigen, zentralen Tisch und eine Menge Stühle, die darum herum postiert waren. An der gegenüberliegenden Wand erblickte der Asiat eine Glasvitrine mit Ausstellungsstücken. Insbesondere faszinierte ihn ein Bat'leth. Chedu würde wohl ihre Freude an so einem Prachtexemplar haben.

'Naja, der Captain kommt erst in 20 Minuten, da werde ich das Bat'leth mal etwas näher in Augenschein nehmen.', dachte er sich. Er öffnete die Glastür und entnahm das Bat'leth der Vitrine.

Erschrocken begann Rubens Hand immer mehr zu zittern, während der Asiat das klingonische Schwert genau musterte. Dass der Tee sich mittlerweile immer mehr auf dem Boden verteilte, bemerkte er bei der quälenden Angst gar nicht. Schließlich nahm er seine andere Hand zur Hilfe, bevor die Tasse ihm herunterfallen konnte.

Zuerst überlegte er sich einfach wegzudrehen und die Ohren pfeifend zuzuhalten, immerhin war der Freitod eine gesetzlich legitimierte Handlung. Und das nicht nur bei Klingonen, die zweifelsohne sogar spezielle Waffen für solche Zwecke entwickelt hatten.

Andererseits konnte er gar nicht pfeifen.

Und zudem war Chi-Lo sein Untergebener. Wenn McCarthy beim Hereinkommen von einer frischen Leiche begrüßt wurde, während der Niederländer mit verkrampft geschlossenen Augenlidern in einer Ecke saß, mochte das keinen guten Eindruck machen.

Tief einatmend versuchte der Niederländer wenigstens etwas Mut zu sammeln und ging einen Schritt auf den Chinesen zu, nicht ohne einen Meter Abstand angesichts der tödlichen Klinge zu halten:

"Ähh, auch wenn ich den Schmerz über Ihr...", Ruben verlor sich kurz im Stottern, "Jedenfalls sollten Sie sich ganz genau überlegen, ob Sie so eine endgültige Entscheidung wirklich treffen wollen"

Jetzt, wo der erste Satz gesprochen war, fing alles schon an etwas leichter zu werden und es begann förmlich aus Wagenvoort herauszusprudeln: "Ein Counselor kann Ihnen sicher helfen, glauben Sie mir. Als ich klein war, hatte ich selber ein paar Sitzungen wegen ähhh gestörter Verdauung und seitdem habe ich diese Probleme im Griff!"

Was nicht gelogen war, auch wenn die "paar Sitzungen" über sechs Monate gedauert hatten, bis er die Bettnässerei endlich losgewesen war.

Der Asiat war verwirrt. Er sollte sich seine endgültige Entscheidung gut überlegen? Aber Wagenvoort hatte doch selbst gesagt, dass Chi-Lo an dieser Besprechung teilnehmen solle. Und was zum Teufel sollte ein Counselor damit zu tun haben? So einschneidend war die Teilnahme an einer Einsatzbesprechung doch nun wirklich nicht.

Er wandte sich dem Holländer zu: "Nein, meine Entscheidung steht endgültig fest. Ich werde das durchziehen. Wie kommen Sie eigentlich darauf, ich würde einen Rückzieher machen, wo ich doch schon diesen unmöglichen Sexauftrag von Ihnen erhalten habe?" Wirklich ein seltsamer Kauz, dieser Wagenvoort.

"Selbstverständlich werde ich auch das hier tun. Es sei denn, Sie befehlen etwas anderes."

Bevor der Niederländer antworten konnte, öffnete sich die Tür und der Romulaner betrat in Begleitung Chedus den Raum.

Den weiteren Weg bis zum Konferenzraum hatten sie schweigend absolviert. Irgendwie kam es Yhea so vor, als würde Chedu irgendetwas belasten. Doch er war schließlich Techniker und kein Seelenklempner. Falls sich der Zustand der Klingonin verschlimmern würde, dann könnte er sie immer noch zum Psychologen schicken.

Als sie den Konferenzraum betraten, unterbrach er seinen Gedankengang, denn entgegen seiner Erwartung, sie wären die Ersten, war schon jemand vor ihnen da. Chi-Lo und Wagenvoort. Und das Bild welches sich ihm bot war erschreckend.

Chi-Lo stand mit erhobenem Bat'leth vor dem Niederländer, der so sehr am zittern war, dass sich dessen Tasseninhalt schon den Weg zu dem farblich sowieso nicht sehr geschmackvollen Teppich gesucht hatte.

Schnellen Schrittes durchquerte Yhea den Raum, stellte sich zwischen die beiden Sicherheitler und fischte das Bat'leth aus Chi-Los Händen.

"Hey, ich weiß nicht worum es geht. Doch ich finde, Teeflecken auf dem Teppich sind genug. Denn dazu noch Blut; dann ist das komplette farbliche Gesamtgefüge zerstört. Und das wollen Sie doch bestimmt nicht verantworten", sagte er beinahe schroff zu Chi-Lo.

Selten war Ruben so froh gewesen, die Anwesenheit einer anderen Person zu beobachten. Auch, obwohl es sich um einen Romulaner handelte. Zwar hielt der Niederländer nichts von Hass oder Rachegelüsten gegen eine Spezies, aber diese Romulaner hatten sich im Kampf schon als äußerst brutal erwiesen.

Schnell wischte er die Erinnerungsfetzen weg und atmete aus wie ein Walross. Die Luft von Minuten schien zu entweichen und augenblicklich fühlte sich Wagenvoort besser, während seine Haut elektrisierte:

"Ich kann kaum sagen, wie froh ich bin, dass Sie gekommen sind, Mr. Alnak. Gewalt ist keine Lösung. Stattdessen sollten Sie vielleicht einen Psychologen aufsuchen!"

Die letzten Worte waren zaghaft an den Asiaten gerichtet, nachdem dieser wie betäubt dazustehen schien. Nicht wirklich ein Befehl, eher wie ein guter Ratschlag. Chi-Lo blieb still, aber wenn man an der Grenze zum Tod gestanden hatte, mochte man das verstehen.

Der Chinese stand da wie vom Donner gerührt. Dachten alle etwa, er hätte mit dem Bat'leth Wagenvoort... So ein Unfug! Er hatte sich die Waffe doch nur ein wenig ansehen wollen!

"Ich denke, hier liegt ein Missverständnis vor", sagte er zaghaft, "Ich habe mir diese Waffe nur angesehen... Wagenvoort, sagen Sie den anderen, dass ich diese Waffe schon seit über einen Minute in den Händen gehalten habe. Und dass ich keinerlei Anstalten gemacht habe, sie anzugreifen!", forderte er den Holländer auf.

Innerhalb von einer Minute bekam er von dem Holländer nun schon zum zweiten Mal den Rat, einen Counselor aufzusuchen.

Verdammt, der Chinese musste wirklich einen schlechten Ruf haben. Und dabei hatte Chi-Lo angesichts der Tatsache, dass er hier dabei sein sollte, gedacht, er würde die Chance bekommen, sich zu rehabilitieren. Langsam kam in ihm aber der Verdacht hoch, dass Wagenvoort ihn nur unter ständiger persönlicher Beobachtung haben wollte.

Jetzt war es der Niederländer, der wie versteinert dastand und den Chinesen musterte. Scheinbar lag hier wirklich ein gewaltiges Missverständnis vor!

Unwillkürlich kratzte er sich an der Nase und verfiel in eine Phase des Räusperns: "Ähmm, ja, natürlich wollte Mr. Hu-Wang nicht mich töten, sondern, nun ja, Depressionen sind keine Sache, für die man sich schämen müsste. Und auch wenn Sie jetzt glauben, mit dem Leben abschließen zu müssen, versichere ihn Ihnen, dass wir jemand wie Sie noch brauchen werden!"

Wie zur Bestätigung stellte er langsam und ohne jede offensive Bewegung seine Tasse ab und übernahm von dem Romulaner das klingonische Schwert. Ganz schön schwer für ein Stück Blech! Ruben mochte gar nicht wissen, was man damit alles anstellen konnte.

Erst recht, wenn man sich nicht damit auskannte.

Er schauderte bei dem Gedanken, sich aus Versehen einen Fuß abzuhacken und beschloss, das Bat'leth wieder in die Vitrine zu legen.

Besser als es einem Suizidalen oder einem Romulaner zu überlassen.

Yhea beobachtete den Niederländer, wie dieser mit immer noch zitternden Händen das Bat'leth zurück in die Vitrine stellte. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis Wagenvoort endlich die Vitrine geschlossen hatte. Es wunderte Yhea sowieso, was ein klingonisches Bat'leth hier in diesem Besprechungsraum zu suchen hatte. Bei einem menschlichen Captain. Aber egal, er hatte nicht vor, diese Waffe irgendwann mal in die Finger zu nehmen.

Jetzt erst merkte er, wie sich eine unangenehme Stille im Raum breit machte. Anscheinend traute sich keiner irgendetwas zu sagen. Doch Yhea änderte die Situation schlagartig.

"Will irgend jemand etwas trinken?", fragte er, während er zum Replikator schritt, "Ich brauche jetzt erst einmal einen Kaffee."

Bei dem Anblick der bewaffneten Klingonin bildete sich erneut ein Kloß in Rubens Hals. Scheinbar war es am sichersten, niemanden an Bord aus den Augen zu lassen. Nur zu dumm, dass er als Sicherheitschef eigentlich für sowas zuständig war!

"Ähm, ich nehme ein Wasser ohne Kohlensäure, 20°C", ließ sich der Niederländer vernehmen, während er sich wie ein nasser Sack auf einem der Stühle niederließ. Was ein Chaos...

Yhea blickte zu den anderen, doch anscheinend hatte sonst keiner einen Wunsch. Deswegen wartete er nicht mehr lange, replizierte das Wasser und seinen Kaffee und setzte sich, nachdem er den Niederländer bedient hatte, an den Besprechungstisch. Vorsichtig trank er von dem Kaffee, während er die Klingonin genau im Auge behielt. Denn ein ziemlich durchgeknallter Mensch mit einem Bat'leth war schon schlimm, aber eine Klingonin mit der Waffe...

Er mochte gar nicht daran denken. Er blickte auf die Uhrzeit. Nicht mehr lange und McCarthy müsste kommen. Meistens war der Captain pünktlich, wenn es um die Einhaltung von Terminen ging.

"Chedu, kommen Sie schon", rief er der Klingonin entgegen, "Tun Sie nicht so, als hätten Sie noch nie ein Bat'leth gesehen. Das glaube ich Ihnen nämlich nicht. Sie wären die erste Klingonin, die nicht mit diesem überdimensionalen Fleischermesser umzugehen weiß"

Sofort erntete er finstere Blicke, die ihn jedoch überhaupt nicht beeindruckten. Mit der freien Hand winkte er die Technikerin zu sich.

"Na los, setzten Sie sich", raunte er ihr zu, "Wenn gleich der Captain kommt und Sie starren sein Bat'leth an als wäre es sonst was, dann glaube ich nicht, dass er darüber so riesig erfreut wäre. Oder was meinen Sie?"

"Romulanische Fleischmesser scheinen ja ziemlich beeindruckend, wenn auch unpraktisch zu sein, wenn sie solch starke Ähnlichkeit zu Bat'leths aufweisen", konterte die Klingonin trocken.

Sie wiegte das Schwert auf ihrem Unterarm. Es fühlte sich gut. Mit einer bogenförmigen Bewegung, übergab sie es in ihre andere Hand und fasste es schließlich mit beiden Händen.

"Wieso sollte der Captain nicht erfreut sein, wenn ich seine Waffe zu schätzen weiß?" Wie zur Demonstration, dass sie natürlich mit einem Bat'leth umzugehen wusste, führte sie ein paar traditionelle Angriffsformen in die Luft aus und genoss dabei wie gut die Waffe in ihrer Hand lag... und besonders die Panik in den Augen des Sicherheitschefs.

Schließlich legte sie die Waffe wieder in die Vitrine zurück. "Nicht, dass es noch zu einem Bruch der strukturellen Integrität kommt", meinte sie mit einem grinsenden Seitenblick zu Wagenvoort und ließ sich auf einen freien Stuhl nieder.

Stardust Venture